„Rücksichtslose Menschen“

9 Probleme, die Rollstuhlfahrer:innen beim Reisen haben

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Nicht-barrierefreie Züge und kaputte Fahrstühle sind nicht das einzige Hindernis. @ZauberBaerin erzählt von Hürden beim Bahnfahren und von ihrem größten Traum.

Reisen mit der Deutschen Bahn finden viele Menschen nervig. Als Mensch mit Behinderung ist Zuspätkommen jedoch noch das geringste Problem. Denn die Züge sind nicht barrierefrei. Erst 2024 soll es mit dem ICE L zum ersten Mal einen stufenlosen Zug auf den Strecken geben (siehe Video, oben).

Einfach aufbrechen und losfahren, kann Karin Cordes-Zabel bisher nicht. Die 53-Jährige ist sprach- und körperbehindert, und nutzt einen breiten E-Rollstuhl.

Karin Cordes-Zabel (@ZauberBaerin) und Frank Cordes (@DerFrankyman), unterwegs mit der Deutschen Bahn.

Die Rollstuhlfahrerin und ihr Mann twittern von negativen Erfahrungen mit der Deutschen Bahn

Seit 2019 reist sie gemeinsam mit ihrem Mann Frank Cordes mit dem Zug durch Deutschland und Europa. Auf Twitter berichten sie unter dem Namen @DerFrankyman und @ZauberBaerin von ihren Fahrten. Zudem stehen sie nach eigenen Angaben mit anderen Rollstuhl-Aktivist:innen, wie zum Beispiel Raul Krauthausen, im Austausch. BuzzFeed Deutschland haben sie von ihren oftmals negativen Erfahrungen mit der Bahn erzählt.

In Zügen und an Bahnhöfen sind Rollstuhlfahrer:innen vielen Hindernissen ausgesetzt. Einfach, weil die passende Infrastruktur dafür fehlt. Ähnliche Probleme haben auch Plussize-Reisende, weil sie bei der Konstruktion so mancher Dinge nicht bedacht werden.

Hier sind neun Probleme, die Rollstuhlfahrer:innen beim Reisen haben:

1. Ein- und Aussteigen

Um in die nicht barrierefreien Züge hinein- und hinausgekommen, brauchen Rollstuhlfahrer:innen Hilfe. Denn zwischen Zug und Bahnsteinkante gibt es einen Spalt.

Servicemitarbeiter:innen müssen dafür einen Hublift ausfahren, einen kleinen Lift, der den Rollstuhl nach unten befördert. „Wenn der Lift mit hoher Geschwindigkeit herunterfährt, tut mir das im Rücken weh“, sagt Cordes-Zabel. An manchen Bahnhöfen gibt es stattdessen eine Rampe, die Servicemitarbeiter:innen herunterklappen müssen. Auch hier sei das Herunterfahren nicht besonders angenehm.

Die Schaffner:in selbst dürfe bei der Deutschen Bahn die Rampe oder den Hublift nicht benutzten. Sondern nur spezielle Servicekräfte. Die müssen sich abstimmen, was laut ihrem Mann nicht immer gut funktioniere. Wenn das Ein- und Aussteigen lange dauert und der Zug ohnehin schon Verspätung hat, „kann das zu Unmut führen“, sagt er.

2. Der anstrengende Anmeldeprozess

Das viele Personal, das es zum Ein- und Aussteigen braucht, ist nicht einfach da. Die Mitarbeitenden müssen vorher darüber informiert sein. Deshalb müssen sich Rollstuhlfahrer:innen bis einen Tag vor ihrer Reise anmelden. Das geht online über ein Formular oder per Telefon.

„Wir rufen lieber an, denn wenn etwas nicht funktioniert, können wir das direkt klären“, sagt Cordes, der mit der Deutschen Bahn deshalb ständig Kontakt hat. Servicemitarbeiter:innen können den Rollstuhlfahrer:innen oft nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Das bedeutet, dass Rollstuhlfahrer:innen nur zu bestimmten Zeiten reisen können. Cordes-Zabels größter Traum ist deshalb: „Spontan reisen.“

Karin Cordes-Zabel (rechts) an einem der wenigen Sitzplätze für Rollstuhlfahrer:innen.

3. Zu wenig Sitze im Zug

Pro Zug gibt es nur bis zu vier Sitzplätze für Rollstuhlfahrer:innen – nicht besonders viel. In manchen Intercity-Zügen gibt es nach Angaben der Deutschen Bahn sogar nur einen Platz.

4. Generell zu wenig Platz

„Wenn es nicht genug Platz für Fahrräder, Koffer und Kinderwägen gibt, dann sind wir es, die darunter leiden“, sagt Cordes. Oft können sie sich also nur mit Mühe mit dem Rollstuhl durch den Gang zwängen. Oder der Rollstuhlplatz selbst sei von den Reiseutensilien anderer voll gestellt.

5. Kein vollständig barrierefreier Sitzplatz

Wenn Cordes-Zabel in der Bahn Servicekräfte rufen möchte, muss sie ihren Mann um Hilfe fragen. Denn der dafür installierte Service-Knopf sei für sie nicht erreichbar. Das mag nicht für alle Rollstuhlfahrer:innen gelten. Denn nicht jede:r Rollstuhlfahrer:in hat dieselbe Behinderung. Cordes-Zabel wünscht sich deshalb, dass die DB bei ihrer zukünftigen Entwicklung verschiedene Behinderungen miteinbezieht.

6. Kaputte Fahrstühle

Mit einem Rollstuhl kannst du in so einem Fall nicht einfach die Rolltreppe nehmen:

7. Im Bistro gibt es ebenfalls keinen Platz für Rollstuhlfahrer:innen

8. Genervte Servicemitarbeiter:innen

Meistens haben die Rollstuhlfahrerin und ihr Mann freundliche Servicemitarbeiter:innen kennengelernt. Anfang September 2023 erlebten sie jedoch eine „Schikane“, wie Cordes auf Twitter formulierte. Das Bahnhofspersonal habe sie „aus dem Zug werfen“ wollen. Wie genau mit der Rollstuhlfahrerin umgegangen wurde, kannst du hier nachlesen.

9. „Rücksichtslose Menschen“

Nicht nur die Servicemitarbeiter:innen, auch andere Reisende können Rollstuhlfahrer:innen Probleme bereiten. Es komme zum Beispiel nie vor, dass das Ehepaar mit dem Rollstuhl vorgelassen werde. Immer stürmten die anderen voran.

Cordes-Zabel wünscht sich, dass du als Mitreisende im Umgang mit Rollstuhlfahrer:innen auf diese Dinge achtest:

  • „Aufmerksam sein und versuchen, die Situation zu verstehen“ – zum Beispiel, wenn das Einsteigen noch einen Moment dauere
  • „Nicht sofort den Rollstuhl anfassen und mithelfen wollen“ – damit gibst du Rollstuhlfahrer:innen das Gefühl hilfsbedürftig zu sein, was sie aber nicht sind
  • „Geduld haben“ – das Ein- und Aussteigen dauert eben seine Zeit

Die nächste Reise von Cordes-Zabel und ihrem Mann geht übrigens nach Wien – das hat sie BuzzFeed Deutschland bereits verraten.

Und hier sind 10 Sätze, die Fremde niemals zu einem Menschen im Rollstuhl sagen sollten.

Rubriklistenbild: © @DerFrankyman Twitter Screenshot

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