„Tipflation“

Restaurantbesuch wird immer teurer: Sollte man noch Trinkgeld zahlen?

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Es ist durchaus umstritten, ob Trinkgeld in Restaurants eine gute Sache ist. Manche sagen: Man sollte es abschaffen – und Kellner einfach ordentlich bezahlen.

5, 10, 20 oder gar 25 Prozent? Die Frage nach der „richtigen“ Höhe des Trinkgelds ist seit jeher knifflig. Überhaupt nicht kompliziert ist hingegen die Konsequenz für all diejenigen, die ihr Trinkgeld an Prozentwerten orientieren: Es wird seit Monaten teurer, genauer gesagt seit Februar 2022, als Russland die Ukraine überfiel und viele Preise drastisch gestiegen sind.

Endgültig zum Luxus dürfte der Restaurantbesuch im neuen Jahr werden, wenn die vergünstigte Steuer von sieben Prozent, die während der Pandemie eingeführt wurde, nicht mehr gilt. Dann wird auf der Rechnung wieder der vorher gültige Steuersatz von 19 Prozent auftauchen. Höchste Zeit also, mal grundsätzlich über Trinkgeld zu sprechen, das keine Selbstverständlichkeit sein muss. Immerhin gibt es Länder, darunter die skandinavischen Staaten, die Schweiz und die Niederlande, wo es absolut unüblich ist, Trinkgeld zu geben. In China und Japan wird es gar als Beleidigung aufgefasst.

Drei Prozent geben kein Trinkgeld im Restaurant

Wie viel Trinkgeld in Deutschland gezahlt wird, ist unklar. Offizielle Zahlen dazu werden nicht erhoben. Das Portal Statista wollte 2019 wissen, wie viel Trinkgeld Deutsche „bei zufriedenstellendem Essen und Service sowie bei 50 Euro Rechnungssumme“ geben würde. 75 Prozent würden zwischen zwei und fünf Euro geben, 13 Prozent unter 2 Euro und drei Prozent der Befragte sagten sogar, dass sie niemals Trinkgeld geben. Offizielle Empfehlungen gibt es nicht, zehn Prozent sind eine häufig zu lesende Hausnummer.

Trinkgeld geben gehört in Deutschland zum guten Ton – anderswo kann es als Beledigung aufgeasst werden.

Nun hat sich die Trinkgeld-Knigge hierzulande seit 2019, besonders durch die Corona-Pandemie, geändert. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey aus dem April 2021 ergab, dass in deutschen Restaurants nach den Lockdownphasen mehr Trinkgeld als vor der Pandemie gegeben wurde. „Die Gäste waren dankbar, dass unsere Betriebe endlich wieder geöffnet hatten. Das gestiegene Bewusstsein für die Bedeutung eines tollen Gastronomieerlebnisses ist auch weiterhin da“, sagt Sandra Warden, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). Interessant dabei: In großen Städten sind Menschen laut der Studie grundsätzlich großzügiger als im ländlichen Raum.

„Das Trinkgeld ist in den vergangenen Monaten spürbar weniger geworden“

Doch Corona ist vorbei. Das spüren Servicekräfte im Geldbeutel, sagt Jonas Bohl von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). „Das Trinkgeld ist in den vergangenen Monaten spürbar weniger geworden. Das liegt zum einen an der vielerorts gesunkenen Gästezahl. Zum anderen geben die Gäste, die kommen, offenbar auch weniger Trinkgeld als früher. Der naheliegende Grund ist die allgemeine Inflation und die damit zusammenhängenden persönlichen Belastungen der Gäste.“

Für Bohl liegt die Lösung auf der Hand. „Als Gewerkschaft setzen wir uns für Löhne ein, die so hoch sind, dass man davon gut leben kann, auch ohne Trinkgeld und auch in teuren Großstädten.“ Sollte man also das Trinkfeld ganz abschaffen? „Das Trinkgeld sollte nie mehr als ein willkommenes Extra, die Kirsche auf der Torte sein. In Corona-Zeiten und auch jetzt, in Zeiten der Inflation, zeigt sich sehr deutlich, wie fatal es ist, wenn die Beschäftigten so geringen Lohn bekommen, dass sie ohne das geschrumpfte Trinkgeld nicht über die Runden kommen. Auch das ist ein Grund, warum so viele Fachkräfte die Branche verlassen haben. Die Löhne müssen deutlich rauf, ganz unabhängig vom Trinkgeld“, sagt Bohl.

Teufelskreis: Hohe Belastung, unzufriede Gäste, weniger Trinkgeld

Dehoga-Geschäftsführerin Warden entgegnet: Die Löhne sind bereits oben. „Es ist völlig klar, dass faire Löhne zentrale Stellschrauben für die Mitarbeitersicherung sind. In den letzten 1 ½ Jahren sind die Tarif- und Reallöhne im Gastgewerbe überdurchschnittlich gestiegen. Wir haben absolut kein Verständnis dafür, wenn aus Gewerkschaftskreisen eine Abschaffung des Trinkgelds gefordert wird. Verlierer wären die Beschäftigten!“

Damit steht die Gastronomie womöglich vor einem Teufelskreis. Erst kommen aufgrund der steigenden Preise immer weniger Kunden ins Restaurant, in der Folge kann der Lohn nicht steigen und der Personalmangel wird größer. Dann werden die Gäste unzufriedener und geben weniger Trinkgeld, was nicht gerade neues Personal anlockt. „Zahlen, die das belegen, gibt es keine“, sagt Gewerkschafter Bohl. „Aber ein gewisser Zusammenhang scheint logisch: Servicekräfte, die auf Grund des Personalmangels weniger Zeit für die einzelnen Gäste haben, dürften wohl weniger Trinkgeld bekommen. Mit dem Trinkgeld wird guter Service belohnt – und guter Service braucht auch Zeit.“

Dabei legt eine Untersuchung der Hochschule Fresenius Hamburg nahe, dass die Qualität des Services gar nicht entscheidend ist, sondern: das Gratisgetränk vor dem Bezahlen. Die Forscher untersuchten in einem griechischen und einem deutschen Restaurant, zu welchem Zeitpunkt der Schnaps aufs Haus serviert wurde. Ergebnis: Das Trinkgeld fällt am höchsten aus, wenn das Glas zusammen mit der Rechnung auf den Tisch kommt.

*Dieses Bild wurde mithilfe maschineller Unterstützung erstellt. Dafür wurde ein Text-to-Image-Modell genutzt. Auswahl des Modells, Entwicklung der Modell-Anweisungen sowie finale Bearbeitung des Bildes: Art Director Nicolas Bruckmann.

Rubriklistenbild: © M. Litzka/DALL·E (maschinell erstellt*)

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