VonStefan Schollschließen
Russlands muslimische Community steht nach den islamistischen Attentaten unter Generalverdacht.
Der Trainer der russischen Jugendnationalmannschaft im Freistilringen soll heute dem Haftrichter vorgeführt werden. Der gebürtige Tadschike Alischer Ismatsoda war am Montag unter dem Verdacht festgenommen worden, Leute zur Ausführung von Terrorakten angeworben haben.
Kampfsportler islamischen Glaubens haben derzeit einen schweren Stand in Russland. Erst am Montag gab das russische Finanzamt bekannt, der Dagestaner Chabib Nurmagomedow, früher einer der weltbesten Vollkontaktkämpfer, habe umgerechnet gut drei Millionen Euro Steuerschulden. Ende Juni war in der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala ein Rollkommando der Sicherheitsorgane in die Kampfsportschule Nurmagomedows eingedrungen und hatte sie durchsucht: Einer der fünf getöteten Terrorkrieger, die am 23. Juni in Dagestan 22 Menschen erschossen hatten, soll Absolvent dieser Sportschule gewesen sein. Nurmagomedows Manager sagte dem Sportkanal Match TV, tatsächlich habe der tote Bandit nur einen Monat lang in der Schule trainiert, vor drei Jahren.
Aber es verwundert nicht, dass alle, die jetzt Schwierigkeiten haben, islamischen Glaubens sind. In Dagestan attackierten die Angreifer Kirchen und eine Synagoge, erschossen auch einen christlichen Priester, eine Woche zuvor schwenkten meuternde Häftlinge bei einer Gefängnisgeiselnahme im südrussischen Rostow eine Flagge des terroristischen Islamischen Staates (IS). Eine afghanische IS-Zelle hatte auch die Verantwortung für das Blutbad im Moskauer Konzertsaal Crocus City im März übernommen, wo mindestens 145 Menschen umkamen.
Tschetschenien: Ramsan Kadyrow protestiert
Am Wochenende erboste sich Alexander Bastrykin, Chef des russischen Ermittlungskomitees: „Wer sind die Täter? Terroristen und Islamisten.“ Es gelte durch neue Gesetze zu verhindern, dass „unreguliert“ Menschen und Fahnen des islamistischen Terrors nach Russland gelangen könnten, forderte er.
Dagegen protestierte prompt Tschetschenenchef Ramsan Kadyrow. Muslime begingen keine Terrorakte, jede Religion verbiete das Töten Unschuldiger. Bastrykins Aussagen könnten sich äußerst schlecht auf die politisch-soziale Lage im Land auswirken, so Kadyrow weiter. Auch Dagestans Republikchef Sergej Melikow beschwerte sich, jetzt würden Verbrecher mit der Gesamtheit der Gläubigen vermischt.
Schon vermuten die Analytiker des US-amerikanischen „Instituts zur Erforschung des Krieges“, die Debatte zeige die wachsende Spaltung zwischen denjenigen russischen Top-Politikern, die zumindest den Anschein aufrechterhalten wollten, dass die Ethnien und Konfessionen des Vielvölkerstaates harmonierten – und jenen, die ultranationalistische Ideen unterstützten.
Tatsächlich häufen sich in den vergangenen Monaten Polizeirazzien auf Moscheen in Russland und der Provinz. Der Kreml kreiert eine neue Massenkultur, die ausdrücklich die Überlegenheit der ethnischen Russ:innen predigt, etwa mit Gesängen wie „Ich bin Russe“ des arisch gestylten Popstars Schaman. Aber die Gottesdienste der russisch-orthodoxen Kirche werden weiter nur spärlich besucht. Dagegen boomt der Islam etwa in Dagestan seit Jahren. Solche Widersprüche könnten sich verschärfen.
Allerdings glaubt der Machatschkaler Journalist Idris Jussupow, dass sich nur Bevölkerungssplitter radikalisieren. Die Terroristen hätten zu einer geschlossenen, lokalen Gruppe gehört, seien zum Großteil Verwandte gewesen. Und man könne sie kaum Muslime nennen. „Sie verstießen gegen islamische Gebote, die sogar der IS einhalten sollte: Im Frieden wie im Krieg darf kein Muslim ein Gotteshaus angreifen.“
