Awdijiwka ist gefallen

Russland erleidet schwere Verluste durch Sieg in Awdijika - Kampfkraft schwindet

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Noch 24 Monate Leiden in der Ukraine, dann sollte Russlands Feuer erloschen sein – glauben politische Analysten. Der Fall Awdijiwkas: Nebensache.

Awdijiwka – Die Wissenschaft ist sich einig: Im Ukraine-Krieg ist kein Ende in Sicht. Vorerst. „Der Kampf werde noch lange vor sich hin simmern“, sagte beispielsweise zuletzt der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel und bemühte das Bild eines köchelnden Topfes auf kleiner Flamme. Allerdings flammt der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine noch lichterloh in der Stadt Awdijiwka – Wladimir Putin hat die Stadt jetzt erobert. Offenbar zu einem erschreckend hohen Preis.

Russland hat die Stadt Awdijiwka erobert. Doch der Preis ist hoch.

Die Kämpfe rund um Awdijiwka in der annektierten östlichen Region Donezk der Ukraine brachten der Stadt den Beinamen „Fleischwolf“ ein, ein Begriff für Schlachtfelder, die hohe Opferzahlen fordern und erhebliche Ressourcen wie gepanzerte Fahrzeuge verbrauchen – das berichtet jetzt Newsweek über die Kämpfe dort. Für die Süddeutsche Zeitung ist der Fall klar: Die Eroberung von Awdijiwka sei für Moskau der größte militärische Erfolg seit der Einnahme von Bachmut im Mai 2023 – und Folge dramatischer Überlegenheit an Soldaten, Artilleriegranaten und erstmals auch in der Luft. Ein bedeutender militärischer Sieg sieht allerdings anders aus, eine entscheidende Niederlage aber auch.

Noch ist in der Ukraine keine Entscheidung von großer Tragweite gefallen. Allerdings zeigt sie, dass die langfristige Strategie von Wladimir Putins Invasionsarmee inzwischen verfängt: den Feind aufgrund hoher zahlenmäßiger Überlegenheit einfach niederzuwalzen. Am Beispiel Awdijiwka erklärte der deutsche Politikwissenschaftler Carlo Masala im Hamburger Abendblatt, dass die Ukraine sich dafür entschieden hatte, Awdijiwka so lange wie möglich zu halten, damit Putins Truppen weitestgehend ausbluten. Immerhin hatten die Russen verbissen um die Stadt gekämpft, ohne dass ihr große taktische Bedeutung beigemessen wird – sie steht als Symbol für das gegenseitige Kräftemessen und besitzt aktuell keinen bedeutenden militärischen Wert, weder für die Sieger noch für die Besiegten.

Der Fall Awdijiwkas: Meilenstein für Putins Pläne in der Ukraine

Allerdings misst die Süddeutsche Zeitung der Stadt einen hohen strategischen Wert bei: wegen seiner Straßen ebenso wie als Eisenbahnknotenpunkt. Ukrainischen Schätzungen zufolge setzte Moskau für die Eroberung der Stadt deshalb rund 40.000 Soldaten ein. Moskau könnte sich nun zum Vorrücken auf die 40 Kilometer westlich von Awdijiwka liegende Stadt Pokrowsk oder auch nach Nordwesten auf die zentrale Garnisonsstadt Kramatorsk entschließen. Weiter nördlich ist etwa die Stadt Kupjansk ein ebenso mögliches Ziel einer russischen Offensive.

Das Royal United Services Institute für Verteidigungs- und Sicherheitsstudien (RUSI) geht davon aus, dass Awdijiwka ein bedeutender Meilenstein für Wladimir Putin ist, wie deren Autor Jack Watling schreibt. Russland verfolge weiterhin sein strategisches Ziel, die Ukraine vollständig zu unterwerfen und ist nach der Eroberung Awdijiwkas vom Sieg überzeugt. Zu den Kapitulationsbedingungen, die derzeit von russischen Vermittlern vorgeschlagen werden, gehört die Abtretung des bereits unter russischer Kontrolle stehenden Territoriums durch die Ukraine zusammen mit Charkiw und in einigen Gebieten um Odessa. Russland verlangt außerdem den Verzicht der Ukraine, der Nato beizutreten und ein Staatsoberhaupt von Russlands Gnaden einzusetzen. Offenbar lässt Russland im Gegenzug den Rest der Ukraine in die Europäische Union.

Düstere Prognose: Russland und die Ukraine stehen sich unversöhnlich gegenüber

Die Unvereinbarkeit der Positionen beider Kontrahenten ist Konsens in der Wissenschaft, wie auch der amerikanische Politikwissenschaftler John Mearsheimer dem Magazin Cicero erläutert hat: Russland fehle der Wille, die Krim und die vier weiteren Gebiete in der Ostukraine an die Ukraine zurückzugeben; die Ukraine wolle diese Gebiete aber unbedingt zurückhaben. „Wenn man also über die Beziehungen der Ukraine zum Westen und über den Territorialstreit zwischen Kiew und Moskau spricht, erkennt man sehr schnell, dass es keine Möglichkeit gibt, die unterschiedlichen Ansichten miteinander in Einklang zu bringen und ein sinnvolles Friedensabkommen zur schließen“, sagt er – eine düstere Prognose.

