„Maximum des in Russland Sagbaren“: Kann Putins Kritiker bei der Wahl auftrumpfen?
VonFlorian Naumann
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Putin feiert vorab seinen Wahlsieg. Repressionen und mutmaßliche Manipulationen legen den Grund dafür. Einzige Ungewissheit: Wer landet auf Platz zwei?
Den letzten mehr oder minder krediblen Gegenkandidaten hatte der Kreml mit Boris Nadeschdin ohnehin vorzeitig aus dem Rennen genommen. Angesichts dieser Ausgangslage bleibt wohl nur noch eine kümmerliche Ungewissheit übrig: Wird der kritischste Bewerber im Kandidatenfeld Zweiter werden? Beobachter halten es nicht für ausgeschlossen, dass Wladislaw Dawankow diesen Trostpreis gewinnen wird. Obwohl normalerweise stets die Kommunisten hinter Putin ins Ziel gehen.
Dawankow kritisierte vorsichtig Putins Ukraine-Krieg: „Maximum, was in Russland gesagt werden kann“
Dawankow ist kein radikaler Herausforderer. Anders als etwa der mittlerweile im sibirischen Straflager verstorbene Alexej Nawalny hat er nie Putin zu seinem Gegner erklärt. Als stellvertretender Vorsitzender der Staatsduma könnte er sich das ohnehin wohl kaum erlauben. Auch seine inhaltliche Kritik hat Dawankow bestenfalls tastend und in vorsichtigsten Worten vorgebracht. Zu vernehmen war sie aber durchaus, wie das (west-)europäische Projekt Russian Election Monitor in einem Dossier zum Kandidaten in Zitatform zusammengestellt hat.
So sagte der 40-Jährige etwa zum Ukraine-Krieg, seine Position sei: „Frieden und Verhandlungen“. Diese für russische Verhältnisse drastische Äußerung relativierte Dawankow allerdings. „Basierend auf unseren Maßgaben und nicht in einem Rollback.“
Eine andere Kostprobe gab Dawankow rund einen Monat vor der Russland-Wahl in seinem Wahlprogramm. „Wie wir alle träume ich von einem großen und friedlichen Russland. Aber für mich ist Größe erreicht, wenn ein Land nicht nur wegen seiner Militärmacht gefürchtet ist, sondern auch respektiert für seine Durchbrüche in den Feldern Wissenschaft und Techologie, Sport und Kultur.“
Auf einen kritischen Satzteil schien also stets eine Fortsetzung zu folgen, die die Position wieder in die Grenzen des Kreml verschob. Experte Alexander Kynew erklärte auf Telegram, Dawankows Kampagne spiegele „das Maximum dessen, was im heutigen Russland gesagt werden kann.“ Maxim Katz, ein ehemaliger aber später in Ungnade gefallener Vertrauter Nawalnys, erklärte, Dawankow sei der passendste Kandidat für alle, die nach der Maßgabe „alle außer Putin“ wählen.
Fingerzeig gegen den Ukraine-Krieg? Putin-Kontrahent Dawankow darf auf zweiten Platz hoffen
Dawankow gilt als „liberal“ – er ist Mitglied der 2020 gegründeten Partei „Neue Leute“. Als „Notnagel für Putins Gegner“ betitelte ihn die Süddeutsche am Wochenende der Russland-Wahl. Tatsächlich könnte er vor allem jene (mutigen) Russinnen und Russen ansprechen, die für den von Putins Administration gestoppten Nadeschdin zu Tausenden an den Unterschriftenlisten anstanden.
Die russische Zeitung Kommersant berichtete im Februar, Dawankow schließe eine Zusammenarbeit mit Nadeschdin nicht aus. Der Kandidat selbst dementierte das damals nicht – und setzte eine weitere ganz kleine Spitze gegen Putins Regime: Er bedauere, dass Nadeschdin nicht registriert worden sei, erklärte Dawankow. Und fügte hinzu: „Ich habe mehr als einmal gesagt, dass ich für einen politischen Wettbewerb bin, bei dem jeder seine Position vertreten kann.“
Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern
Der Politikberater Jewgeni Mintschenko schrieb Dawankow durchaus Chancen auf den zweiten Platz zu, wie Russian Election Monitor notierte. Die Umfragen zu Russlands Präsidentenwahl stehen dem zumindest nicht unmittelbar entgegen: Das Staatsinstitut WCIOM sah Dawankow zuletzt bei 5 Prozent – das wäre tatsächlich Platz zwei. Beim Institut CIPKR lag der „Neue Leute“-Kandidat auf Rang drei; hinter dem Kommunisten Nikolai Tscharitonow, aber noch vor dem Nationalisten Leonid Sluzki.
Eine Platzierung Dawankows als ärgster Putin-Verfolger – wenn auch mit dem angesichts der Wahlsituation erwartbaren Rückstand – könnte als winzig kleiner Fingerzeig gegen den Ukraine-Krieg gedeutet werden, mutmaßte die Süddeutsche. (fn)