Wagenknecht-Partei vorgestellt

Wagenknecht-Bündnis auf Putin-Kuschelkurs: Wie läuft die Abgrenzung zur AfD?

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Nach seiner offiziellen Vorstellung und ersten Einblicken in ihr Programm, will sich das BSW von der AfD distanzieren. So richtig gelingt das aber nicht.

Berlin – Ihre neue Partei „Bündnis Sahra Wagenknecht“ (BSW) will die Namensgeberin und Gründerin Sahra Wagenknecht in 30 bis 40 Jahren als Volkspartei etabliert haben. Das teilte die Ex-Linke am Montag bei der Parteivorstellung mit.

Da bislang kein vollständiges Parteiprogramm ausgearbeitet wurde, soll der fünfseitige Gründungsaufruf vom Oktober letzten Jahres diesen Zweck erfüllen. Das vorläufige Programm orientiert sich an vier Grundhaltungen: wirtschaftliche Vernunft, soziale Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit.

In gewissen Punkten findet sich die Partei gefährlich nahe an AfD-Positionen wieder. Gerade bei ihrer Haltung zu Russland ähneln sich die Positionen. Obwohl sich Wagenknecht von der AfD distanziert – ein Drahtseilakt zwischen Links und Rechts.

Neue Wagenknecht-Partei: Keine Waffenlieferungen an die Ukraine

Im Gründungsaufruf geizt die Partei nicht mit Kritik an den bisherigen Regierungen. Die öffentliche Infrastruktur sei „für ein führendes Industrieland in einer blamablen Verfassung“. Das betreffe vor allem den öffentlichen Nah- und Fernverkehr, das Krankensystem, Schulen und Kitas, den Wohnungsmarkt sowie Straßen und das digitale Netz.

Um den „wirtschaftlichen Abstieg“ Deutschlands zu verhindern, fordert die Partei „massive Investitionen“ in Bildung, Infrastruktur und kompetente Verwaltungen. Außerdem solle die Außenwirtschaftspolitik nicht auf „ausufernde Sanktionen“ setzen.

Sahra Wagenknecht hat ihre neue Partei vorgestellt. Gelingt ihr die Abgrenzung zur AfD?

BSW von Wagenknecht: Ähnlich wie die AfD gegen Putin-Sanktionen

Mit der Abkehr von Sanktionen gegen Russland im Ukraine-Krieg entspricht das BSW zumindest teilweise den Forderungen der in Teilen rechtsextremen AfD. Mit ihren Ansätzen will die AfD Wladimir Putin dazu bewegen, die Gaslieferungen nach Deutschland wieder aufzunehmen, berichtete zum Beispiel Business Insider.

Außerdem will die vereinzelt vom Verfassungsschutz beobachtete Partei AfD die Pipelines Nordstream 1 und Nordstream 2 wieder instand zu setzen, sollte sie Regierungsverantwortung übernehmen. Die Gaspipelines wurden im September 2022 durch bislang nicht identifizierte Akteure zerstört.

Das Bündnis um die Ex-Linke Wagenknecht will nach eigenen Angaben bei Konflikten wie dem Ukraine-Krieg außerdem auf diplomatische Lösungen setzen und lehnt im Gründungsdokument eine „Lösung von Konflikten mit militärischen Mitteln“ ab. Ebenso spricht sich die Partei gegen den Einsatz deutscher Soldaten in internationalen Kriegen aus.

