Instrumentalisierung der Geschichte

Russland lehrt den Ukraine-Krieg an Schulen – und will Geschichtsbuch „weiter ergänzen“

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Ein neues Geschichtsbuch soll russische Elftklässler die „historische Mission“ Moskaus vermitteln. Die Zielgruppe könnte nicht zufällig gewählt sein.

Moskau – Die Kinder in Russland sind in den Sommerferien. Pünktlich zum Schulstart am 1. September erwartet sie ein neues Geschichtsbuch, das die Sicht des Kreml auf den Ukraine-Krieg darlegt: Es gehe darum, das Land zu „entmilitarisieren“ und „entnazifizieren“, wiederholt das Buch das Narrativ des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Schon junge Russinnen und Russen sollen die Invasion als Teil der historischen Mission Moskaus wahrnehmen.

Neues Geschichtsbuch in Russland: „Nach unserem Sieg, werden wir dieses Buch ergänzen“

Das neue Geschichtsbuch wurde in Rekordzeit verfasst, nur knapp fünf Monaten habe es gedauert. „Kein Lehrbuch wurde in unserem Land jemals in so kurzer Zeit erstellt“, kommentierte Präsidentenberater Wladimir Medinskij. Geschrieben sei es für Elftklässler und damit für Schüler, die etwa 17 Jahre alt sind, und decke die Zeit von 1945 bis zum 21. Jahrhundert ab, teilte der russische Bildungsminister Sergej Krawzow mit. Das Werk sei wichtig, um den Schülern die Ziele der „russischen Militäroperation in der Ukraine“ zu vermitteln. Dabei ginge es darum, die ehemalige Sowjetrepublik zu „entmilitarisieren“ und „entnazifizieren“, wie der Minister sagte und sich dabei dem falschen Narrativ bediente, die Ukraine mit einem demokratisch gewählten, jüdischen Präsidenten würde von Nazis regiert.

Auch die russische Invasion im Jahr 2014 auf der Halbinsel Krim und deren völkerrechtswidrige Annexion lobte das Buch, das russische Militär habe dort den „Frieden gerettet“, hieß es. Passend dazu ist auf dem Titel die Krim-Brücke zu sehen, die als wichtige Verkehrsader, aber auch als Symbol der Herrschaft Putins während des Ukraine-Krieges mehrfach angegriffen wurde. Kritik übt das neue Geschichtsbuch indes an den vom Westen gegen Russland verhängten „illegalen“ Sanktionen, die schlimmer als Napoleon bewertet wurden, der 1812 in Russland einmarschiert war. Im Hinblick auf die russische Invasion in der Ukraine gab sich der Bildungsminister siegessicher: „Nach unserem Sieg, werden wir dieses Buch weiter ergänzen.“ Wenn am 1. September die Sommerferien enden, werde das Buch in „allen Schulen“ verfügbar sein, hieß es weiter.

Studienanfänger in Moskau: Ein in nur fünf Monaten geschriebenes neues Geschichtsbuch für Elftklässler in Russland behandelt die russische Sicht auf den Ukraine-Krieg. (Symbolbild)

Geschichtsstunde mit dem Kremlchef: Wladimir Putin deutet Historie um

Schon in seiner Rede im Februar vergangenen Jahres, kurz vor dem russischen Überfall, hatte Kremlchef Putin sein eigenes Geschichtsverständnis dargelegt, in dem er viele historische Begebenheiten zu seinen Gunsten umdeutete. Die Unabhängigkeit der Ukraine bezeichnete der Kremlchef etwa als „historischen Irrtum“, den er korrigieren wolle. Putin verfolge damit die historische Mission eines großrussischen Reiches bestehend aus allen – aus Sicht des Kremlchefs – russischen, ostslawischen und orthodoxen Gebieten, so Politikbeobachter. „Das ist großrussischer Nationalismus reinsten Wassers, wie wir ihn seit dem 19. Jahrhundert kennen und natürlich ist das eine Instrumentalisierung von Geschichte“, sagte der Historiker Joachim von Puttkamer von der Universität Jena dazu der Deutschen Presse-Agentur.

Auch das neue Geschichtsbuch spricht vom russischen Volk als „Großrussen, Tataren, Ukrainer, Dagestaner und Baschkiren“, wie die ukrainische Zeitung Pravda aus dem Werk zitierte. Zum Abschluss heißt es in dem Buch, die Schüler sollen ihre eigenen Schlüsse aus den „neuen militärischen Taktiken der Ukraine“, ziehen. Dass ausgerechnet 17-jährige Schüler die Zielgruppe des Werkes sind, könnte kein Zufall sein: Ab 18 Jahren sind männliche Russen zum Militärdienst verpflichtet, nach dem Ende des zwölfmonatigen Dienstes versucht Moskau in der Regel, die Soldaten weiter in der Armee zu halten. Mit dem entsprechenden ideologischen Unterbau könnte das einfacher werden. (bme mit AFP)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa | Maxim Shipenkov

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