„Werden jeden Tag angegriffen“

Russische Drohnenangriffe gezielt gegen Zivilisten – UN-Bericht liefert Beweise

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Im Ukraine-Krieg werden auch Zivilisten terrorisiert. Ein UN-Bericht enthüllt nun die erschreckende Taktik: Russland jagt Bürger gezielt mit Drohnen.

New York – Zivilisten haben rein gar nichts zu befürchten, ließ Wladimir Putin wissen, als der Kreml-Chef im Februar 2022 seinen Ukraine-Krieg begann. Allerdings gab er dieses Versprechen wohl in der Erwartung, dass die Bevölkerung seine Truppen beim Einmarsch begeistert empfangen würde. Da sollte sich Moskaus Machthaber täuschen.

Worauf hat er es abgesehen? Ein russischer Soldat bereitet eine Drohne für den Einsatz vor.

Mittlerweile weiß die ganze Welt, dass Putin ukrainische Zivilisten in seinem seit dreieinhalb Jahren anhaltenden Angriffskrieg besonders leiden lässt. Kaum ein Tag vergeht ohne Bombardierungen der Infrastruktur, ganze Straßenzüge werden dem Erdboden gleichgemacht, Städte quasi ausradiert. Selbst Luftschläge gegen Krankenhäuser oder Kindergärten sind dokumentiert. Vor Putin scheint nichts und niemand sicher zu sein – das soll auch ein neuer UN-Bericht verdeutlichen.

UN-Bericht über Ukraine-Krieg: Russen wollen Zivilisten mit Drohnen aus Häusern jagen

Der Report wurde der UN-Generalversammlung am Montag (27. Oktober) vorgelegt, die UN und die internationale Nachrichtenagentur Reuters zitieren bereits daraus. So sei die vom UN-Menschenrechtsrat ins Leben gerufene Unabhängige Internationale Untersuchungskommission zur Ukraine zu dem Schluss gekommen, Drohnen der russischen Streitkräfte würden wiederholt Jagd auf Zivilisten im überfallenen Land machen. Festzustellen sei, dass es sich bei den Angriffen in einem Areal von mehr als 300 Kilometern am Ostufer des Dnipro um koordinierte Aktionen handele, um die Menschen aus ihren Häusern zu vertreiben.

Neben Personen würden auch Gebäude attackiert werden. Besonders perfide: Angriffe gingen ebenso auf Ersthelfer nieder, Besatzungen von Krankenwagen und Feuerwehren, die sich in Gefahr begeben, um das Leid zu lindern. Oftmals würden dieselben Fahrzeuge oder Infrastruktureinrichtungen wiederholt bombardiert werden. Die UN-Organisation wirft Russlands Armee daher die Verbreitung von Terror unter der Zivilbevölkerung und die Verletzung grundlegender Menschenrechte vor.

In seinem Krieg wird niemand verschont: Kreml-Chef Wladimir Putin lässt seine Soldaten auch ukrainische Zivilisten mit Drohnen jagen.

Der Report entstand auf Grundlage von 226 Interviews mit ukrainischen Bürgern und rund 500 öffentlich zugänglichen Videos, die Verbrechen dokumentieren. Bei 247 dieser Videos sei der Tatort technisch verifiziert worden.

Drohnen-Attacken auf Zivilisten in Ukraine: Frau wird in Garage verletzt und verlässt ihr Haus

Reuters erwähnt den Fall einer Frau aus Cherson, die im August 2024 von einer Drohne verfolgt worden sei, als sie ihr Auto parkte. Daraufhin habe sie in ihrer Garage Schutz gesucht, sei dort jedoch von der Drohne angegriffen und verletzt worden. Doch damit nahm der Spuk noch kein Ende: Am selben Tag hätten zwei weitere Drohnen ihr Haus ins Visier genommen, das sie daher verlassen habe.

„Es kann keinen Zweifel daran geben, dass diese Drohnenpiloten mit Absicht handeln“, zitiert die Agentur Erik Mose, den Vorsitzenden der Untersuchungskommission: „Sie verfolgen wirklich Menschen, sei es in ihren Gärten, zu Hause oder auf der Straße.“