Bittere Erkenntnis - ein innenpolitischer Rückblick auf das Jahr 2023

Seit Januar: Christine Lambrecht gibt das Verteidigungsministerium auf, ihr folgt Boris Pistorius nach, der die Balance zwischen seinem zögerlichen Kanzler und den von Moskau diktierten Notwendigkeiten des Krieges in der Ukraine besser hält. Im Mai holt sich Pistorius mit Carsten Breuer einen neuen Generalinspekteur. Breuer hatte sich als Manager bei der Ahrflut in der Öffentlichkeit bewährt. Bild: T. SCHWARZ/AFP
Seit Januar: Christine Lambrecht gibt das Verteidigungsministerium auf, ihr folgt Boris Pistorius nach, der die Balance zwischen seinem zögerlichen Kanzler und den von Moskau diktierten Notwendigkeiten des Krieges in der Ukraine besser hält. Im Mai holt sich Pistorius mit Carsten Breuer einen neuen Generalinspekteur. Breuer hatte sich als Manager bei der Ahrflut in der Öffentlichkeit bewährt. Bild: T. SCHWARZ/AFP © AFP
April: Die Maskenpflicht wegen Coronaviren-Gefahr wird auch in Arztpraxen beendet. Damit gilt Deutschland de jure als von der Pandemie befreit. Die Viren schwirren natürlich weiter umher, aber nun gelten sie als ähnlich gesundheitsgefährdend wie Grippeviren. Die Corona-Impfung wird zur weiteren Vorsorgeimpfung. Kennt man ja. Und was geschieht nun im Winter? Corona und Grippe melden sich zurück. rut/Bild: imago images
April: Die Maskenpflicht wegen Coronaviren-Gefahr wird auch in Arztpraxen beendet. Damit gilt Deutschland de jure als von der Pandemie befreit. Die Viren schwirren natürlich weiter umher, aber nun gelten sie als ähnlich gesundheitsgefährdend wie Grippeviren. Die Corona-Impfung wird zur weiteren Vorsorgeimpfung. Kennt man ja. Und was geschieht nun im Winter? Corona und Grippe melden sich zurück. rut/Bild: imago images © IMAGO/Revierfoto
Mai: Auch wenn Jahrhundertkabarettist Matthias Beltz weiterhin Recht behält mit Bremen („Da gewinnt die SPD immer, egal welcher Pfft kandidiert“), ist es für die Partei im Jahr 2023 doch ein Grund zur Freude, dass sie die Bürgerschaftswahl wieder gewinnt. Finden auch der rockige Co-Parteichef und Klampfer Lars Klingbeil und der singende Bürgermeister Andreas Bovenschulte mit Shaker. Rock on! bild: Carmen Jaspersen/AFP
Mai: Auch wenn Jahrhundertkabarettist Matthias Beltz weiterhin Recht behält mit Bremen („Da gewinnt die SPD immer, egal welcher Pfft kandidiert“), ist es für die Partei im Jahr 2023 doch ein Grund zur Freude, dass sie die Bürgerschaftswahl wieder gewinnt. Finden auch der rockige Co-Parteichef und Klampfer Lars Klingbeil und der singende Bürgermeister Andreas Bovenschulte mit Shaker. Rock on! bild: Carmen Jaspersen/AFP © AFP
August: Mit dem Bericht über ein antisemitisches Flugblatt sichert die „Süddeutsche Zeitung“ unbeabsichtigt Hubert Aiwangers Freien Wählern in Bayern den Landtagswahlsieg. Bedröppelt steht nun Markus Söders CSU da, die immer glaubte, sie habe die bayrische Volksseele fest im Griff. Söder bleibt zwar Ministerpräsident, aber Juniorpartner Aiwanger rückt immer näher an die Seniorität. Bild: Tobias SCHWARZ/AFP
August: Mit dem Bericht über ein antisemitisches Flugblatt sichert die „Süddeutsche Zeitung“ unbeabsichtigt Hubert Aiwangers Freien Wählern in Bayern den Landtagswahlsieg. Bedröppelt steht nun Markus Söders CSU da, die immer glaubte, sie habe die bayrische Volksseele fest im Griff. Söder bleibt zwar Ministerpräsident, aber Juniorpartner Aiwanger rückt immer näher an die Seniorität. Bild: Tobias SCHWARZ/AFP © AFP
August: Björn Höcke, der faschistische AfD-Chef in Thüringen – und eigentliche Tonangeber bei den Rechtsaußen – hat es in Aussicht gestellt: Nach 2023 befindet sich Deutschland im „Vorbürgerkrieg“. Das lässt sich als nichts anderes denn als Kampfansage an alles Menschliche und Anständige verstehen. Höcke und seine AfD sind nicht die ersten Rechten der Nachkriegszeit, die mit allen Mitteln die Macht ergreifen wollen. Doch die Chancen von Höckes Gefolgschaft sind erschreckend hoch. Im August veröffentlichte Infratest dimap eine Umfrage, wonach 70 Prozent der Befragten in Deutschland gegen Kooperationen mit der AfD auf lokaler und regionaler Ebene nichts einzuwenden hätten. Und Insa legte nach: 33 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern wären bereit, die AfD zur stärksten Macht im Deutschen Bundestag zu erheben. Bild: Sascha Fromm/Imago Images
August: Björn Höcke, der faschistische AfD-Chef in Thüringen – und eigentliche Tonangeber bei den Rechtsaußen – hat es in Aussicht gestellt: Nach 2023 befindet sich Deutschland im „Vorbürgerkrieg“. Das lässt sich als nichts anderes denn als Kampfansage an alles Menschliche und Anständige verstehen. Höcke und seine AfD sind nicht die ersten Rechten der Nachkriegszeit, die mit allen Mitteln die Macht ergreifen wollen. Doch die Chancen von Höckes Gefolgschaft sind erschreckend hoch. Im August veröffentlichte Infratest dimap eine Umfrage, wonach 70 Prozent der Befragten in Deutschland gegen Kooperationen mit der AfD auf lokaler und regionaler Ebene nichts einzuwenden hätten. Und Insa legte nach: 33 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern wären bereit, die AfD zur stärksten Macht im Deutschen Bundestag zu erheben. Bild: Sascha Fromm/Imago Images © IMAGO/Funke Foto Services
Oktober: Sahra Wagenknecht beweist mit der langwierigen Trennung von ihrer alten Partei, dass nicht nur Männer die Stimmung im Land herunterziehen können. Ob die BSW-Neugründung einer linken oder linkspopulistischen oder radikal linken Partei eine Zukunft hat, muss sich noch weisen. Immerhin hat sie der Linkspartei nun ein historisch vernehmbares Aufatmen ermöglicht. Bild: imago images
Oktober: Sahra Wagenknecht beweist mit der langwierigen Trennung von ihrer alten Partei, dass nicht nur Männer die Stimmung im Land herunterziehen können. Ob die BSW-Neugründung einer linken oder linkspopulistischen oder radikal linken Partei eine Zukunft hat, muss sich noch weisen. Immerhin hat sie der Linkspartei nun ein historisch vernehmbares Aufatmen ermöglicht. Bild: imago images © IMAGO/Emmanuele Contini
Seit Oktober: Die Massaker der Hamas im Süden Israels rufen in Deutschland Schock, Trauer und eine Welle der Solidarität hervor. Sie treiben aber auch Antisemitinnen und Antisemiten aus allen politischen Lagern aus ihren Löchern. Der harte Gegenschlag der Israelis im Gazastreifen befeuert die deutsche Debatte und lässt die Fronten nur noch mehr verhärten. Bild: Carsten Koall/dpa
Seit Oktober: Die Massaker der Hamas im Süden Israels rufen in Deutschland Schock, Trauer und eine Welle der Solidarität hervor. Sie treiben aber auch Antisemitinnen und Antisemiten aus allen politischen Lagern aus ihren Löchern. Der harte Gegenschlag der Israelis im Gazastreifen befeuert die deutsche Debatte und lässt die Fronten nur noch mehr verhärten. Bild: Carsten Koall/dpa © dpa
Christian Lindner, Robert Habeck und Olaf Scholz im Bundestag.
Seit November: Das Bundesverfassungsgericht kippt alle Reformpläne der Ampel-Koalition , weil deren Finanzierung nicht verfassungskonform ist. Nun ist auf der Regierungsbank guter Rat plötzlich sehr teuer – © AFP

