VonFelicitas Breschendorfschließen
Klima-Aktivist:innen rufen dazu auf, auf TikTok mehr grüne Inhalte zu verbreiten. Tausende schließen sich an: „Damit niemand den Eindruck bekommt, Rechtspopulismus sei normal.“
TikTok ist voll von verrückten bis gefährlichen Trends: Kein Wunder, dass sich dort hauptsächlich junge Menschen herumtreiben (unter den 14- bis 29-Jährigen nutzen zwei Drittel täglich die App, wie eine Studie im Auftrag des SWR zeigt). Politisch betrachtet ist TikTok aber nicht so links und progressiv, wie man erwarten könnte. Tatsächlich hat der Account der AfD-Fraktion im Bundestag am meisten Follower:innen, rund 410.000. Die Grünen kommen im Vergleich nicht einmal auf 4000 Follower:innen (Stand: 20. März 2024).
AfD führt TikTok an: Bundesregierung zieht nur schleichend nach
Das mag daran liegen, dass die AfD auch bei jungen Menschen beliebt ist, wie etwa die Landtagswahlen in Hessen und Bayern zeigten. Dahinter steckt aber auch, dass die Partei TikTok bewusst im Wahlkampf nutzt, um junge Wählerinnen und Wähler zu erreichen. Im Moment geht es ihnen insbesondere um Stimmen für die Europawahl, bei der auch 16-Jährige wählen können.
Maximilian Krah wirbt beispielsweise als Spitzenkandidat für das Europäische Parlament um die Gunst der Gen Z. Auf TikTok spricht er Themen an, die die junge Generation interessieren. In einem seiner Videos sagt er beispielsweise, dass Migrant:innen ihnen die Ausbildungsplätze wegnehmen würden. Nach Recherchen der Zeit hat Krah einen eigenen Social-Media-Manager (Erik Ahrens, ebenfalls AfD-Mitglied) angestellt. Mit Erfolg: Viele seiner Beiträge haben über 100.000 Aufrufe, weshalb TikTok angeblich den Einfluss des AfD-Politikers Maximilian Krah dämpfen will.
Ein Gegengewicht bildet seit dem 19. März Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Trotz Stress um die geplante Cannabis-Legalisierung hat er sich auf TikTok einen Account eingerichtet. „Revolution bei TikTok – heute geht es los“, sagt er in seinem allerersten Video. Anfang des Monats deutete Kanzler Olaf Scholz (SPD) an, dass die Bundesregierung sich auf TikTok mehr einrichten wolle. Die AfD hat dennoch einen Vorsprung.
@karl.lauterbach24 Mein erstes TikTok Video und dann schon Profi. Schaut rein: keine Fakes mehr! #hartaberfair #politik @Louis Klamroth @saschalobo ♬ Originalton - Karl Lauterbach
Fridays For Future will linksgrüne Community auf TikTok stärken – „müssen uns zusammentun“
Luisa Neubauer, Hauptorganisatorin von Fridays For Future, möchte den Rechtsruck auf TikTok ebenfalls aufhalten und damit den Einfluss der AfD auf die junge Generation stoppen. Gemeinsam mit anderen Aktivist:innen nutzt sie deshalb den Hashtag #Reclaimtiktok. „Wir müssen uns zusammentun. Irgendwo auf dieser Plattform muss es doch Menschen geben, die keine AfD-Bots sind. Hier rennen so viele 16-Jährige herum, die das erste Mal [Anm. der Red.: bei der Europawahl] wählen können, und diese braune Sumpffraktion erzählt denen gerade sonst was. Das müssen wir ändern“, sagt Neubauer in einem Video vom 10. März 2024.
@luisamneubauer Ihr seid gesucht. Klima-TikTok, wir gehen rein. #reclaimtiktok #Klimakrise ♬ original sound - Luisa Neubauer
Der Wunsch der Klima-Aktivist:innen: User:innen sollen ihre grünen Inhalte fortan mit dem Hashtag #Reclaimtiktok markieren. Über Twitter versucht der Aktivist Bruno Balscheit Menschen zu mobilisieren, die TikTok noch gar nicht nutzen. Sie sollen sich für die Aktion einen TikTok-Account anlegen. Und dann: „Progressive Accounts supporten und Kommentarspalten mit good vibes fluten“. Das Ziel ist, TikTok den Rechten auszuschlagen und für die linksgrüne Community zurückerobern.
Besonders die Stimmen, die an den Klimawandel glauben, sollen lauter werden. „Wenn du gerade dieses Videos siehst und du weißt, es gibt eine Klimakrise und wir können etwas dagegen tun, dann schreib etwas in die Kommentare“, sagt Neubauer zu ihren Zuschauer:innen. In einem früheren Video zeigt sie sich erschreckt darüber, dass auf der Plattform so viele wissenschaftsfeindliche Inhalte zur Klimakrise existieren. Rechte verbreiteten dort auch unter einem harmlos klingenden TikTok-Sound patriotische Propaganda.
Lvl 1: Auf TikTok Profil anlegen
— Bruno Balscheit (@okbruneau) February 28, 2024
Lvl 2: Progressive Accounts supporten & Kommentarspalten mit good vibes fluten🫶
Lvl 3: Selber Videos posten, Quantität > Qualität, hauptsache rechten Narrativen etwas entgegensetzen#ReclaimTikTok pic.twitter.com/P2BFO0H3IX
Aus #ReclaimTikTok wird #ReclaimGrün – „trollen wir halt zurück“
Dem Aufruf der Klima-Aktivist:innen folgen bereits viele junge Menschen. Der Hashtag #Reclaimtiktok wurde schon über 4000 Mal genutzt (Stand: 20. März 2024) „Wir holen uns TikTok von den Blauzis (Anm. der Red.: Abkürzung für blaue Nazis, ergo der AfD) zurück, damit niemand mehr den Eindruck bekommt, Rechtspopulismus sei beliebt und normal“, sagt etwa Sophie Motte, die bei der Aktion mitmacht.
Die TikTokerin geht sogar einen Schritt weiter: Sie macht aus #ReclaimTikTok den Hashtag #ReclaimGrün. „Es ist mir egal, ob ihr grün wählt oder nicht. Aber ich bin es so satt, dass es zu der Standardbeleidigung geworden ist. Wie lächerlich ist das denn?“ Für ihre politische Einstellung erhalten zunehmend auch Grünen-Politiker:innen Anfeindungen. Keine andere Partei ist mehr von politischer Gewalt betroffen, als die Grünen. Wenn dieses „Feindbild Nummer 1“, wie Motte es nennt, mehr Aufmerksamkeit bekommt, ärgere das nicht zuletzt die AfD.
Mottes TikTok-Namen zieren grüne Herzen. In ihrer Bio steht leicht ironisch: „linksgrünversiffte zecke (gestern geboren) im kampf gegen schlafschafe“. Sie fordert ihre Follower:innen dazu auf, ebenfalls für die grüne Partei zu werben – ob sie dafür stimmen oder nicht. „Wir können so tun, als ob wir grün wählen“, sagt sie. „Wenn sie trollen, trollen wir halt zurück.“ Ob sie selbst Grünen-Wählerin ist, lässt sie offen.
@sophie.motte Lasst uns lauter sein💚 Es lebe das Wahlgeheimnis! #reclaimtiktok #noafd #fckafd #protestwählen #linksrutsch2025 #schlafschaf #protestwählengegenrechts💚 #links #linksgrünversifft #fcknzs #fyp ♬ Originalton - 💚🍉Sophie 🍉💚
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Rubriklistenbild: © Luisa Neubauer/ TikTok Screenshot/ Jonathan Penschek/dpa