Nawalny verlängert die Liste der Opfer Putins – ein Überblick

Alexej Nawalny
Alexej Nawalny war über Jahre der markanteste Kopf der russischen Opposition. Schon früh prangerte der Rechtsanwalt das Machtlager von Präsident Wladimir Putin offen als „Partei der Gauner und Diebe“ an.  © Andrei Zhilin/afp
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin.
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin. © Anatoly Maltsev / dpa
Alexej Nawalny
2013 trat er als Bürgermeisterkandidat in Moskau an und erreichte mit 27 Prozent der Stimmen den zweiten Platz. Später organisierte er Massenproteste im ganzen Land, besonders aber in Moskau. 2018 wollte Nawalny selbst Präsident werden, doch die Justiz schob ihm einen Riegel vor. Wiederholt wurde er wegen Betrugs- und Diebstahlsvorwürfen vor Gericht gestellt und verurteilt. © Kirill Kudryavtsev/afp
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei.
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei. © Valentina Svistunova / dpa
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro.
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro. © Evgeny Feldman / dpa
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden.
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden. © Jean-Francois Badias / dpa
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen.
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen. © Alexander Demianchuk / Imago
Alexej Nawalny
Im August 2020 brach Nawalny bei einer Reise zusammen und fiel ins Koma. Grund war eine Vergiftung mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok, wie Untersuchungen an der Charité in Berlin bewiesen. © Instagram account @navalny/afp
Alexej Nawalny
Im Januar 2021 kehrte Nawalny nach Russland zurück, wo er erneut vor Gericht gestellt und unter anderem wegen angeblichem „Extremismus“ zu 19 Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Im Dezember 2023 folgte die Verlegung in ein Lager hinter dem Polarkreis. Am 16. Februar 2024 starb Nawalny nach Justizangaben in dem Straflager. Er sei nach einem Hofgang zusammengebrochen, teilte die Gefängnisverwaltung mit.  © Vera Savina/afp
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben. Weltweit wird um den Kreml-Kritiker getrauert. © IMAGO/Vuk Valcic / ZUMA Wire
Jewgeni Prigoschin
Jewgeni Prigoschin war in Russland als skrupelloser Unternehmer mit krimineller Vergangenheit bekannt. Er und Putin kannten sich lange. Als der heutige Präsident noch in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb war Prigoschin, der mehrere Jahre wegen Raubs in Haft saß, auch als „Putins Koch“ bekannt. Niemand sonst in Russland traute sich solche Kritik wie Prigoschin © ITAR-TASS/Imago
Jewgeni Prigoschin
Über Monate hinweg legte sich Jewgeni Prigoschin mit der Militärführung in Moskau an. Immer wieder warf der Chef der russischen Privatarmee Wagner dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab der Armee vor, Präsident Wladimir Putin zu belügen. Mit einem bewaffneten Aufstand seiner Privatarmee forderte Prigoschin aber auch Putin selbst heraus. © Sergey Pivovarov/Imago
Jewgeni Prigoschin
Nach seinem gescheiterten Aufstand sahen Fachleute den Söldnerchef aber dem Tode geweiht. Kremlchef Putin hatte die Kämpfer um seinen Ex-Vertrauten als Verräter bezeichnet. Tatsächlich starb Prigoschin zwei Monate nach seiner Meuterei gegen die russische Staatsmacht im August 2023 bei einem Flugzeugabsturz in Russland. © Imago
Boris Nemzow
Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow galt als einer der schillerndsten und mutigsten Politiker Russlands. Feinde machte er sich vor allem mit seiner Kritik an der Ukraine-Politik von Kremlchef Wladimir Putin. Er wurde zur Galionsfigur der zersplitterten Opposition und galt als Unterstützer der Richtung Westen strebenden Ukraine. © Oxana Onipko/afp
Boris Nemzow
Nemzow wurde im Februar 2015 durch mehrere Schüsse in den Rücken aus einem Auto heraus erschossen. Der Mord wirft noch immer viele Fragen auf. Die EU drängte Russland wiederholt dazu, den Fall weiter aufzuklären. Ein Gericht in Moskau verurteilte 2017 den mutmaßlichen Mörder und vier Komplizen aus dem Nordkaukasus zu langen Haftstrafen. Nemzows Familie beklagte, dass nach den Drahtziehern nie wirklich gesucht worden sei. © afp
Boris Nemzow
In den 1990er Jahren hatte sich Nemzow als liberaler Reformer in Russland einen Namen gemacht. Präsident Boris Jelzin (rechts im Bild) holte ihn einst in die Regierung nach Moskau. Nemzow war zeitweilig auch als Präsidentenanwärter gehandelt worden. „Ich bin liberal, was Wirtschaftsfragen angeht, aber für eine starke Staatsmacht in der Politik“, sagte er einmal. © TASS/afp
Alexander Litwinenko
Der Putin-Kritiker Alexander Litwinenko starb im November 2006 in London nach einem Anschlag mit dem radioaktiven Gift Polonium 210. Einem Untersuchungsbericht zufolge soll ihm das Strahlengift in einem Londoner Hotel in den Tee gemischt worden sein. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit siechte Litwinenko tagelang dahin. Vom Krankenhausbett beschuldigte er Putin, hinter dem Anschlag zu stecken. Die britische Justiz sieht es ebenfalls als bewiesen an, dass die Spur in hohe politische Kreise in Moskau führt. Russland weist dies zurück. © Sergei Kaptilkin/dpa
Anna Politkowskaja
Die Journalistin Anna Politkowskaja machte sich als Kritikerin der Kriege in Tschetschenien einen Namen. Die Mitarbeiterin Oppositionszeitung Nowaja Gaseta berichtete über Kriegsverbrechen der russischen Armee und der verbündeten tschetschenischen Gruppen und sprach von einem „schmutzigen Krieg“. Häufig musste sie sich gegen Drohungen wehren. Am 7. Oktober 2006 wurde sie vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Politkowskajas Familie vermutet ein politisches Motiv für die Tat.  © Imago
Boris Beresowski
Die Serie von mitunter rätselhaften Todesfällen, hinter denen russische staatliche Stellen vermutet werden, ist noch sehr viel länger. Der Oligarch Boris Beresowski (Mitte) fiel nach dem Machtantritt Putins in Ungnade und floh nach Großbritannien. Am 23. März 2013 wurde Beresowski tot im Bad seines Hauses in Ascot gefunden.  © Shaun Curry/afp
Pawel Scheremet
Im Juli 2016 kam der russische Exil-Journalist Pawel Scheremet in Kiew durch eine Autobombe ums Leben. Scheremet engagierte sich während der Maidan-Proteste 2013/2014 in Kiew aufseiten der prowestlichen Kräfte und wurde später Redakteur beim renommierten Internetportal Ukrainskaja Prawda. © Dmytro Larin/afp
Denis Woronenkow
2017 wurde der abtrünnige russische Abgeordnete Denis Woronenkow auf offener Straße in Kiew erschossen. Auch sein Fall wurde nie aufgeklärt. © ITAR-TASS/Imago
Sergej Magnizki
Sergej Magnizki starb 2009 unter ungeklärten Umständen in einem Moskauer Gefängnis. Angeblich wurde der Anwalt, der nach eigenen Angaben einen Steuerbetrug aufgedeckt hatte, zu Tode geprügelt. Medizinische Hilfe wurde im verweigert.  © HO/Hermitage Capital Management/afp
Baburowa/Markelow
Die Journalistin Anastassija Baburowa und der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow wurden 2009 auf der Straße in Moskau erschossen. Für die Tat wurden ein Rechtsextremist und eine Komplizin zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten ihre Schuld bestritten. © ITAR-TASS/Imago
Natalia Estemirowa
Die Menschenrechtlerin Natalia Estemirowa wurde 2009 in der Konfliktregion Nordkaukasus erschossen aufgefunden. Mit Berichten über das Verschwinden von Zivilpersonen in dem Gebiet hatte sie sich wiederholt den Zorn der Machthaber zugezogen. © Memorial/afp
Sergej Juschenkow
Eines der ersten Todesopfer war Sergej Juschenkow. Der Duma-Abgeordnete wurde im April 2003 in Moskau erschossen. Juschenkow war der Staatsführung ein Dorn im Auge, wenngleich der Politiker über wenig Macht und Einfluss verfügte.  © Roman Mukhamedzanov/Vremya Novos/afp

