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Kiew will mit einer Gegenoffensive in der Südukraine Gebiete zurückerobern. Russlands Präsident Putin droht mit weiteren Eskalationen im Ukraine-Krieg.
Moskau/Kiew - Knapp viereinhalb Monate nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine bleibt die militärische Lage im Osten des Landes weiter umkämpft. In den vergangenen Wochen war es den russischen Streitkräften im Ukraine-Krieg gelungen, die letzten Städte in der Region Luhansk einzunehmen. Damit befindet sich die selbsternannte Volksrepublik nun quasi vollständig unter russischer Kontrolle.
Für Aufsehen sorgte in der vergangene Woche auch die Aussage von Russlands Präsident Wladimir Putin über den bisherigen Kriegsverlauf. „Jeder sollte wissen, dass wir im Großen und Ganzen noch nichts Ernsthaftes begonnen haben“, sagte der Kreml-Chef vor den Fraktionschefs der russischen Duma. Sollten die Drohungen Putins mit Blick auf die verwüsteten Städte in der Ostukraine ein Grund zur Sorge sein?
Moskau droht weiter: Militär-Experte – Putins aktuelle Ukraine-Sicht „sehr übertrieben“
Militärexperte Wolfgang Richter blickte im Gespräch mit ntv skeptisch auf die Aussagen des russischen Staatschefs. „Das halte ich für sehr übertrieben. Putins aktive Landstreitkräfte sind strategisch völlig überdehnt, sonst müsste die Armee jetzt nicht auf Reservisten zurückgreifen“, so Müller. Etwa 60 Prozent der russischen Landstreitkräfte seien aktuell in der Ukraine im Einsatz. Doch neben dem aktiven Krieg gegen die Ukraine werden Streitkräfte auch an anderen strategischen Orten im Land gebraucht.
„Von Murmansk bis nach Zentralasien, vom Kaukasus bis nach Wladiwostok und zu den Kurilen“, müssten strategische Positionen gehalten werden, erklärt Richter. Die russische Militärführung muss sich also an einem strategischen Spagat versuchen. Wenig Vertrauen in Putins Drohgebärden legt auch CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter. Bereits am Wochenende bezeichnete der 58-Jährige die Aussagen des Präsidenten im Deutschlandfunk als „leere Drohungen“.
Russland kann sich „weitere Eskalation nicht leisten“ - Ukraine startet Gegenoffensive
„Für mich sind das leere Drohungen, weil Russland sich eine weitere Eskalation nicht leisten kann“, so der CDU-Politiker. Kiesewetter argumentierte weiter, dass die russischen Arsenale sich langsam erschöpften und russische Streitkräfte „ungeheure Verluste“ hätten.
Könnte sich die aktuelle Lage also gar als Chance für die Ukraine erweisen? Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte zum Beginn der Woche eine ukrainische Gegenoffensive im Süden des Landes an. Ziel sei es, die russischen Streitkräfte aus den strategisch wichtigen Gebieten am Schwarzen Meer und am Assowschen Meer zurückzudrängen. Beobachter sehen die Wiederherstellung der Achse um die Städte Odessa, Mykolajiw, Cherson und Melitopol als Ziel der ukrainischen Gegenoffensive.
Verteidigungsminister Oleksij Reznikow sagte gegenüber der britischen Sunday Times, dass bis zu einer Million Soldaten an der Offensive beteiligt sein sollen - ausgestattet mit westlichen Waffen. Trotz der hochtrabenden Ankündigungen, erscheint es in der aktuellen Situation jedoch eher unwahrscheinlich, dass die Ukraine so die Oberhand im Krieg erlangen könnte.
Macht Putin ernst? Militärexperte sieht „erste Anzeichen“ für radikalen Schritt
Der Meinung ist auch der ehemalige Bundeswehr-General Hans-Lothar Domröse. „Der Kremlchef hat jedoch die Eskalationsdominanz. Nur Russland kann jeden Tag mehr Artillerie, mehr Panzer, mehr Schiffe und mehr Flugzeuge schicken. Die ukrainische Armee hat nur die Option, zu verzögern, sich geschickt zu wehren“, erklärte Domröse den Zeitungen der Funke Mediengruppe.
Auch Wolfgang Richter sieht den Vorteil weiterhin bei den russischen Streitkräften. „Wenn Moskau mobilisiert, Reservisten einberuft – von denen haben sie Millionen – und Teile der Industrie auf Kriegsproduktion umstellt, dann werden die Russen letztlich doch mehr Kräfte generieren können als die Ukrainer“, so der Militärexperte gegenüber ntv. Für diese Schritte gäbe es bereits „erste Anzeichen“ aus dem Kreml.
Russland bereitet Offensive vor - Ukraine könnte zu Partisanen-Taktiken gezwungen werden
Doch auch die russischen Streitkräfte breiten sich nach Einschätzung von Beobachtern auf eine neue Großoffensive vor. Von den eroberten Städten Sjewjerdonezk und Lyssystschansk könnten die Truppen weiter nach Westen vorstoßen. Die Städte Slowjansk und Kramatorsk in der Region Donezk gelten als wahrscheinliche Ziele.
Der Militärexperte Carlo Masala, Professor für internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München, rechnet aktuell mit einem Strategie-Wechsel des ukrainischen Generalstabs, sollten Erfolge in der Gegenoffensive ausbleiben. Dann könnte Kiew vermehrt zu Partisanen-Taktiken greifen oder sich doch noch zu Verhandlungen bereiterklären, sagte Masala gegenüber t-online.
In den vergangenen Monaten hatte die Regierung von Präsident Selenskyj immer wieder betont, man werde alle besetzten Gebiete im ukrainischen Staatsgebiet zurückerobern. Die Abgabe von Territorien im Rahmen von Friedensverhandlungen wurden ausgeschlossen. (fd)
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