VonFabian Hartmannschließen
In Moskau sind Plakate aufgetaucht, auf denen unter anderem die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren als Nazi diffamiert wird. Was steckt dahinter?
München – Der Ukraine-Konflikt ist auch ein Kampf der Worte und Bilder. Gerade Russland setzt auf das Spiel mit der Propaganda. Dass Moskau die ukrainische Führung als Nazis diffamiert, ist nicht neu. Doch jetzt richtet sich der Vorwurf auch in Richtung Schweden. Genauer gesagt: gegen die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, IKEA-Gründer Ingvar Kamprad und Regisseur Ingmar Bergman.
Propaganda-Plakate gegen Schweden: „WIr sind gegen Nazismus, sie sind es nicht“
In Moskau sind Plakate der Organisation „Unser Sieg“ aufgetaucht, auf denen die drei Schweden in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt werden. Auch auf dem Kurznachrichtendienst Twitter tauchten Fotos der Kampagne auf. Die Überschrift der Plakate: „Wir sind gegen Nazismus, sie sind es nicht“.
Weil Schweden der NATO beitreten will, läuft russische Propaganda auf Hochtouren: An Moskauer Bushaltestellen wird Schweden als Nazi-Land dargestellt. Astrid Lindgren sei Nazi gewesen!
— Rayk Anders (@RaykAnders) May 3, 2022
Lindgren nannte Hitler "Bestie" & schrieb schon 1939: "Schade, dass niemand Hitler erschießt" https://t.co/G7anup6v4R
Lindgren wird mit einem aus dem Kontext gerissenen Zitat als Nazi dargestellt. Es lautet: „Ich würde lieber für den Rest meines Lebens ‚Heil Hitler!‘ rufen, als Russen hier in Schweden zu haben.“ Das Zitat ist korrekt, allerdings stellt es eine Nähe der Kinderbuchautorin zu den Nationalsozialisten her, die es nicht gab. So bedauerte Lindgren – auch das belegen Aufzeichnungen von ihr –, dass sich niemand fand, der Hitler erschießt.
Russische Propaganda: Es stimmt, dass Astrid Lindgren den Kommunismus fürchtete
Allerdings fürchtete die Autorin auch das kommunistische Russland. Sie schrieb in ihr – später als Buch veröffentlichtes – Tagebuch: „Und ein geschwächtes Deutschland könnte für uns im Norden nur eins bedeuten – dass wir die Russen auf den Hals kriegen. Und dann, glaube ich, sage ich lieber den Rest meines Lebens ,Heil Hitler’, als den Rest meines Lebens die Russen bei uns zu haben.“ Der Eintrag stammt aus dem Jahr 1940, also der Zeit vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion.
Was allerdings stimmt: Ikea-Gründer Ingvar Kamprad war in seiner Jugend glühender Hitler-Fan. Später distanzierte er sich davon, bezeichnete es als Fehler. Auch Regisseur Ingmar Bergman hegte in seiner Jugend Sympathien für die Nazis. Seine Familie sei stramm rechts gewesen, habe die Bolschewisten gehasst, erzählte er Ende der 1990er-Jahre in einem Interview. Erst als die KZs die Tore öffneten, sei ihm das Ausmaß der Verbrechen bewusst geworden. Diesen Teil der Biografie erzählen die Plakate in Moskau nicht.
Russische Propaganda: Moskau sieht eine Verschwörung des Westens
Es verwundert nicht, dass die russische Propaganda Schweden ins Visier nimmt. Das Land liebäugelt ebenso wie Finnland mit einer Nato-Mitgliedschaft. Moskau wittert dahinter offiziell eine Verschwörung des Westens unter US-amerikanischer Führung. Russland solle ausgebeutet und vernichtet werden. Es ist nicht zuletzt Wladimir Putins Sicherheitsberater Nikolai Patrushev, der diese düstere Verschwörungstheorie verbreitet.
Und der Nazi-Vorwurf trifft alle. In einem denkwürdigen Interview im italienischen Fernsehen schreckte der russische Außenminister Sergei Lawrow nicht davor zurück, selbst Juden als Faschisten zu bezeichnen. Auch Hitler habe „jüdisches Blut“ gehabt, sagte er – die Empörung in Israel war groß.
Russische Propaganda: Schwedens Regierung nennt Plakate „völlig inakzeptabel“.
Auch Schweden zeigt sich irritiert über die Angriffe aus Moskau. Die schwedische Premierministerin Magdalena Andersson nannte die neue russische Kampagne gegen die längst verstorbenen schwedischen Prominenten (Kamprad starb 2018, Lindgren 2002, Ingmar Bergman 2007) „völlig inakzeptabel“. (fh)
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