Laut der Zusammenfassung der UN sagte ein Zivilist: „Wir werden jeden Tag angegriffen, Drohnen sind rund um die Uhr in der Luft – morgens, abends, Tag und Nacht, ständig.“ Zudem stellten die Ermittler fest, „dass russische Behörden koordinierte Maßnahmen zur Deportation oder Verlegung von Menschengruppen aus besetzten Gebieten“ ergreifen würden. Die Personen würden in Gebiete unter ukrainischer Regierungskontrolle oder ins an Russland grenzende Georgien gebracht werden.

Russen töten Zivilisten: Gefahr für ukrainische Bevölkerung nimmt immer weiter zu

Zivilisten klagen dem Bericht zufolge über Inhaftierungen und Folter sowie die Beschlagnahmung von Dokumenten und Besitztümern. Es handele sich um Taten, „die schwere seelische Schmerzen und Leiden verursacht haben und einer unmenschlichen Behandlung als Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzung gleichkommen“.

Die Kommission wollte sich auch russischen Vorwürfen annehmen. Diese lauteten, ukrainische Streitkräfte hätten in den von den Invasoren besetzten Gebieten zivile Ziele mit Drohnen attackiert. Allerdings hätten die Ermittler keinen Zugang zu dem Gebiet bekommen, zudem bestanden Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der Zeugen und die russischen Behörden seien eine Reaktion schuldig geblieben, weshalb den Anschuldigungen nicht nachgegangen werden konnte.

Hier ist nichts mehr zu retten: Feuerwehrleute löschen nach einer Drohnen-Attacke in Charkiw letzte Glutnester.

Wie viele Zivilisten in der Ukraine den russischen Angriffen bereits zum Opfer gefallen sind, wird sich wohl nicht ganz klären lassen. Die UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission in der Ukraine (HRMMU) informierte am 10. Oktober über mindestens 14.383 dokumentierte zivile Tote seit Beginn der Invasion, darunter seien 738 Kinder. Zudem seien 37.541 Zivilisten verletzt worden, 2318 von ihnen sind Kinder.

Die Gefahr steigt demnach: In den ersten neun Monaten des Jahres 2025 sei die Zahl der getöteten und verletzten Zivilisten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 31 Prozent angewachsen. Auch seither gebe es keine Anzeichen dafür, dass sich die Zahlen weniger dramatisch entwickeln würden. (Quellen: UN, Reuters, HRMMU) (mg)

Rubriklistenbild: © IMAGO / SNA

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