Neue Wagenknecht-Partei will neue Mitglieder überprüfen

Eine Abkehr von bewaffneten Konflikten findet sich auch in Forderungen der AfD wieder. Im Februar 2023 rief der ehemalige AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland die Bundesregierung zu einer umstrittenen „Friedensinitiative“ im beim Überfall Russlands auf die Ukraine auf. Damit forderte er die Abkehr von einer militärischen Logik, die nur von dem „Sieg der einen und der Niederlage der anderen Seite“ ausgeht.

Nicht mehr als 450 neue Mitglieder will die Partei zunächst aufnehmen, hieß es bei der Parteivorstellung. Einerseits weil ohnehin nicht genug Platz sei, andererseits könne man so jedes Mitglied einer genauen Überprüfung unterziehen. Im Interview mit dem Nachrichtensender Welt sagte Wagenknecht, dass durch ein langsames Mitgliederwachstum und strenge Überprüfungen, kontrolliert werden solle, wer in das BSW eintritt. Damit wolle sie verhindern, dass das Bündnis durch „extreme Kräfte“ unterwandert wird, wie es bei der AfD passiert sei.

Eine Koalition mit der AfD komme für Wagenknecht trotz inhaltlicher Überschneidungen ohnehin nicht infrage. „Mit Rechtsextremisten können wir nicht zusammenarbeiten“, sagte sie in einem Interview. Gerade bei sozialpolitischen Fragen seien die Unterschiede zu groß. Man wolle aber auch nicht bedingungslos mit jedem regieren, nur dass „irgendeine Regierung zustande kommt“.

Nicht links, nicht rechts. Wo positioniert sich das Bündnis Sahra Wagenknecht?

Neue Partei BSW: Wo steht das „Bündnis Sahra Wagenknecht“?

Wirtschaftlich könne man das Bündnis eher links einordnen. Bei gesellschaftlichen Fragen tendiert die Partei allerdings nach rechts. Das stellt der Parteiforscher Marius Mina fest. „Das Rechts-Links-Schema kommt da an seine Grenzen“, so Mina. Mit der unklaren Verortung könnten sowohl Wähler der AfD, als auch der Linken überzeugt werden. Damit fülle das Bündnis eine Lücke in der Parteilandschaft, sagt Mina.

Gerade im Osten sehen die Umfrageergebnisse die Wagenknecht-Partei als möglichen Gewinner. Bei den anstehenden Wahlen in Brandenburg könnte sie aus dem Stand auf 11 Prozent kommen.

Ob die Partei bis dahin überhaupt zur Wahl steht, wird sich noch zeigen. Zunächst gilt es, Spenden für den Wahlkampf in Deutschland und Europa zu sammeln. Dabei will Wagenknecht weniger genau hinschauen als bei ihren Mitgliedern. Im Welt-Interview sagt sie, dass Gelder nach dem Parteiengesetz angenommen werden. Auf die Frage, ob Spenden unter bestimmten Bedingungen ausgeschlagen werden, ging Wagenknecht nicht ein. (nhi)

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