VonYasina Hippschließen
Die ganze Welt will verstehen, warum Wladimir Putin den Krieg in der Ukraine forciert. Einer Osteuropa-Expertin zufolge sieht sich der Kreml-Chef auf einer „historischen Mission“.
München - Die NATO-Osterweiterung, die angebliche Unterdrückung von russischsprachigen Menschen in der Ukraine, eine „Entnazifizierung“ - Kreml-Chef Wladimir Putin nannte in den knapp vier Monaten seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine eine ganze Reihe an Begründungen für den Vormarsch seiner Truppen in dem Land. Diese Karte zeigt, wo der Ukraine-Krieg wütet.
Aber was davon hat nun wirklich Hand und Fuß? Was hat Putin davon ernst gemeint? Osteuropa-Historikerin Franziska Davies klärt im Interview mit ntv.de auf und bezeichnet die bisherigen Begründungen für den Ukraine-Konflikt als „absurd“ und „lächerlich“. Die Expertin nennt den wahren Kriegsgrund.
Ukraine-Krieg: Putin sieht sich Expertin zufolge auf „historischer Mission“
Um die Motivation des russischen Präsidenten nur ansatzweise besser verstehen zu können, lohnt sich Davies zufolge ein Blick in die Vergangenheit. Putin sehe die Existenz der Ukraine als Fehler der Bolschewiki, aus seiner Sicht gehöre die Ukraine noch immer zu Russland. „Putin sieht sich auf einer historischen Mission, die Ukraine wieder russisch zu machen“, so Davies gegenüber ntv.de. Der Logik Putins folgend, dürfe die Ukraine dementsprechend auch nicht zur NATO gehören. Die Historikerin bezeichnet Putins Ansichten als „neo-imperial“. Dabei messe er sich an der imperialen Größe Russlands des 18. und 19. Jahrhunderts, weswegen es für ihn katastrophal sei, dass Russland mit dem Ende der Sowjetunion seine imperiale Größe verloren hat.
Hier sieht Davies auch einen der Gründe, warum es westlichen Politikern und Gesellschaften so schwer fällt, Putins Beweggründe nachzuvollziehen. Denn einen Krieg aus rein ideologischen Gründen zu beginnen sei für Europa „völlig anachronistisch“. In einer Rede teilte Putin zuletzt erst wieder gegen die westliche Politik aus.
Ukraine-Krieg: Putin gebe sich nicht mit halben Sachen zufrieden
Mit Blick auf den weiteren Verlauf des Krieges sieht Davies nicht die Chance, dass sich Putin einfach so aus der Ukraine zurückziehen wird. Er strebe eine Ordnung an, „die sich am 19. Jahrhundert oder am Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts orientiert“. Deswegen sei sein Ziel, der Expertin zufolge, weiterhin die Ukraine als Staat und Nation zu zerstören. Auch wenn er gegebenenfalls militärisch bedingt zu Pausen gezwungen würde, könnte er diese nutzen, um Kräfte zu sammeln und abermals anzugreifen. Davies weist an dieser Stelle auch auf den eigentlich schon seit 2014 schwelenden Krieg hin und bezeichnet den aktuelle Vormarsch als „Ausweitung“ von 2014.
Auffallend sei, laut der Historikerin, dass in Deutschland das Wissen und auch eine gewisse Empathie für das historische Erbe der osteuropäischen Ländern fehle. So gibt es in Russland und den osteuropäischen Ländern zwei Erinnerungskulturen, die in der Ukraine aufeinander treffen. Zum einen besteht im westlichen Teil der Ukraine die ostmitteleuropäische Erinnerungskultur einer doppelten Besatzung: dem Hitler-Stalin-Pakt und die darauffolgende Besetzung durch Deutschland oder die Sowjetunion. In Russland und den übrigen Teilen der Ukraine herrscht die sowjetisch geprägte Erinnerungskultur vor, zu der ein Stolz gehört, zum Sieg über den Faschismus beigetragen zu haben.
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