Ukraine

Trump und Putin: Allzu offene Gespräche

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Ein Freiwilliger verkauft in Kiew vor den Wracks russischer Panzer ukrainische Flaggen.
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Das Telefonat der beiden Präsidenten über die Ukraine bringt nur Russland bessere Aussichten – eine Analyse.

Sie duzten einander. Und wie Donald Trump hinterher erzählte, fand Wladimir Putin auch sehr nette Worte für seine Gattin Melania. „Putin hat einfach gesagt, ,sie respektieren deine Frau sehr.’“ Trump habe gefragt, „und was ist mit mir?“ Putin antwortete: „Sie mögen Melania noch mehr.“

Putin sprach nach dem Zwei-Stunden-Telefonat mit seinem amerikanischen Präsidentenkollegen von einem sehr offenen Gespräch. „Offen“ bedeutet im diplomatischen Sprachverkehr eigentlich, dass es Streit gegeben hat. Aber der Russe spielte scheinbar auch darauf an, dass er und Trump sehr offenherzig miteinander redeten.

Nach Ansicht vieler Beobachter:innen hat Putin den Amerikaner Trump in diesem Zwei-Stunden-Dialog um den Finger gewickelt. Der US-Präsident war mit dem erklärten Ziel in das Gespräch gegangen, den sofortigen und bedingungslosen 30-Tage-Waffenstillstand durchzusetzen, gegen den sich Putin seit Monaten sperrt.

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Trump und die Ukraine: Friedliebender Querpass statt Feuerpause

Hinterher überraschte der Mann im Weißen Haus aber mit der Ankündigung, man werde sofort Waffenstillstandsverhandlungen starten. Ein „sofort“ ohne Termin und vor allem ohne Logik: Verhandlungen über eine Feuerpause begannen schon vergangenen Freitag in Istanbul, es waren die ersten direkten Gespräche zwischen Russland und der Ukraine seit drei Jahren. Sie fuhren sich allerdings nach wenigen Stunden an der Forderung der Putin-Delegation fest, die ukrainischen Truppen müssten sich vor einer Feuerpause komplett aus vier ihrer eigenen Regionen zurückziehen.

Und wie seine Unterhändler in Istanbul beharrte auch Putin in einem Pressebriefing nach dem Telefonat mit Trump darauf, man müsse vor allem die „Urgründe dieser Krise“ beseitigen. „Urgründe“ sind das russische Pars pro toto für die Extrempostulate, mit denen Putin seine „Spezialkriegsoperation“ gegen die Ukraine gestartet hat, von der „Denazifizierung“ des kleineren demokratischen Nachbarn bis zum militärischen Rückzug der NATO aus Osteuropa.

Selenskyj: Ukraine jederzeit zu Gesprächen bereit

Der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj sagte am Montagabend, die Ukraine sei jederzeit zu direkten Gesprächen mit den Russen bereit. Aber deren notorische Verhandlungsforderung, ukrainische Truppen von ukrainischem Boden zurückzuziehen, zeige, dass Moskau weder eine Feuerpause noch ein Kriegsende wünsche. „Weil sie wissen, dass wir dem nie zustimmen werden.“

Auch der russische Exilpolitologe Iwan Preobraschenskij schreibt auf Telegram, real gebe es keine Friedensgespräche, Putin brauche Verhandlungen nur als Prozess, der nie zu einem Ende der Kämpfe führe. Der Kremlchef mache auch nur zum Schein Zugeständnisse, was im Dialog mit dem 78-jährigen Trump kein Problem darstelle. „Persönlich kann er den selbstzufriedenen Truthahn, den Trump charakterlich darstellt, noch leichter verarzten.“ Oder wie es Preoprascheskijs kremlnaher Kollege Sergej Markow formulierte: „Das sind sehr erfolgreiche Gespräche gewesen.“

Trump, der im Wahlkampf versprochen hatte, in der Ukraine binnen 24 Stunden Frieden zu schaffen, mimt jetzt Naivität, offenbar, um seinen Rückzug aus dem Konflikt vorzubereiten. „Die Bedingungen werden zwischen den beiden Parteien verhandelt, anders kann es nicht sein, weil sie Verhandlungsdetails kennen, die sonst niemandem bewusst sind.“ Der Vatikan und der neue amerikanische Papst seien sehr daran interessiert, Gastgeber der Gespräche zu werden, sagte Trump. Er ließ offen, ob er den Heiligen Vater für einen kompetenteren Vermittler hält. Später erklärte er, er sei noch im Konfliktlösungsprozess, aber er habe seine eigene rote Linie im Kampf, hinter der er aussteigen wolle.

„Trump stellt für Putin charakterlich einen selbstzufriedenen Truthahn dar.“

 Iwan Preobraschenskij, Kreml-Beobachter

Der US-Präsident scheint resigniert zu haben, vermeidet immer mehr, über inhaltliche Punkte der Verhandlungen zu reden. Nachdem er Selenskyj und die europäischen Regierungschefs in einem weiteren Telefonat über sein Gespräch mit Putin informierte, sagte ein involvierter Beamter der Financial Times, Trump sei nicht bereit, mehr Druck auf Putin auszuüben. Trump selbst sprach nach dem Telefonat nicht über eine Verschärfung der Sanktionen, falls Moskau die Verhandlungen weiter verschleppt. Dafür stellte er Russland neue Handelsbeziehungen und „gewaltige Mengen von Arbeitsplätzen und Wohlstand“ in Aussicht. Putins außenpolitischer Berater Jurij Uschakow gab am Montagabend bekannt, die zwei Präsidenten hätten ihre Teams angewiesen, ein persönliches Gipfeltreffen vorzubereiten, bei dem man mehrere Abkommen unterzeichnen könnte.

Von einem Friedensvertrag für die Ukraine war dabei keine Rede. Putin scheint Trump zusehends von seiner Sicht der bilateralen Beziehungen überzeugt zu haben: Die USA vergessen die Ukraine, am besten ganz Europa. Wenn sie dann noch die Sanktionen gegen Russland abbauen, kann man glänzende Geschäfte machen.

Das offizielle Moskau hält sich mit Jubel über Trumps Einknicken zurück, breitet aber stolz die Innenansichten der neuen Altmänneridylle aus. Putin und Trump hätten vereinbart, je nach Bedarf zu telefonieren, so Uschakow: „Trump hat gesagt: ,Wladimir, du kannst jederzeit anrufen, ich werde mit Vergnügen antworten‘.“

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