Erster Cyberkrieg in großem Stil

Wie die Cyberarmee der Ukraine Russland vor enorme Probleme stellt

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Eine SpaceX Falcon 9 Rakete fliegt ins All - unter anderem an Board sind 51 Starlink-Satelliten. Die Starlink-Satelliten sind für die Ukraine im Krieg eine große Unterstützung (Archivbild, 5. September 2022).
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Der Ukraine-Krieg ist der erste Cyberkrieg in großem Stil. Das Land hat eine Cyberarmee aus tausenden Freiwilligen – Zivilisten „kämpfen“ auch per App gegen russische Truppen.

Lissabon - Seit Beginn des Ukraine-Kriegs brach die Wirtschaft des Landes drastisch ein und etwa ein Drittel der kritischen Infrastruktur in der Ukraine ist zerstört, tausende Menschen haben ihr Leben verloren. Doch in mindestens zwei Bereichen lässt sich die Ukraine bislang nicht unterkriegen: in der Moral ihrer Truppen – und in der IT. Schon vor dem Krieg hatte das Land eine starke Technologiebranche – doch jetzt kämpft eine Cyberarmee an Freiwilligen im Hintergrund mit den Männern an der Front. Zivilisten können russische Truppenbewegungen ganz einfach per App melden.

Ukraine-Krieg markiert eine Zeitenwende: Erster Cyberkrieg in großem Stil

Der Ukraine-Krieg markiert in vieler Hinsicht eine Zeitenwende. Es ist der erste bewaffnete Konflikt, bei dem in großem Stil Cyberwaffen zum Einsatz kommen, um die Wirkung der militärischen Operationen am Boden und in der Luft zu maximieren. Das geht aus dem Digital Defense Report 2022 von Microsoft hervor. Bereits vor der russischen Invasion war immer wieder von einem hybriden Krieg die Rede. Die Cyberangriffe Russlands auf die Ukraine sind ein weiterer Teil dieser hybriden Strategie. Denn eines der ersten Ziele, auf das russische Raketen zu Beginn des Ukraine-Krieges feuerten, war ein Datenzentrum.

Kurz vor dem Einmarsch gab es 237 Cyberangriffe von sechs verschiedenen Hackergruppen Russlands, die in Verbindung mit russischen Geheimdiensten standen, so die Microsoft-Analyse weiter. Das Ziel der Angreifer sei es gewesen, Zweifel an der Führung des Landes zu säen – sowie die Kommunikations- und Verteidigungsfähigkeit des Landes anzugreifen. Die Zerstörung der Kommunikation war offenbar teilweise erfolgreich, wie der Vize-Minister für digitale Transformation der Ukraine, Alex Bornyakov, am Freitag (4. November 2022) bei einem Vortrag im Rahmen der Technologiekonferenz Web Summit in Lissabon verriet.

Russland zerstörte offenbar zu Beginn des Krieges die militärische Kommunikation der Ukraine

Der stellvertretende Minister für digitale Transformation der Ukraine, Alex Bornyakov, erklärte, wie Technologie seinem Land hilft, „den Krieg zu gewinnen“. „Ein Beispiel, wie Technologie den gesamten Krieg verändert hat, ist Starlink“, so der Vize-Minister. „Dieses Satelliteninternet hat der Ukraine die Kommunikation ermöglicht, die Russland unbedingt zerstören wollte. Ich weiß nicht, wer von euch das weiß, aber: Sie haben es tatsächlich geschafft. Sie hatten diesen konkreten Plan und als sie in die Ukraine einfielen, hatten sie unsere militärische Kommunikation zerstört.“ Doch dass Starlink ins Spiel kam, hatte Russland offenbar nicht erwartet. „Es ist das einzige Mittel unserer Truppen an der Frontlinie zu kommunizieren und sich zu koordinieren – und ich denke, ich muss nicht erklären, wie wichtig diese Koordinierung ist“, betonte Bornyakov weiter.

Über 18.000 Starlink-Satelliten sorgen dafür, das Internet an der Front und in den befreiten Gebieten wiederherzustellen. Die Technologie ermöglicht auch eine Verbindung zu kritischer Infrastruktur wie Krankenhäusern, Notdiensten und zu Zivilisten. Als Nebenprodukt können IT-Firmen auch in Kriegszeiten stabil weiterarbeiten – unter allen Bedingungen. Während die ukrainische Wirtschaft einbrach, wuchs die ukrainische IT-Branche seit 2021 eigenen Angaben zufolge um 16 Prozent.