Die russische Truppe hat zudem rund um Awdijiwka zwar erhebliche Verluste erlitten, legt aber dennoch an Größe zu, analysiert das RUSI: Auch bei erbitterter Gegenwehr der Verteidiger weiß Russland damit seine Frontlinie zu halten. Watling: „Einheiten können im Allgemeinen aus der Linie rotiert werden, sobald sie bis zu einem Drittel ihrer Kräfte verloren haben, sie also als wirkungslos angesehen werden. Während derzeit keine Großoffensive stattfindet, sind die russischen Einheiten damit beauftragt, kleinere taktische Angriffe durchzuführen, die der Ukraine mindestens dauerhafte Verluste zufügen und es den russischen Streitkräften ermöglichen, Stellungen einzunehmen, zu halten, Kräfte nachzuführen und die alte Sollstärke wieder zur erreichen.“ 

Soldaten ohne Ende: Putin will 1,5 Millionen Mann unter Waffen bringen

Ihm zufolge erkläre diese Tatsache den Umstand, dass Russland den permanenten Druck auf die Stadt Awdijiwka so lange und letztendlich erfolgreich aufrechterhalten konnte. Watling rechnet weiterhin mit einem konstanten Zufluss an Soldaten: Obwohl das russische Militär seinem Ziel hinterherlaufe, seine Stärke auf 1,5 Millionen Soldaten zu erhöhen, scheinen sie ihrer angestrebten Größe auf immerhin 85 Prozent nahe gekommen zu sein, behauptet Watling. Der Kreml geht ihm zufolge davon aus, dass er diesen Rekrutierungs-Grad bis 2025 aufrechterhalten könne.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Das Institute for the Study of War (ISW) betrachtet als entscheidenden Faktor für den Sieg bei Awdijiwka, dass Russland die Lufthoheit zurückerobert hatte, also erstmals in den zwei Kriegsjahren Erfolg hatte, mit Kampfjets und Hubschraubern Überlegenheit in der Luft herzustellen und vor dem Vorrücken seiner Truppen auch gut befestigte ukrainische Stellungen sturmreif zu schießen. Die Verluste der russischen Flugzeugbesatzungen insgesamt berechnet das RUSI mit 159 Soldaten, was angesichts der Ungleichmäßigkeit der Flugstunden innerhalb der russischen Staffeln als schwerwiegender Kompetenzverlust zu betrachten sei. Dennoch könnten die russischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte weiterhin mit Abstandsmunition wie Gleitbomben verheerende Verluste unter den ukrainischen Kräften verursachen. 

Nachdem Russland im Oktober 2023 auf Awdijiwka anzurennen begonnen hatte, verdichteten sich von Tag zu Tag Hinweise, dass dem gegenüber den Verteidigern offenbar Soldaten, Munition, Drohnen und Flugabwehrsysteme ausgingen. Panzer, die in der ukrainischen Gegenoffensive im Herbst 2022 noch 120 Granaten täglich hätten verschießen können, verfügten schon Ende 2023 nur noch über höchstens 20; laut dem Kyiv Independent berichten Artilleristen aktuell, statt 40 Granaten könnten sie nur noch eine abfeuern.

Armada wie zu Sowjetzeiten: Ukraine verhindert Aufbau einer russischen Panzerarmee

Die Fakten über die Produktionskompetenz der russischen Rüstungsindustrie sind rar, die Spekulationen um so wilder, beispielsweise was den Neubau von Panzern betrifft: Erst im März vergangenen Jahres kündigte Putin die Produktion von 1.600 neuen Panzern an. Wichtiger aber für die westlichen Beobachter: Viele ihrer alten T-80-Panzer modernisiert Russland gerade. „Daraus lassen sich mehrere wichtige Schlussfolgerungen ziehen, wie zum Beispiel: Aufgrund des Krieges mit der Ukraine ist die russische Produktion derzeit nicht in der Lage, den Bedarf an Panzern für die russische Armee zu decken“, behaupten bulgarische Militärbeobachter. Laut den Bulgaren versucht Russland auf Biegen und Brechen zum sowjetischen Konzept einer Flotte von vielen Tausend Panzern zurückzukehren. Dass sich Russland um Awdijiwka herum so immense Verluste geleistet hat, legt nahe, dass die ukrainischen Verteidiger Russlands Aufbau einer dem Sowjetreich ähnelnden Streitmacht wirkungsvoll torpedieren können.

Was wiederum die Westmächte enorm unter Zugzwang setzt: Die russische Zielstrebigkeit setzt auf das Vertrauen in das Zaudern der westlichen Länder, die Ukraine stärker als bisher zu versorgen – was Jack Watling vom RUSI zu der These verleitet. „Wenn die Partner der Ukraine deren Armee weiterhin ausreichend Munition und Ausbildungsunterstützung zur Verfügung stellen, um die russischen Angriffe im Jahr 2024 abzuschwächen, ist es unwahrscheinlich, dass Russland im Jahr 2025 nennenswerte Erfolge erzielen wird. Wenn Russland aufgrund seiner Unfähigkeit die Qualität der Streitkräfte für Offensivoperationen zu verbessern, keine Aussicht auf Erfolge im Jahr 2025 sieht, bedeutet dies, dass es Schwierigkeiten haben wird, Kiew bis 2026 zur Kapitulation zu zwingen.“

Watling glaubt: Nach 2026 werde die gegenseitige Zermürbung damit enden, dass Russlands Kampfkraft erloschen sei. (Karsten Hinzmann)

Rubriklistenbild: © LIBKOS/AP/dpa

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