„Als hätten sie großen Sieg errungen“

Ukraine-„Marines“ zurückgeschlagen? Russische Beamte feiern angeblichen Konter bei Cherson

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Die ukrainischen Streitkräfte werden beim Streben nach einem Brückenkopf am Ostufer des Dnipro angeblich zurückgeschlagen. Das soll für Jubel in Russland sorgen.

München/Moskau/Cherson - Als Brückenkopf wird per Definition eine Wehranlage bezeichnet, die zur Sicherung einer Flussbrücke errichtet wird. Einen ebensolchen Brückenkopf wollen die ukrainischen Streitkräfte bei ihrer Gegenoffensive in der südlichen Region Cherson über den Dnipro befestigen.

Doch bislang gelingt ihnen das offenbar nicht. Trotz offenbar schwerer Gefechte am südlichen Unterlauf des riesigen Flusses, der die Ukraine in zwei Landesteile teilt. So behauptete der Leiter der russischen Besatzungsleitung in der Oblast Cherson, Wladimir Saldo, laut Institute for the Study of War (ISW), dass Soldaten der russischen Streitkräftegruppe „Dnepr“ in der Nähe der Antoniwski-Brücke ihre Kontrahenten von Gebieten am Ostufer verdrängt haben.

Ukraine-Gegenoffensive: Russische Armee drängt Ukrainer angeblich hinter Dnipro zurück

Demnach sind zuvor gelandete Spezialkräfte der Ukraine angeblich wieder in den ukrainisch kontrollierten Teil der Region zurückgedrängt worden. Laut ISW feiern russische Beamte diese Behauptung, die sich aktuell nicht unabhängig überprüfen lässt. Wie so viele Angaben beider Seiten im Ukraine-Krieg nicht.

Schwer umkämpft: Die Antoniwkabrücke in der ukrainischen Oblast Cherson am Dnipro.

Konkret sollen russische Truppen angeblich am Samstag (1. Juli) kleine ukrainische Landungen am östlichen Ufer niedergeschlagen haben, was auf Seiten Moskaus gefeiert worden sei, „als hätten sie einen großen Sieg errungen“, schreibt das ISW. Saldo zufolge haben die ukrainischen Streitkräfte deshalb angeblich keine „Brückenköpfe“ mehr am Ostufer.

Ukraine-Krieg: Schwere Gefechte in Region Cherson bei Antoniwski-Brücke

Kiew bestätigte indes, Stand Sonntag (2. Juli), einen solchen Rückzug nicht. Stattdessen wurden erneut schwere Gefechte in diesem Frontabschnitt zwischen der ukrainischen Armee und den russischen Streitkräften gemeldet. „Derzeit finden intensive Kampfhandlungen statt, das Hauptaugenmerk liegt auf der Batterieabwehr“, teilte Natalia Humenjuk, Presseleiterin der Verteidigungskräfte im Süden der Ukraine, mit. Sie stellte den Verlauf der Kämpfe dort anders dar.

Ende Juni hatte die russische staatliche Nachrichtenagentur Tass Fotos veröffentlicht, die eben solche Artillerie-Batterien in der Region Cherson zeigen sollen, die angeblich auf vorrückende ukrainische Kräfte am Dnipro schießen. Entsprechende Batterien befinden sich in der Regel im Hinterland der Front. Ob diese nun von ukrainischer Infanterie angegriffen werden oder mittels Drohnen oder Himars-Mittelstreckenraketen, geht aus Humenjuks Stellungnahme nicht hervor.

Gegenoffensive: Ukraine und Russland bekämpfen sich an Antoniwski-Brücke

Laut ISW behaupteten indes dem Kreml nahestehende Militärblogger, dass russische Einheiten in das Gebiet um die Siedlung Dachi nahe der Antoniwski-Brücke vorgedrungen seien, „nachdem sie am 30. Juni eine ballistische Iskander-Rakete auf die Brücke abgefeuert hatten“. Und laut einem auf der Krim ansässigen russischen Blogger haben russische Einheiten ukrainische Spezialkräfte im Umfeld der Brücke mit T-72-Panzern angegriffen. Die 2014 völkerrechtswidrig annektierte Halbinsel liegt am Schwarzen Meer, südlich der Region Cherson, in der sich mittlerweile sogar Landwirte als Minenräumer betätigen.

Region Cherson: Russische Truppen feuern aus einer Artillerie-Stellung heraus angeblich auf das Umfeld der Antoniwkabrücke, wo ukrainische Spezialkräfte gelandet waren.

Seit Tagen kursieren bei Twitter indes Videos von Drohnenaufnahmen, die zeigen sollen, wie ukrainische Soldaten auf Schnellbooten den Dnipro gegenüber der Großstadt Cherson (rund 290.000 Einwohner) überqueren. Ferner machte unter dem Hashtag #Kherson ein Video die Runde, das einen amerikanischen Humvee abbildet, der ein solches Schnellboot an die Front transportieren soll. Mutmaßlich die russische Armee hatte die Antoniwski-Brücke im November 2022 bei ihrem Rückzug hinter den Dnipro gesprengt, nachdem diese in den Monaten zuvor durch Himars-Raketen der Ukrainer unbefahrbar geworden war.

Antoniwski-Brücke: Wohl von russischer Armee im November 2022 gesprengt

Dennoch eignet sich dieser Bereich des Dnipro wegen des flachen Ufers und der direkt angebundenen Infrastruktur mit der Europastraße E97, die auf die Krim führt, für einen Brückenkopf mittels einer Pontonbrücke. Laut Kyiv Post ist in diesem Gebiet die 73. Marine-Brigade der ukrainischen Streitkräfte im Einsatz, die mit ihren Boots- und Amphibienangriffen den US-Marines ähnelt. Besagte Brigade operiere schon länger „hinter den russischen Linien im Dnipro-Delta“, heißt es in dem Bericht. Sie trifft dort offenbar auf heftige Gegenwehr der Russen. (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Alexei Konovalov

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