Alex Bornyakov, der stellvertretende Minister für digitale Transformation in der Ukraine, am 4. November 2022 bei einem Vortrag auf der Technologiekonferenz Web Summit in Lissabon, Portugal.

App eVorog ermöglicht es Zivilisten, den ukrainischen Streitkräften Truppenbewegungen zu melden

Die Ukraine hat bereits im Jahr 2019 ein eigenes Ministerium für digitale Transformation geschaffen, um die digitale Kompetenz der Bürger zu stärken und die öffentliche Verwaltung zu digitalisieren. „Unser Ziel war es, das benutzerfreundlichste Land der Welt zu werden“, erklärt Alex Bornyakov. Die Ukraine sei das erste Land der Welt gewesen, in dem digitale Pässe analoge Papierdokumente bereits komplett ersetzt hätten, so der Vize-Minister weiter. Möglich macht das die Diia-App, die bereits 18 Millionen Nutzer hat. „Als der Krieg ausbrach, haben wir unseren Fokus komplett verändert“, betonte der Minister.

Stattdessen fokussierte sich das Ministerium etwa auf die App eVorog – was übersetzt so viel heißt wie „eFeind“. Damit kann jeder Mensch in der Ukraine die Streitkräfte des Landes per Chat über Truppenbewegungen, militärisches Gerät, Kriegsverbrechen, Kollaborateure, explosive Stoffe oder verdächtige Objekte informieren. Das funktioniert über einen Telegram-Kanal oder über die Hauptseite in der Diia-App. Es habe bereits über 300.000 Berichte von Zivilisten an die Streitkräfte gegeben, erklärte der Vize-Minister.

Cyberarmee aus Freiwilligen übernimmt konkrete Aufträge – Drohnenarmee soll Himmel schützen

Ein wichtiger Aspekt des Cyberkriegs ist auch die Propaganda im Internet. Ukrainern wurde zu Beginn des Krieges rund doppelt so viel (+216 Prozent) russische Propaganda gezeigt wie zuvor. Das stellten die Microsoft-Analysten in ihrem Bericht mithilfe des Russian Propaganda Index fest. Auch in den USA und Europa stieg die Propaganda schlagartig. Die Verbreitung von Deepfakes kletterte im Vergleich zu 2019 um 900 Prozent. Dagegen wehrt sich die Ukraine mit einer Cyberarmee aus Freiwilligen. Mittlerweile bestünde diese „IT-Armee“ aus 300.000* ukrainischen und internationale Cyber-Spezialisten, die unter anderem Propaganda im Cyberspace bekämpfen, erklärt der ukrainische Vize-Minister für digitale Transformation.

„Ich erinnere mich, in den ersten Tagen des Krieges waren wir ein kleines Team. Wir wurden von tausenden Anfragen überwältigt und die Menschen wollten wissen: Wie können wir helfen?“ Die Anfragen seien von Hackern gekommen, aber auch von Entwicklern aus der IT-Branche. Dann habe man überlegt und sei zu dem Entschluss gekommen, eine spezielle Task-Force zu gründen. Man habe diesen Menschen einen Leitfaden und Aufgaben gegeben, erklärt Bornykov.

Nun stehen Drohnen ganz oben auf der Agenda der Ukraine. „Das ist eines der großen Projekte, auf die wir uns jetzt fokussieren“, so der Vize-Minister. Eine Drohnenarmee soll den Himmel über der Ukraine schützen. Das Ziel sei, zivile Drohnen zu erwerben und für die Zwecke der Streitkräfte nutzbar zu machen. Es gebe ein Netzwerk aus Schulen, die den Streitkräften den Umgang mit den Geräten beibrächten. „Und ein Netzwerk aus Reparatureinheiten, die sie wieder reparieren können“, so der Minister. Am Samstagabend hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner Videoansprache bekannt gegeben, eine Flotte von Seedrohnen anschaffen zu wollen.

*Hinweis: Original-Bericht von November 2022. In einem Interview mit der IT-Armee im August 2023 teilte der Sprecher der Organisation mit, dass es 10.000 aktive Freiwillige gebe (Stand: August 2023). Die im vergangenen Jahr vom Minister genannte Zahl von 300.000 beziehe sich auf die Zahl der Abonnenten des Telegram-Kanals der IT-Armee, nicht auf die Anzahl der „engagierten Kerngruppe“ aus aktiven Freiwilligen, hieß es.

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