Teenager und Rentner werfen Molotow-Cocktails auf Putins Rekrutierungsbüros – Rätsel um „FSB“-Anrufe
VonFlorian Naumann
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Militär-Büros in Russland werden zur Zielscheibe. Sogar Rentner und Teenager greifen zum Molotow-Cocktail. Eine Rolle spielen wohl mysteriöse Anrufer.
St. Petersburg – Wieder einmal kursieren Gerüchte über eine mögliche Mobilisierungswelle in Russland. Gerade deshalb wandert der Blick ins Innere von Wladimir Putins autokratisch regiertem Reich: Könnte der Kremlchef mit weiterer Zwangsrekrutierung im Ukraine-Krieg den Bogen überspannen? Anzeichen für groß angelegten Widerstand gibt es bislang nicht. Zu straff und einschüchternd ist wohl auch Putins Griff um die russische Zivilgesellschaft. Unmut bricht sich in Russland dennoch Bahn – zuletzt gehäuft an den Kreiswehrersatzämtern im Land.
So sind offenbar gleich zweimal binnen kurzer Zeit Rekrutierungsbüros in der Großstadt St. Petersburg zum Ziel von Brandanschlägen geworden. Obwohl die Behörden russischen Medienberichten zufolge den mutmaßlichen Täter der ersten Attacke schnell gefasst hatten. Und das ist nur der spektakulärste Fall: Auch anderenorts griffen Menschen Kreiswehrersatzämter an – rund 30 Mal zwischen Wochenende (29./30. Juli) und Mittwochmittag (2. August). Teils waren Teenager und Rentner die Protagonisten.
Russland fürchtet Mobilisierung: Mehrere Brandanschläge – teils nach rätselhaften Anrufen
Bereits am Montagabend (31. Juli) hatte das belarussische Medium Nexta Videos des Vorfalls in St. Petersburg gepostet: Eine Kamera im Straßenraum zeigte einen Mann, der in kurzem zeitlichen Abstand zwei Molotow-Cocktails gegen die Tür eines Gebäudes warf – unter bemerkenswert geringer Anteilnahme der Umstehenden. Lediglich ein Passant schien den Angreifer etwas halbherzig stoppen zu wollen. Großer Schaden entstand augenscheinlich nicht. Dem Telegram-Kanal Mash na Moike zufolge versuchte der Täter wenig später aber, mit einem Auto durch die Tür zu brechen.
In St. Petersburg, a man threw a Molotov cocktail at the door of a military recruitment office. pic.twitter.com/Vs2r4oQSXu
Nach Recherchen des Portals Fontanka.ru wurde der Mann noch vor Ort festgenommen. Angeblich hatte er eine erstaunliche Erklärung für sein Handeln parat: Ein FSB-Agent habe ihn telefonisch für den Anschlag angeworben – um Zugang zu Dokumenten mit Bezug zur Ukraine in dem Amt zu erhalten. Das Portal newsnhk.com berichtete von ähnlichen Anrufen und „Anwerbeversuchen“ in ganz Russland. Wer hinter ihnen stecken könnte, ist noch unklar – ebenso, wie die weiteren Schlussfolgerungen. Sind Wut und Sorge Anlass für die Serie, oder doch „nur“ eine clever durchgeführte Fern-Aktion von Partisanen?
Am Dienstag folgte laut einem Bericht des Kyiv Independent jedenfalls„eine weitere versuchte Attacke“ auf ein St. Petersburger Kreiswehrersatzamt. Ein Unbekannter habe versucht, Feuer zu legen, hieß es unter Berufung auf russische Staatsmedien. Ob es sich um dieselbe Einrichtung handelte, ging aus der Meldung nicht zweifelsfrei hervor. Einer Videoaufnahme des zweiten Falles nach zu urteilen, war das aber nicht der Fall.
Putin unter wachsendem Druck? Teenager und Rentner legen Feuer an Militär-Einrichtungen
Auch in der Nähe von St. Petersburg griff indes ein 76-Jähriger eine solche Militäreinrichtung mit Molotow-Cocktails an, wie Fontanka am Mittwoch berichtete. Ein im Internet veröffentlichtes Video zeigte den Angriff auf die Fassade und die geparkten Autos vor dem Militärkommissariat des Ortes Wsewoloschsk.
In der Hauptstadt Moskau warf eine Frau am Dienstagabend einen Molotow-Cocktail auf ein Militärkommissariat. In Ischimbaj nahe der russisch-kasachischen Grenze zündete eine 18-Jährige die Tür einer Einberufungsstelle an. Und in der Nacht zum Mittwoch (2. August) schleuderte ein Mann Medien zufolge in der Hafenstadt Nachodka in der fernöstlichen Region Primorje am japanischen Meer zwei Brandsätze in ein Militärgebäude.
Russland: Angriffe auf Militärbüros – 82-jährige Weltkriegsüberlebende wirft Molotow-Cocktails
Die Internetplattform Baza berichtete zudem über weitere versuchte Brandanschläge in Maikop und Stawropol im Kaukasus, in Sestrorezk bei St. Petersburg, in Moskau und in Wolgograd. Dort, im früheren Stalingrad, versuchte eine 82-Jährige – angeblich eine Überlebende des Zweiten Weltkriegs – ebenfalls ein Militärkommissariat mit Molotow-Cocktails anzuzünden.
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Schätzungen russischer Regierungsgegner zufolge gab es seit dem Kriegsbeginn über 130 Brandanschläge auf Regierungs- und Militärobjekte, davon 30 allein seit dem Wochenende. Schon seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine hat es immer wieder Anschläge gegen Militärobjekte in Russland gegeben. Nach einer Mobilisierung von 300.000 Reservisten im September 2022 nahm die Zahl der Angriffe auf die Kreiswehrersatzämter stark zu. (fn/dpa)