Frankreich

François Ruffin: Hat Frankreichs Linke einen neuen Hoffnungsträger gegen Le Pen gefunden?

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François Ruffin (M.) bei den Césars 2022.
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Politisch totgesagt, erwächst mit François Ruffin eine ernsthafte Alternative zu Marine Le Pen. Und eine realistische Alternative zu den verknöcherten Extremlinken.

Wenn einer Marine Le Pen schlagen kann, dann François Ruffin: So lautet die Haupterkenntnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Cluster 17. Ruffin, ein sehr unabhängiger Vertreter der linken „La France insoumise“ (LFI), könnte bei den Präsidentschaftswahlen 2027 mit der rechten Favoritin gleichziehen: Im zweiten Wahlgang werden beiden je 50 Prozent prognostiziert. Der als unvermeidlich geltende Sieg Le Pens wäre damit plötzlich nicht mehr so unvermeidlich.

Im ersten Wahlgang würde Ruffin genug Stimmen – 29 Prozent – auf sich vereinen für die Stichwahl. Das hat die Linke seit zehn Jahren nicht mehr geschafft. Le Pen käme laut der Erhebung auf 31 Prozent, der bürgerliche Ex-Premier Edouard Philippe schiede mit 25 Prozent als Drittplatzierter aus.

„Geheime“ Umfrage sieht Chancen für François Ruffin

Die Umfrage wird von den Pariser Medien als „geheim“ bezeichnet; veröffentlicht hat sie die Zeitung „Libération“. Auftraggeber war Ruffin – doch das muss das Resultat nicht beeinflussen. Der 48-jährige Nordfranzose aus der armen Arbeiterregion Picardie behauptet, Cluster 17 stelle im Unterschied zu anderen Instituten die einzig wichtige Frage: Welcher Linkskandidat hat Chancen, den Triumph Le Pens zu verhindern?

Die indirekte Antwort darauf ist: sicher nicht Jean-Luc Mélenchon. Der autoritäre Linkspopulist und LFI-Gründer, der mit seiner Eloquenz das gesamte linke Lager dominiert, käme für Cluster 17 nur auf 18 Prozent. Sein Stern ist nicht nur altershalber am Sinken: Die von dem 72-Jährigen gezimmerte Nupès-Allianz der Linksparteien ist gescheitert. Und seine Weigerung, die Hamas nach dem 7. Oktober als Terrortruppe einzustufen, hat ihn Sympathien gekostet.

François Ruffin will alles der Ökologie unterordnen

Der Ex-Trotzkist hatte schon 2022 erklärt: „Faites mieux“ – „macht es besser“. Wie ernst diese halbe Verzichtserklärung gemeint war und ist, muss sich zeigen. Auf dem moderateren Anti-Mélenchon-Flügel stehen die Erben parat: Clémentine Autain, Alexis Corbière, Raquel Garrido – und eben Ruffin. Dieser mit Abstand populärste aus der Post-Mélenchon-Riege ist politisch schwer fassbar. Er bezeichnete sich schon als „Sozialdemokrat“, plädiert aber auch für den „radikalen Umbau“ der französischen Gesellschaft. Bei Einzelthemen ist er klarer: Den Superreichen will Ruffin mit Spezialsteuern an den Kragen; absolut alles will er der Ökologie unterordnen.

Anders als Mélenchon hält er aber Frankreichs Rekord-Staatsschuld in der EU von über drei Billionen Euro für gefährlich; und er sagt, die Linke müsse auf das Sicherheitsbedürfnis der kleinen Leute eingehen und die Kriminalität bis in die Banlieues entschlossener bekämpfen.

Dass die Umfrage gerade jetzt erscheint, ist kein Zufall

Auffällig klar bezog Ruffin nach dem 7. Oktober Position gegen die „fanatische, terroristische“ Hamas. Damit fordert er offen Mélenchon heraus, ohne dies so zu sagen. Generell bietet er sich als Alternative zum LFI-Boss an: Dem Trotzkismus des Meisters begegnet er undogmatisch; dessen cholerische Anfälle kontert er mit Humor.

Dass die Umfrage gerade jetzt erscheint, ist kein Zufall: Ruffin will sich damit für die Zeit nach der Europawahl in die politische Agenda einschreiben. Für den innenpolitisch sekundären 9. Juni wird er kaum in Erscheinung treten, will den aber auch nicht einfach seinen beiden wichtigsten Widersachern überlassen – Mélenchon und dem Sozialdemokraten Raphaël Glucksmann. Letzterer macht derzeit gegenüber Le Pen und der Macron-Liste Boden gut.

Es ist nicht auszuschließen, dass Ruffin und Glucksmann für Präsidentschaft 2027 Konkurrenten werden. Ihr Hauptunterschied ist die Europapolitik: Glucksmann ist ein leidenschaftlich pro Europa, Ruffin harter EU-Skeptiker. Entlang dieser Bruchlinie dürften sich die Debatte der französischen Linken in den nächste Jahren bewegen.

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