Großbritannien

Riesige Mehrheit für Keir Starmer: Labours Erdrutschsieg in Großbritannien

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Wenige Stunden nach der Wahl ernennt König Charles III. (r.) Starmer zum Regierungschef.
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Die britischen Konservativen werden nicht nur abgewählt, sondern abgestraft. Der neue Premier, Keir Starmer, hat eine riesige Mehrheit.

Knapp fünfzehn Stunden nach der Schließung der Wahllokale hatte Großbritannien am Freitagmittag eine neue Regierung: Labour und der neue Premierminister Keir Starmer übernahmen nach 14 Jahren der Konservativen die Downing Street. Er werde allen dienen, „besonders jenen, die uns nicht gewählt haben“, versprach der neue Regierungschef. Seine Partei verfügt im neuen Unterhaus mit 412 der 650 Mandate über eine gewaltige Mehrheit. Starmer sagte, damit eine „nationale Erneuerung“ anzustreben, man wolle „den Glauben an eine bessere Zukunft wiederherstellen“.

Während des Wahlkampfes hatten die Umfragen keinen Zweifel daran gelassen, dass das Land die konservative Regierung von Rishi Sunak aus dem Amt jagen wollte. So kam es dann auch: Während überzeugte Konservative entweder gar nicht oder die Formation „Reform“ des Nationalpopulisten Nigel Farage wählten, unterstützten die Gegner:innen der bisherigen Regierungspartei die jeweils aussichtsreichste Konkurrenz gegen die Torys.

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Die Wahl bescherte den Torys ihre schwerste Niederlage in über 100 Jahren, seit 1906. Den noch inoffiziellen Ergebnissen vom Freitag zufolge brachte es die einst stolze Regierungspartei mit etwa 24 Prozent der Stimmen gerade noch auf 121 Mandate, rund ein Drittel der vor viereinhalb Jahren bei Boris Johnsons Brexit-Wahl gewonnenen Sitze. Dagegen konnte Labour (35 Prozent) seine Sitzzahl auf 412 verdoppeln.

Die Auszählung der rund 40 000 Wahllokale wurde Politik-Theater vom Feinsten. Eine prominente Tory-Frau nach der anderen, mehr als ein Minister musste sich die Ergebnisse der siegreichen Konkurrenz anhören. Je nach Stimmung und Charakter begegneten sie der Niederlage mit Eleganz, Gleichmut oder peinlichem Schweigen. Den Vogel schoss die katastrophale Kurzzeit-Premierministerin Liz Truss ab: Zunächst ließ sie die anderen Kandidierenden, darunter den siegreichen Labour-Mann, in ihrem Wahlkreis in der ostenglischen Grafschaft Norfolk minutenlang auf ihr Erscheinen warten. Dann verließ sie die Wahlstatt ohne ein einziges Wort.

Im Gegensatz dazu demonstrierten die Nachfolger von Truss im höchsten Regierungsamt Höflichkeit. Der scheidende Premier Sunak entschuldigte sich in seiner kurzen Abschiedsrede zunächst beim Volk für die Zumutungen der Tory-Jahre. Er habe „Ihre Enttäuschung und Ihren Zorn“ gehört. Nach Worten des Bedauerns über all jene Parteifreund:innen, die ihre Unterhaus-Sitze verloren, wünschte der 44-Jährige seinem Nachfolger Starmer, „einem integren Mann mit Sinn fürs Gemeinwohl“, alles Gute.

Dann nahm Sunak auf seine indischstämmige Herkunft Bezug. Es sei doch bemerkenswert, wie wenig bemerkenswert das Land seinen Aufstieg zum Premierminister gefunden habe.

In seiner 20-monatigen Amtszeit hatte Sunak immer wieder überfordert gewirkt, im Wahlkampf unterliefen ihm etliche Fauxpas. Zumindest seine Abschiedsrede absolvierte der einstige Hedgefondsmanager souverän. Nach den Audienzen beider Männer und ihrer Partnerinnen bei König Charles III – erwiderte Starmer das Kompliment. Jubelnd hatten zuvor Abgeordnete und Parteianhänger:innen ihren Vorsitzenden in der Residenz der britischen Regierungschefs begrüßt. Im pünktlich eingetroffenen Sonnenschein mussten sich Starmer und seine Frau Victoria erst durch die Menge küssen, ehe der neue Premierminister seine Antrittsrede halten konnte.

Freilich gab es auch ganz andere Szenen. Allerorten mussten sich Labour-Abgeordnete wie der mutmaßliche neue Außenminister David Lammy als „Genozid-Apologeten“ beschimpfen lassen – Israels Krieg gegen die Hamas in Gaza und Labours vermeintlich zu lasche Reaktion darauf beschäftigt auch im Königreich viele Menschen, die sich der politischen Linken zurechnen. Prominente Muslimas wie Rushanara Ali im Londoner Wahlkreis Bethnal Green oder die designierte Justizministerin Shabana Mahmood in Birmingham sahen sich im Wahlkampf zusätzlich mit Frauenfeindlichkeit und den Beschimpfungen aus den Reihen ihrer eigenen Ethnie konfrontiert. Trotz hoher Stimmverluste an unabhängige Kandidaten „für Gaza“ retteten sich beide ins Ziel und das neue Unterhaus.

Dort werden sie aber auch auf eine Handvoll Unabhängiger treffen, die sich den Gaza-Zorn zunutze machen konnten. Dieser Bewegung fiel unter anderem einer von Labours wichtigsten Wahlkampf-Strategen, der erfahrene Jonathan Ashworth, in Leicester zum Opfer. In Bristol verlor die designierte Kulturministerin Thangam Debbonaire ihr Mandat an die grüne Co-Sprecherin Carla Denyer.

Wie die Grünen tritt auch Farages migrationsfeindliche Reform statt wie zuletzt mit einer einzigen Abgeordneten zukünftig als Quartett im Unterhaus auf. Das Abschneiden dieser beiden Parteien im Vergleich zu den Liberaldemokraten verdeutlicht die eklatante Ungerechtigkeit des Mehrheitswahlrechts – oder, je nach Lesart, die Brillanz der jeweiligen Wahlstrategen, welche die Anstrengungen ihrer Partei auf aussichtsreiche Bezirke konzentrierten. Mit 3,5 Millionen Wählerstimmen gewannen die Liberaldemokraten 71 Sitze; hingegen brauchten die Grünen für jeden ihrer vier Sitze je eine halbe Million Stimmen, Reform sogar jeweils eine Million Stimmen.

Die gern als „Torygraph“ verspottete Zeitung „Daily Telegraph“ jagte ihren Lesenden nochmals ordentlich Angst ein. Das Königreich werde „einen viel schlimmeren Alptraum erleben, als sich irgendjemand bisher vorstellt“, tönte Kommentator Allister Heath. Anschließend gab es nützliche Finanztipps zum Schutz des Vermögens gegen die vermeintlich bevorstehenden Labour-Grausamkeiten. Allerdings schlug sich das Wahlergebnis an den Finanzmärkten am Freitag zunächst kaum nieder. Der Labour-Sieg sei längst eingepreist gewesen, hieß es in der „City“.

Premier Starmer wandte sich am Freitagnachmittag der Kabinettsbildung zu. Als gesetzt galten vorab die Ministerinnen Rachel Reeves (Finanzen), Yvette Cooper (Inneres) sowie Partei-Vize Angela Rayner (Regionales); am Kabinettstisch dürften auch Ex-Parteichef Edward Miliband (Energie) und Veteran Hilary Benn (Nordirland-Angelegenheiten) sitzen.

Bye-bye, Rishi Sunak.

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