Das britische Verteidigungsministerium sieht eine neue Offensive Russlands in der Ostukraine. Dabei kommen wohl 70 Jahre alte Fahrzeuge zum Einsatz.
Awdijiwka - Die russische Armee hat im Osten der Ukraine offenbar eine neue Gegenoffensive auf die ukrainischen Stellungen gestartet. Das teilte das britische Verteidigungsministerium am Dienstag (17. Oktober) mit. „Russland hat höchstwahrscheinlich eine koordinierte Offensive an mehreren Achsen im Osten der Ukraine begonnen“, schrieb das Ministerium in seinem täglichen Geheimdienstupdate auf X (ehemals Twitter).
Neue Offensive im Ukraine-Krieg - Russland nimmt wohl Awdijiwka in Visier
Das Ziel der russischen Streitkräfte soll dabei die Stadt Awdijiwka nördlich von Donezk sein. Awdijiwka befindet sich sei Beginn des Ukraine-Konflikts im Jahr 2014 an der Frontlinie zwischen der ukrainischen Armee und den prorussischen Separatisten. Nach Einschätzung des britischen Verteidigungsministeriums dient die Stadt der Ukraine als wichtiges Verteidigungsbollwerk, um ein Vorrücken der russischen Truppen in der Region Donezk zu verhindern. Russlands Armee könnte versuchen, die Stadt mit mehreren Panzerbataillonen zu umzingeln. „Es ist wahrscheinlich die bedeutendste Offensive Russlands seit mindestens Januar 2023.“
Wie das britische Ministerium weiter mitteilte, haben sich bislang ukrainische Truppen in der Stadt verschanzt und so einen Fortschritt der russischen Armee verhindern können. Das langsame Vorankommen und die großen Opferzahlen könnten nun bei der russischen Militärführung zu einem Strategiewechsel geführt haben, analysierte der britische Geheimdienst die Lage.
Putin dämpft Erwartungen – wird Awdijiwka das neue Bachmut?
Der Kampf um Awdijiwka erinnert an die Schlacht um Bachmut, bei der russische Soldaten und Wagner-Söldner über Monate hinweg versucht hatten, die Stadt im Oblast Donezk einzunehmen. Im Mai dieses Jahres verkündete der mittlerweile verstorbene Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin die vollständige Einnahme von Bachmut. Kiew hat den Verlust der Stadt seitdem jedoch nicht offiziell eingeräumt.
Die Erfolgsaussichten für die Einnahme von Awdijiwka sind durchwachsen. Die Experten des US-amerikanischen Thinktank Institute for the Study of War (ISW), schrieben bereits am Sonntag (15. Oktober), dass Präsident Wladimir Putin die Erwartungen für eine erfolgreiche Offensive auf Awdijiwka dämpfen würde. In einem Interview mit dem russischen Staatsfernsehen bezeichnete Putin den Einsatz der russischen Truppen in der Region als „aktive Verteidigung“ und nicht als Offensive.
Kampf um Awdijiwka – Russland setzt 70 Jahre alte Truppentransporter ein
Ein weiterer Grund für den bislang ausbleibenden Erfolg der russischen Truppen in der Region könnte ein weiteres Mal die mangelhafte Ausrüstung der Soldaten sein. Ein Hinweis darauf liefert zumindest ein Bericht des ukrainischen Portals Kyiv Post vom Dienstag. Diesem zufolge setzt die russische Armee beim Angriff auf Awdijiwka gepanzerte Truppentransporter vom Typ BTR-50 ein. Das gehe aus Foto-Auswertungen von Waffen-Analysten hervor, hieß es. Diese Fahrzeuge wurde erstmals in den 50er-Jahren in der Sowjetunion produziert. 1970 wurde die Produktion jedoch bereits wieder eingestellt.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Bilder auf der Plattform X zeigen das Wrack eines BTR-50-Truppentransporters nahe Awdijiwka. Die Fahrzeuge verfügen aufgrund ihres Alters über eine extrem dünne Panzerung – gerade verglichen mit modernen Standards. Das macht die Transporter zu einem leichten Ziel für moderne Panzer, Minen oder Artillerie. Auf dem via X verbreiteten Bild liegt der BTR-50 auf dem Dach und weist ein großes Loch an der Unterseite auf. Laut Kyiv Post lässt das auf den Einsatz einer Anti-Panzer-Mine schließen. Gesicherte Informationen über den Verbleib der bis zu 20 Mann starken Besatzung des Transporters gab es zunächst nicht.
#Ukraine: The first confirmed loss of a Russian BTR-50 APC- this one was destroyed during the ongoing offensive on Avdiivka, #Donetsk Oblast. A damaged T-64BV can be seen nearby too.
The Russian troops started to receive these rather old APCs in February of this year. pic.twitter.com/MdLoTJtVNl
Die russischen Streitkräfte haben seit Beginn des Ukraine-Kriegs immer wieder mit großen Verlusten zu kämpfen. In den vergangenen Monaten gab es wiederholt Berichte, dass die russische Armee veraltetes Kriegsgerät in der Ostukraine einsetze. Es bleibt abzuwarten, ob Moskau unter diesen Voraussetzungen die Einnahme von Awdijiwka gelingen kann. Alleine am Sonntag konnten die ukrainische Armee nach eigenen Angaben 15 Vorstoße der russischen Streitkräfte zurückschlagen. Das geht aus dem täglichen Lagebericht der ukrainischen Militärführung auf Facebook hervor. (fd)