Angebliche ukrainische Soldaten beschimpfen eine Frau und ihr Baby. Ein Schuss fällt. Doch das Video entpuppt sich als Fälschung.
Kiew/Moskau – „Ukrainische Militärbeamte halten eine Frau mit ihrem Baby an, weil sie angeblich gegen die Verkehrsregeln verstoßen hat“, untertitelt die russische Botschaft im Vereinigten Königreich das Video, das über Social Media verbreitet wird. Als einer der Soldaten sie Russisch sprechen hört und herausfindet, dass sie Muslimin ist, schreie der „mutige“ Ukrainer sie an. Dann „bedroht und beleidigt er sie, nennt sie ‚Schwein‘, erschreckt ihr Baby und gibt mehrere Schüsse ab“. Soweit der Kommentar der Botschaft von Russland auf Twitter.
🇺🇦military stop a woman with her baby for allegedly violating traffic rules. After hearing her speak Russian & finding out she is a Muslim, the "brave" Ukrainian: shouts at, threatens, insults her, calls her "pig", scares her baby, fires several shots. #TruthonUkraine@mfa_russiapic.twitter.com/2Gnp5dsVpd
Für Russlands Kriegspropaganda und Kreml-Unterstützer im Internet ist die Szene ein Jackpot. Das Video wird geteilt und verbreitet, selbst die russische Botschaft in London und das russische Außenministerium posten es auf ihren Twitter-Kanälen. In einem bereits gelöschten Tweet des russischen Außenministeriums wurden die vermeintlichen Soldaten der Ukraine laut Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) sogar als „Nazis“ bezeichnet.
Russland im Ukraine-Konflikt: Propaganda-Video nicht an der Front entstanden
Ungünstig nur, dass das angeblich an der Front aufgenommene Video sich anhand von geologischen Anhaltspunkten als Fake entlarvt wird. „Dies ist kein ukrainisches Militär. Dieses Video wurde 30 Kilometer hinter der Frontlinie aufgenommen“, urteilt die gemeinschaftsbasierte Plattform für Geolokalisierung GeoConfirmed. Sie konzentriert sich in ihren Analysen auf den Ukraine-Konflikt und überprüft Berichte auf deren Plausibilität. Die vermeintlichen ukrainischen Soldaten sind offenbar russische Soldaten oder prorussische Kämpfer.
GeoConfirmed UKR.
"2 Ukrainians stopped a car and fires a gun to scare a women and child."
❌This is not Ukrainian military❌ This video is made 30 km's behind the frontline.
Russian disinformation, but geolocation by @PStyle0ne1 is on point and GeoConfirmed.
Die Informationen der Organisation Geoconfirmed und weiterer Gemeinschaften – wie etwa Eyes on Russia, die sich auf Propaganda aus Russland spezialisieren – wird in Kreisen von Nachrichtendiensten als Open Source Intelligence (OSINT) bezeichnet. Darunter sind sicherheitsrelevante Informationen zu verstehen, die aus frei verfügbaren Quellen gesammelt werden, darunter Social Media, Nachrichtenplattformen und andere öffentliche Webseiten. Geoconfirmed wurde am ersten Tag des Ukraine-Kriegs (24. Februar 2022) von Freiwilligen gegründet.
Russland-Propaganda gegen Ukraine: Fake-Video dank Geolocation enttarnt
Es gelang es dem Team von Geoconfirmed und weiteren Freiwilligen mit diesen Informationsquellen, den genauen Schauplatz der Szene auf dem Propaganda-Video festzustellen. Dazu nutzten sie auffällige Wegmarken, wie Bäume, eine Stromleitung und große weiße Steine am Straßenrand, die in dem Videoausschnitt erkennbar sind, berichtet das RND weiter. Das Ergebnis war eindeutig. Das Video wurde nicht, wie von Kreml-Unterstützern behauptet, an der Front aufgenommen, sondern bei der von Russland besetzten Stadt Donezk im Donbass. Die genauen Koordinaten wurden ebenfalls angegeben und laut RND von Anwohnenden der Region bestätigt.
Grund zum Zweifel an der Authentizität hätten mehrere Punkte geliefert: Die nahezu perfekte Szenerie des Videos für die russische Kriegspropaganda sei ein erster Anhaltspunkt gewesen. Ukrainische Soldaten, die eine Frau und ihr Kind belästigen, weil sie Russisch spricht, passe sehr gut in das Narrativ des Kremls. Das vermeintliche Opfer soll außerdem Muslimin sein – und das Video wurde laut des Zeitstempels am 24. März 2023 aufgenommen, der den Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan markiert, so die Angaben des RND. Zuletzt hätte Moskau immer öfter versucht, die Ukraine als islamfeindliches Land darzustellen.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Ukraine-Konflikt: Russische Botschaft hält an Fake-Meldung fest
Hinzu komme das Auftreten der angeblich ukrainischen Soldaten. Wäre das Video tatsächlich im Frontgebiet aufgenommen worden, hätten die Streitkräfte beim Verlassen ihres Fahrzeuges demnach mehr Vorsicht walten lassen. Zwar haben sie ihre Waffen bei sich, tragen diese aber, als fühlten sie sich sicher. Außerdem seien die gelben Markierungen an Helm und Uniform ungewöhnlich. Aktuell würden ukrainischen Soldaten grüne Abzeichen nutzten.
Auch eine ganz grundlegende Information ließ aufhorchen: Das Video stammt demnach aus einer Dashcam (kleine Kamera, die hinter der Frontscheibe angebracht wird) im Fahrzeug der Frau. Und mit einer solchen komme man kaum durch Militärcheckpoints an der Front. Denn diese sind seit dem vergangenen Jahr verboten, um Bewegungen ukrainischer Truppen nicht zu verraten. Anzumerken ist nach der Enttarnung nun noch: Die russische Botschaft in London nahm den Post weder von ihrem Twitter-Kanal, noch korrigierte sie die Meldung (Stand: 30. März). Auch handelt es sich nicht um den ersten Vorfall dieser Art. (na)