Gezielte Schläge statt weit greifender militärischer Operationen: Die Ukraine treibt bewusst die Verluste in den Reihen von Putins Top-Offizieren nach oben.
Sewastophol - Viktor Sokolow ist möglicherweise einer von inzwischen sehr vielen – sehr vielen Opfern im Offiziers-Korps von Wladimir Putins Invasionsarmee. Admiral Viktor Sokolow kommandiert die russische Schwarzmeer-Flotte auf der durch Russland annektieren Krim-Halbinsel und ist vielleicht Opfer des jüngsten Raketen-Angriffs der Ukrainer auf deren Hauptquartier von Montag (25. September).
Das zumindest behaupten die Ukrainer, wie die Kiew-Post berichtet. Das Blatt spricht von einer neuen Taktik der Ukraine: dem Angriff auf die Führungsspitze von Putins Armee. Allerdings tauchte am Dienstag (26. September) ein Video auf, dass Sokolow in einer Video-Schalte des russischen Verteidigungsministeriums zeigt. Laut den russischen Presseagenturen Ria Novosti und Tass soll das Video aktuell sein – demnach wäre Sokolow möglicherweise doch noch am Leben. Dennoch: Im Verlauf der ukrainischen Gegenoffensive offenbart gerade die russische Schwarzmeer-Flotte ihre Verwundbarkeit.
Verluste im Ukraine-Krieg: Zahl der General-Todesfälle steigt
Obwohl die Zahl der im Ukraine-Krieg getöteten russischen Offizieren nur geschätzt werden kann, scheint sie immens: Von 2.529 getöteten russischen Offizieren schreibt auf X (vormals Twitter) der Autor KIU (Russian Officers killed in Ukraine). Davon sollen sechs Tote im Generalsrang stehen. Stand Juli 2023. Die Zahl veröffentlicht auch das ZDF und beruft sich dabei auf Bestätigungen des russischen Verteidigungsministeriums. Die Ukraine selbst spricht von elf durch sie getöteten Generälen und Admiral Sokolow als prominentestem Opfer.
Dem jüngsten Anschlag der Ukraine sollen zusätzlich mindestens 30 Offiziere zum Opfer gefallen sein, darunter Sokolows Stellvertreter, Generalleutnant Oleg Tsekow. Das jedenfalls behauptet der ukrainische Geheimdienstchef Kyrylo Budanow, bleibt aber Beweise schuldig. Viktor Sokolow wurde im September 2022 zum Kommandeur der Schwarzmeer-Flotte ernannt. Sein Vorgänger Igor Osipow wurde nach dem Untergang des Raketenkreuzers „Moskwa“ aus dem Amt entfernt.
Verlust der Offiziere schwächt die Kampfkraft von Putins Armee
Militärexperten wundern sich bereits über die Verluste, die die Ukraine der russischen Schwarzmeer-Flotte ohne eigene Marine zugefügt hat; die „Enthauptung“ ihrer Führungsstrukturen wie jetzt auf der Krim bewerten sie darüber hinaus als ein Desaster, wie beispielsweise Ulrich Schlie gegenüber dem ZDF geäußert hat: „Solche Anführer sind für die eigenen Reihen immer auch Identifikationsfiguren. Wenn es dem Gegner gelingt, sie auszuschalten, macht er damit seinen eigenen Erfolg für alle sichtbar. All diese Faktoren können dazu beitragen, dass die Kampfkraft der Russen weiter geschwächt wird“, erklärt der Direktor des Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn.
Russlands Interessen auf der Krim sind immens bedroht
Ähnlich sehen das die Briten, die im Mai 2023 im Kurznachrichtendienst X (vormals Twitter) gewarnt haben vor den Folgen, die der Ersatz erfahrener Offiziere durch solche mit weniger Kampferfahrung nach sich zieht: „Dies hat zu einer Streitmacht geführt, die nur langsam auf Rückschläge reagiert und nicht in der Lage ist, ihre Herangehensweise auf dem Schlachtfeld zu ändern.“ Insofern fördern die Aktionen der ukrainischen Spezialkräfte auch die Operationsfähigkeit der Bodentruppen während der Gegenoffensive der Ukraine gegen die russischen Besatzer. Desweiteren hat die Ukraine mit ihren verschiedenen Schlägen gegen die Schwarzmeer-Flotte bewiesen, dass auch deren Ausrüstung in Reichweite des ukrainischen Feuers liegt. Russlands Interessen auf der Krim sind also immens bedroht.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Durchbruch der Gegenoffensive: Vor allem die Schwarzmeer-Flotte steht im Visier
Die Schwarzmeer-Flotte ist die kleinste der vier russischen Flotten und hat neben der taktischen vor allem eine strategische Bedeutung, wie das Online-Magazin Dekoder schreibt: „Mit dem Zerfall der Sowjetunion und der neuen Unabhängigkeit der Ukraine seit 1991 wurden die Schwarzmeer-Flotte und insbesondere die in Sewastopol stationierten russischen Soldaten zu einem wichtigen Einflussfaktor Russlands in der Ukraine.
In den 1990er-Jahren rangen beide Seiten um die Kontrolle über das alte sowjetische Militär. Die Flotte wurde 1997 zwischen Russland und der Ukraine aufgeteilt, die Ukraine erhielt einen deutlich kleineren Teil der Schiffe. Die Schwarzmeer-Fotte war dabei Mittel und Zweck einer russischen Politik der Einflussnahme und der Verhinderung ukrainischer Nato-Ambitionen.“ Die Schwarzmeer-Flotte verhilft Russland auch zur Stützung des Assad-Regimes in Syrien.
Nicht zuletzt durch die vermeintlichen Lücken in der Führung der Flotte gehen zumindest die Briten laut ihren Veröffentlichungen auf X (vormals Twitter) davon aus, dass deren operative Reichweite gelitten hat: dass beispielsweise Patrouillen eingeschränkt werden oder Blockaden ukrainischer Häfen gelockert. Damit hätte sich die neue Taktik der Ukraine deutlich bemerkbar gemacht.