VonStefan Schollschließen
Back in the U.S.S.R.: In Russland kommt die Sowjetzeit wieder in Mode – in abgespeckter Form.
Das Paar im Speisesaal des Hotelkomplexes Akwagrad bei Sotschi, einer russischen Stadt am Schwarzen Meer, fühlt sich entschieden sowjetisch. Die Eheleute tragen zu allen Mahlzeiten Trainingsanzüge, er blau, sie knallrot, mit zwei weißen Streifen. Auf dem Rücken prangen weiß die Großbuchstaben SSSR.
„Der Sojus der Sowjetischen Sowjetrepubliken“, im deutschen Sprachraum als „Sowjetunion“ oder kurz UdSSR bekannt, kommt in Russland wieder in Mode – nicht nur auf Kleidungsstücken.
Am Mittwoch erklärte Präsidentenberater Anton Kobjakow auf einem rechtswissenschaftlichen Forum in Sankt Petersburg, die UdSSR existiere juristisch weiter, bei ihrem Kollaps 1991 habe man gegen die Prozedur ihrer Auflösung verstoßen. „Wenn der Kongress der Volksdeputierten, auch Sowjetkongress genannt, die UdSSR im Jahre 1922 gegründet hat, dann hätte er sie auch durch Beschluss auflösen müssen.“ Der Zerfall der Sowjetunion sei juristisch völlig neu zu bewerten, auch im Hinblick auf den Ukraine-Feldzug, sagte Kobjakow, im Kreml für Wladimir Putins internationale Veranstaltungen zuständig. „Wenn die UdSSR nicht aufgelöst worden ist, dann ist es juristisch nur logisch, dass die ukrainische Krise eine innere Angelegenheit ist.“
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Dem schloss sich die kommunistische Duma-Abgeordnete Nina Ostanina an: „Juristisch, politisch und menschlich gesehen war das Ende der Sowjetunion widerrechtlich“, sagte sie der Agentur TASS. Boris Jelzin, Leonid Krawtschuk und Stanislau Schuschkewitsch, die Präsidenten Russlands, der Ukraine und Belarus, die im Dezember 1991 in der sogenannten Beloweschsker Vereinbarung das Ende der Sowjetunion ausgerufen hatten, seien dazu von niemandem bevollmächtigt worden. Ostanina schlug vor, die Staatsduma solle eine entsprechende Untersuchung starten.
Wladimir Putin bezeichnete den Zusammenbruch der UdSSR wiederholt als geopolitische Katastrophe und Tragödie für die Mehrheit ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Nach einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM vom Dezember 2022 bedauern 58% der Russen ihren Zerfall, 48% würden sie gerne wiederherstellen. Im ganzen Land wuchern Retro-Bars wie die „Komunalka“ in Kasan oder ganze Restaurantketten wie die Moskauer „Warenitschnaja“ mit Möbeln und Speisekarten im Sowjetstil.
Imperialismus ohne viel Ideologie
Allerdings würde kaum ein neurussischer Konsument oder eine Konsumentin freiwillig in die Mangelwirtschaft des real existierenden Sozialismus zurückkehren.
„Die Russen träumen von einer Wiedergeburt der UdSSR mit Gadgets, aber ohne Kommunismus“, titelt das Portal pravda.ru. In Putins politischem Russland funktioniert Imperialismus auch ohne viel Ideologie. Hurrapatriotische Medien diskutieren mit zunehmenden Eifer die territoriale Wiederherstellung des Sowjetreiches als vaterländische Mission: „Entweder zeigt Russland, dass es eine gesunde Nation ist, und fängt an, sich seine Größe zurückzuholen, zumindest die ihm entrissenen Gebiete. Oder es wird weiter schrumpfen“, schreibt das Portal wsem.ru. Der Duma-Abgeordnete Anatoli Wasserman versicherte schon zum Jahreswechsel, es sei unvermeidlich, dass sich das kontinentale russische Imperium, das zuletzt UdSSR hieß, erneut zusammenfinde. „Vielleicht gelingt uns das ja bereits 2025.“
Gerade erschien in einem russischen Staatsverlag ein Buch über die Geschichte der Exsowjetrepublik Litauen. Die Autoren werfen dem Volk des baltischen NATO-Landes mangelnde Staatsfähigkeit und massiven Neonazismus vor, das unterstellt Putin seit Jahren auch der Ukraine. Das Vorwort hat Außenminister Sergej Lawrow geschrieben. Moskaus Drohgebären sind auf jeden Fall imperial.
