90 Kilometer entfernt

Russland mit neuer Charkiw-Offensive? Selenskyj teilt düstere Beobachtung über Putins Vorhaben

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Zieht Russland neue Truppenteile im Ukraine-Krieg zusammen, um den Druck mit einer neuen Offensive auf Charkiw zu erhöhen? Der ukrainische Präsident warnt.

Kiew – Russlands Charkiw-Offensive im Ukraine-Krieg sendete Mitte Mai Schockwellen durch die internationale Gemeinschaft. Plötzlich schienen die Truppen vom Wladimir Putin das Ruder herumgerissen zu haben und Experten befürchteten eine fatale Niederlage, die die Ziele der Ukraine weit zurückwerfen könnte

Trotz hoher Gebietsverluste im Nordosten der Ukraine konnten die russischen Streitkräfte die Millionenstadt nicht einnehmen und die Charkiw-Offensive verlor an Wucht. Stattdessen gelangen aber Eroberungen an strategisch wichtigen Punkten in der Umgebung, um den Druck auf die Stadt weiter aufrechtzuerhalten.

Russland mit neuer Charkiw-Offensive? Selenskyj teilt düstere Beobachtung zu Putins Truppen

Trotz hoher Verluste für Putins Truppen bei der ersten Charkiw-Offensive besteht für Kiew weiterhin die Gefahr, im Ukraine-Krieg einen empfindlichen Rückschlag zu erleiden. Die Lage in Charkiw könnte sich weiter zu spitzen. Das weiß auch Wolodymyr Selenskyj. Deshalb warnt der ukrainische Präsident vor einer neuerlichen Offensive Russlands in dem Gebiet.

In einer Mitteilung des Präsidenten, der sich derzeit offenbar in Charkiw aufhält, gibt es neue Informationen zu einer möglichen neuen russischen Offensive: „Zurzeit wehren wir uns 60 Kilometer nordöstlich von hier gegen eine russische Offensive“, teilte Selenskyj über den aktuellen Stand der Kämpfe im Nordosten des Landes mit. „Russland bereitet sich auch 90 Kilometer nordwestlich von hier auf Offensivaktionen vor – sie versammeln eine weitere Gruppe von Truppen in der Nähe unserer Grenze“, hieß es weiter. Unabhängig ließ sich die Aussage, dass Putin Truppenteile für eine mögliche neue Offensive zusammenzieht, allerdings nicht verifizieren.

Sorge vor Russlands neuer Charkiw-Offensive im Ukraine-Krieg: Kiew leitet Untersuchung ein

Während die Sorge vor einer neuen Offensive in der Region um Charkiw wächst, überprüft die Ukraine derweil Behauptungen, wonach die Nachlässigkeit ihrer Einheiten einen russischen Einfall in den Nordosten des Landes ermöglicht habe. Demnach laufe derzeit eine Untersuchung, wie die 125. Brigade und die ihr unterstellten Einheiten ihre Verteidigung in der Region Charkiw organisiert haben, berichtet Ukrainska Pravda unter Berufung auf Gerichtsdokumente.

In dem Dokument heißt es, eine vorläufige Untersuchung habe ergeben, dass die 125. Brigade, das 415. Bataillon der Separatisten, die 23. mechanisierte Brigade, das 172. Bataillon der Separatisten und andere Einheiten „die Verteidigung der Stellungen an der Grenze des Gebiets Charkiw nicht ordnungsgemäß organisiert“ hätten, was auf eine „nachlässige Einstellung zum Militärdienst“ zurückzuführen sei.

Ukrainischer Militärkommandeur spricht von „Verrat“ bei Putins erster Charkiw-Offensive

Der ukrainische Militärkommandeur Denys Jaroslawskij sagte Anfang des Monats, der russische Durchbruch in Charkiw sei auf die mangelnde Vorbereitung der ukrainischen Streitkräfte zurückzuführen. „Es gab keine erste Verteidigungslinie“, sagte Jaroslawskij bei der BBC, „die Russen sind einfach hineingelaufen … ohne irgendwelche verminten Felder“.

„Entweder war es ein Akt der Nachlässigkeit oder der Korruption. Es war kein Versagen. Es war ein Verrat“, sagte er. Ob die Ukraine aus ihren Fehlern der ersten Offensive gelernt hat, muss die Zukunft zeigen. Mit Selenskyjs Aussage scheint aber im Raum zu stehen, dass die kolportierte Bereitschaft zu Verhandlungen für ein plötzliches Ende des Ukraine-Kriegs womöglich nur eine weitere Finte von Putin war.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/AP | Sergei Karpukhin / picture alliance/dpa/Ukraine Patrol Police/AP | Uncredited

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