Sozialdemokraten beenden Tory-Ära

Wahlsieg in Großbritannien: Keir Starmer lässt hoffen

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Nach 14 Jahren schamloser Raffgier durch die Torys soll nun Labour den britischen Karren aus dem Dreck ziehen. Jetzt müssen sie sich beweisen.

London – Beim alljährlichen Hochamt der britischen Kultur, den „Last Night of the Proms“, dem Ende der sommerlichen „Promenaden“-Konzerte, wird Edward Elgars „Pomp and Circumstance“ gespielt, mit Text als Marschlied „Land of Hope and Glory“.

Das war schon immer eine wunderbar rührselige – und auch den Schreiber dieser Zeilen zu Tränen rührende – Angelegenheit. Höchstens emotional verarmte Linke entrüsteten sich darob (und an sich selbst besoffene Rechtsradikale grölten sich zur Besinnungslosigkeit). Tatsächlich transzendierte das Werk kruden Nationalismus und deutete die Ahnung von einer erhabenen Existenz an. Irgendwie war die Idee von Großbritannien immer hoffnungsfroh und glorreich.

Tory-Ära geht zu Ende, Labour will sozialdemokratische Zukunft für Großbritannien

2024 wird „Land of Hope and Glory“ wohl zum ersten Mal sehr geteilte Gefühle wecken. Denn „His Majesty’s Ship Downfall“ (HMS Untergang) hatte spätestens 2016 seine Glorie ohne jede Not zusammen mit der EU-Mitgliedschaft über Bord gekippt. Und für das letzte bisschen Hoffnung hat es schon die Schlinge um den Hals. Wie eine Rentnerin in einer Tory-Hochburg dem Guardian sagte: „Da ist nichts mehr groß an Großbritannien.“

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Aber, wird man einwenden, Labour kann doch jetzt das Ruder rumreißen und – unter mancherlei Entbehrungen – eine bessere Gesellschaft aufbauen, gerecht, friedliebend, wohlständig … Halt so dieses Grundversprechen der Sozialdemokratie.

Am Ende des Tages hat das britische Wahlvolk einfach das kleinere Übel gewählt

Schön wär’s. Labours Boss Sir Keir Starmer hat nur schon mehrfach gesagt, dass er nichts ernsthaft an dem, was die Torys fast 15 Jahre lang „Politik“ nannten, ändern will. Klar, „Change“ war sein ständiges Motto und etwas wahr ist das auch: Torys raus, Labour rein. Seine Partei wird auch nicht müde, große Reformen anzukündigen, aber Starmer schiebt allem einen Riegel vor: keine andere Migrationspolitik, Infrastrukturpolitik, Umweltpolitik, Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik … Am Ende des Tages hat das britische Wahlvolk einfach das kleinere Übel gewählt: wenigstens neue Gesichter.

Keir Starmer und seine Labour Party hat die Wahl in Großbritannien krachend gewonnnen und wird Premier.

Es ist aber nicht alles umsonst. Die kleinen Parteien mit großen Gewinnen, die Hoffnung gebenden Grünen und die erschreckende Farage-Truppe „Reform“, verbuchen keine einmaligen Achtungserfolge. Sie zeigen einen Trend an, der nicht erst seit diesem 4. Juli da ist. So wie die Liberaldemokraten nach ihrem historischen Sieg drittstärkste Kraft sind. Wie, dass Exponenten des Brexit-Gruselkabinetts wie Liz Truss und Jacob Rees-Mogg abgemeiert wurden. Wie, dass Wales und London-Stadt alle Konservativen rausgeworfen haben.

Britische Opposition im Unterhaus verspricht immer, das Wahlsystem zu revolutionieren

Wie der Rest der Torys nun mit grundvernünftigen Akteuren wie Jeremy Hunt und James Cleverly zur inneren Größe des Churchill-Konservatismus zurückkehren kann. Wie Sinn Féin erstmals die stärkste Partei Nordirlands ist. Das Land rückt ab von der Wechseldiktatur zweier großer Parteien dank eines auf Londons Machtzentren konzentrierten Mehrheitswahlrechts – und hin zu einem demokratischeren, wenn auch unsicheren Verhältniswahlrecht.

Üblicherweise schwört jede Opposition im Unterhaus, sie werde das Wahlsystem revolutionieren, sobald sie an der Macht ist. Und wenn sie dann das Sagen hat, ist das kein Thema mehr, weil man ja mit dem alten System gut gefahren ist. Aber einstige Labour-Schwergewichte haben sich als Bürgermeister oder Landräte lokale und regionale Basen geschaffen, von denen sie aus föderale Gewaltenteilung von London fordern. Die Zerteilung des einst eisern in Blöcken denkenden Wahlvolks in immer mehr partikuläre Interessen gibt dem Recht: Immer weniger erwarten den großen nationalen Wurf und immer mehr bauen darauf, mit der Politik Auge in Auge etwas zu verändern.

Labour-Partei in Großbritannien muss sich mit Starmer beweisen

Verstehen das Starmer und Labour? Wollen sie das verstehen? Aller Erfahrung nach: Nein. Würde der neue Premierminister die Nation, die längst kein monolithischer Klotz mehr ist, wirklich führen wollen, würde er daran zu arbeiten beginnen, die seismische Verschiebung von Mehrheit zu Verhältnis vorzunehmen. Und damit beweisen, dass er langfristig denken und planen kann, was ihn in seiner Position dann wahrhaftig legitimieren würde. Und Labour wahrscheinlich eine längere Zeit in Downing Street bescheren würde.

Sir Keir Starmer hat sich bisher als genauso geradlinig wie wendig bewiesen. Wenn er nun strategisches Denken unter der Last nationaler Verantwortung entwickelt, dann ist die Glorie noch nicht wieder da, aber dann besteht wieder Hoffnung für „HMS Downfall“.

Rubriklistenbild: © AFP

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