VonDavid Zaunerschließen
Bessere Technologie reicht laut einer Studie nicht aus, um Tourismus nachhaltig zu machen. Vor allem die Zahl der Langstreckenflüge müsse begrenzt werden.
Reisen, ob um die Welt zu entdecken oder einfach nur am Sandstrand zu liegen, gehört zum Lebensgefühl vieler in Deutschland. In kaum einem Land wird mehr für Auslandsreisen ausgegeben: 112 Milliarden US-Dollar waren es 2023. Mit 196 Milliarden und 150 Milliarden ließen nur chinesische und US-amerikanische Tourist:innen noch mehr Geld im Ausland. Pro Kopf lässt Deutschland auch diese Länder noch weit hinter sich.
Eine neue im Fachjournal Nature Communications erschienene Studie wirft nun einen Blick auf die Klima-Probleme der Branche. Zwischen 2009 und 2019 wuchsen die mit Tourismus verbundenen klimaschädlichen Emissionen pro Jahr um 3,5 Prozent und – damit mehr als doppelt so schnell wie die globalen Gesamtemissionen.
Die CO₂-Intensität des Sektors ist überdurchschnittlich hoch. Relativ zur Wirtschaftsleistung liegt die Klimabelastung in der Branche um 20 Prozent über dem Durchschnitt der Weltwirtschaft.
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Sorge ums Klima: Emissionen durch Tourismus wachsen rapide
Die Studie einer Forschungsgruppe um die Wirtschaftswissenschaftlerin Ya-Yen Sun von der australischen University of Queensland analysiert dabei sowohl internationalen als auch Inlands-Tourismus. Würde man nur Fernreisen in Betracht ziehen, wäre die Klimabilanz noch schlechter. Würde der Trend anhalten, so die Autor:innen, würden sich die Emissionen alle 20 Jahre verdoppeln. In der Zeit von 2009 bis 2019 wuchsen die jährlichen Emissionen der Studie nach um 1,5 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalente. Das entspricht den jährlichen Emissionen von ganz Lateinamerika.
Flugreisen machen mit rund einem Fünftel den größten Teil der Emissionen aus. Der zweitgrößte Posten sind die Abgase von Privatfahrzeugen, gefolgt von indirekten Emissionen der Grundversorgung, also etwa dem Stromverbrauch, sowie dem kommerziellen Straßenverkehr.
Flugverkehr bleibt die „Achillesferse der globalen Emissionen des Tourismus“
Dass die Elektrifizierung der Stromversorgung und des Verkehrs laut der Internationalen Energieagentur IEA vorankommt – wenn auch zu langsam – gebe zwar Grund zur Hoffnung, schreiben die Autor:innen. Allerdings bleibe auch so der Flugverkehr die „Achillesverse der globalen Emissionen des Tourismus“, heißt es.
Damit der Sektor auf Kurs zu den Pariser Klimazielen kommt, müssten die Emissionen jedes Jahr um zehn Prozent sinken. Um das zu erreichen, setzen viele Regierungen und auch UN-Branchenagentur UN Tourism bisher überwiegend auf mehr Energieeffizienz und neue Technologien, etwa den Umstieg von Verbrennermotoren auf E Autos.
Wenig Fortschritt zu Netto-Null
Aus dem Corona-Tief hat sich der Tourismus mittlerweile herausgekämpft. 2024 wird wohl die Marke von 20 Milliarden Trips zum ersten Mal wieder geknackt. Dabei liegen die Tourismusausgaben in den meisten Ländern sogar über den Werten von 2019. Nur in China will die Reiselust nach Corona nicht so richtig zurück kehren, auch wegen geopolitischer Umstände: Viele Chines:innen kommen schwerer an Visa.
Die Tourismusbranche trug letztes Jahr zu rund neun Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung bei. Nur Brennstoffe und Chemie führten zu einem höheren Export-Umsatz
Dass dies einen Rattenschwanz an Treibhausgasen hinter sich herzieht, ist bekannt. Die UN-Organisation für Tourismus, die sich verantwortlichem Reisen verpflichten soll, verfolgt daher das ambitionierte Ziel, die Emissionen des Sektors bis 2030 zu halbieren und – im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen – bis Mitte des Jahrhunderts Netto-Null zu erreichen. Getan hat sich aber bisher wenig. dz
Wirksame Vorkehrungen zur Verringerung der Verkehrsnachfrage erforderlich
Die Studie belegt nun aber, dass das nicht ausreichen wird. Die Wissenschaftler:innen verweisen auf „die Ergebnisse der Degrowth-Forschung, wonach technologische Verbesserungen, die das Nachfragewachstum aufheben könnten, äußerst unrealistisch wären“. Stattdessen seien wirksame Vorkehrungen zur Verringerung der Verkehrsnachfrage erforderlich. Die Emissionseinsparung durch effizientere oder klimafreundlichere Technologien belief sich in den betrachteten zehn Jahren auf 500 Millionen Tonnen CO₂ und entsprach so nur einem Viertel des Anstiegs.
Dabei dürfe die Last der Einsparung nicht auf alle gleich verteilt werden, betonen die Forscher:innen. Sowohl zwischen verschiedenen Ländern wie auch innerhalb von ihnen gebe es große Diskrepanzen. Die 20 Länder mit den höchsten Emissionen waren 2019 für drei Viertel der Emissionen verantwortlich.
Eine große Kluft verlaufe auch zwischen denjenigen, die sich internationale Reisen leisten können, und jenen, denen das Geld dazu fehlt. Um mehr als das Hundertfache übersteigen die Pro-Kopf-Emissionen von Ländern mit hohen Einkommen die der Länder mit niedrigen.
Langstreckenflüge sollten laut Studie begrenzt werden
Vor allem Langstreckenflüge und das Reiseaufkommen von Ländern mit hohen Emissionen sollten daher begrenzt werden, heißt es in der Studie. Höhere CO₂-Steuern, feste CO₂-Budgets und die verpflichtende Verwendung alternativer Kraftstoffe seien als Optionen dazu in Erwägung zu ziehen.
Wie sich der globale Tourismus in den kommenden Jahren verändert, hängt allerdings nicht nur von politischen Schritten ab. Auch die Klimakrise selbst beeinflusst das. Urlaubsziele in Afrika, Südostasien und kleinen Inselstaaten könnten durch die Folgen der Erderwärmung an Reiz verlieren oder schlicht keinen Tourismus mehr zulassen.
Eine EU-Studie aus dem vergangenen Jahr zeigte, dass auch südeuropäische Länder in Zukunft an Attraktivität verlieren könnten, weil sie unwirtlich heiß werden. Aber die Reisefreudigen haben bereits ihre Antwort darauf gefunden.
So gewinnen Urlaubsziele mit kühlem oder kaltem Klima, etwa Skandinavien oder auch Alaska, an Beliebtheit. Für die Tourismusbranche ist die unter dem Marketingschlagwort „Coolcation“ beworbene Flucht in die Kühle vielversprechend, für das Klima aber weniger.
