Russland setzt im Ukraine-Krieg nun offenbar auch auf statische Verteidigungslinien mit Panzersperren und Schützengräben. Diese Strategie hat Vor- und Nachteile.
Cherson – Im Rahmen ihrer Gegenoffensive konnten die ukrainischen Streitkräfte zahlreiche Gebiete zurückerobern, darunter auch die südliche Stadt Cherson. Russland versucht nun offenbar mit dem Aufbau von Verteidigungslinien die bisherigen Fronten im Ukraine-Krieg zu festigen. Sowohl im Osten bei Popasna als auch im Süden bei Cherson sind auf Satellitenbildern starke Verteidigungslinien auf von Russland besetztem Gebiet zu sehen. Militärexperten sind skeptisch, ob diese Strategie dem Kreml den gewünschten Erfolg bringt, wie die New York Times (NYT) am Mittwoch berichtete.
Drachenzähne, Schützengräben und Panzerfallen: Diese Verteidigungslinien errichtet Russland
Schon im November war bekannt geworden, dass Russland offenbar Beton-Panzersperren, sogenannte „Drachenzähne“, in den Werken von Mariupol fertigen und nach Cherson und Saporischschja transportieren lässt. Satellitenbilder zeigen nun den Fortschritt dieses Unterfangens. In einem Ausschnitt sind Verteidigungslinien bei Popasna zu sehen, die russische Streitkräfte offenbar in nur sechs Tagen aus dem Boden stampften – oder teilweise auch in den Boden. Die Abwehr besteht aus zwei Linien von Hindernissen für Fahrzeuge, gefolgt von tiefen Gräben, sogenannten „Panzerfallen“. Dahinter eine Linie von Panzersperren, auch „Drachenzähne“ genannt und ein Schützengraben.
Diese Kombination von Hindernissen spannen sich über mehrere hundert Meter und sollen die ukrainischen Truppen offenbar auf eine Straße leiten, auf der sie zu einem einfachen Ziel für russische Truppen werden. „Die Idee von Verteidigungsstellungen besteht darin, sich einen Vorteil zu verschaffen, indem man in der Lage ist, von vorbereiteten Positionen aus zu kämpfen“, sagte Ben Barry, Senior Fellow am International Institute for Strategic Studies der NYT. Auch in anderen Gebieten rund um Popasna errichtete Russland weitere solcher Abwehrmechanismen. Einer Analyse der US-Zeitung zufolge wurden hunderte solcher Verteidigungslinien in nur elf Tagen errichtet.
Wie effektiv sind die russische Verteidigungslinien?
Die Befestigungen könnten die ukrainische Armee zwar verlangsamen, doch ob die Hindernisse wirklich effektiv sind, hängt aus Sicht von Militärexperten davon ab, ob und wie sie besetzt sind. Es handele sich nur um Löcher im Boden, es sei denn, sie würden durch disziplinierte und motivierte Soldaten gehalten, die mithilfe von Artillerie, mobilen Reserven und Logistik unterstützt würden, sagte Philip Wasielewski vom Foreign Policy Research Institute der New York Times. Um die Moral und Disziplin innerhalb der russischen Armee soll es allerdings zahlreichen Berichten zufolge nicht gut bestellt sein. Auch bei Führung und Logistik wurden immer wieder Probleme bekannt.
Eine erfolgreiche Verteidigung der Stellungen hänge von der Qualität der dort stationierten Truppen ab, glauben auch die Experten des Institute for the Study of War. Russland habe allerdings vermutlich neu mobilisierte Rekruten zur Frontverteidigung in Cherson eingesetzt und erfahrenere Truppen für sekundäre Positionen aufgespart, hieß es in einer ISW-Analyse Ende vergangenen Monats.
Grabenbau forderte bereits Menschenleben - Kritik kommt auch von Militärbloggern
Der Bau der Abwehrlinien kostete offenbar bereits Menschenleben, denn die Soldaten sind im offenen Gelände ein leichtes Ziel für Drohnen. Ende November berichtete der britische Geheimdienst zudem, dass mobilisierte russische Reservisten höchstwahrscheinlich schwere Verluste erlitten hätten, nachdem sie unter Artilleriebeschuss rund um die Stadt Swatowje im Gebiet Luhansk zum Ausheben anspruchsvoller Grabensysteme eingesetzt worden waren.
Kritik an den Verteidigungslinien kommt auch von russischer Seite. In einem Beitrag auf Telegram sagte Igor Strelkow, ein ehemaliger russischer Geheimdienstoffizier, die Entscheidung, langfristige Verteidigungsstrukturen aufzubauen, sei „aus einer Laune heraus“ getroffen worden und die Strategie eines langwierigen Krieges sei „Selbstmord“ für Russland.
So können die Verteidigungslinien der russischen Strategie helfen
Der Fluss Dnepr stellt ein natürliches Hindernis dar. Die russischen Verteidigungsanlagen in Cherson liegen laut Angaben der NYT allerdings weit hinter der Front, rund 80 Kilometer vom Fluss entfernt. Der Bau dieser Verteidigungsanlagen deutet darauf hin, dass die russische Militärführung die Möglichkeit einer ukrainischen Gegenoffensive über den Dnepr als ernsthafte Bedrohung ansieht, glauben die US-Kriegsforscher der Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW). Russland könnte womöglich auch planen, mehr Soldaten von den Stellungen dort abzuziehen und in andere Regionen wie etwa das hart umkämpfte Bachmut zu verlegen.
Um die Ortschaften Bachmut und Awdijiwka im Donbass im Osten der Ukraine dauern die schweren Kämpfe nach Angaben aus Kiew vom Montag weiterhin an. Die nun von russischen Truppen errichteten Verteidigungslinien liegen kurz vor der Stadt Bachmut. Dies würde Russland ermöglichen, bei einer ukrainischen Gegenoffensive hinter die Abwehrmechanismen zurückzufallen, ohne viel Gebiet zu verlieren. Damit könnten die russischen Streitkräfte womöglich auch den Verlust von Material wie beim Rückzug aus Cherson vermeiden.
