Scharfschützen im Ukraine-Krieg: Sniper kämpfen mit „ganzer Golftasche“ gegen Putin
VonMarcus Giebel
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Im Ukraine-Krieg sind Scharfschützen immer wieder ein wichtiger Faktor. Nur: Entdecken darf sie niemand. Deshalb schießen sie auch nur in Ausnahmefällen selbst.
Kiew – Nur sehr langsam und mühevoll verschiebt sich die Front im Ukraine-Krieg aktuell wieder in Richtung russischer Grenze. Die großangelegte zweite Gegenoffensive der Verteidiger setzt den Invasoren aus Russland zwar zu, aber noch nicht in dem Maße, wie von Kiews Unterstützern im Westen erhofft. Eine wichtige, aber extrem geheime Rolle bei diesen Rückeroberungen spielen auch die Scharfschützen, die auf ukrainischer Seite im Kampf gegen Wladimir Putin im Einsatz sind. Für sie gilt: Ihr Job ist dann erfolgreich, wenn die Gegner sie gar nicht wahrnehmen.
Denn Scharfschützen im Ukraine-Krieg arbeiten im Verborgenen und versuchen, möglichst keinen Schuss selbst abzufeuern. Die Kyiv Post traf nun drei von ihnen in Kiew zum Interview, in dem das Trio Einblicke in seine Arbeit gibt. Die Männer sind davon überzeugt, dass sie den gefährlichsten Militärberuf der Welt ausüben.
Scharfschützen im Ukraine-Krieg: Trio schießt vor der Invasion nur hobbymäßig
In dem Artikel werden sie Volodymyr „Bond“ Petrenko, Volodymyr „Aton“ Harbovsky und Maksym „Number Eight“ Federchuk genannt, wobei es sich bei den Nachnamen um Pseudonyme handelt, um die Identitäten der Scharfschützen geheim zu halten. Vor der Invasion Russlands gingen die aus der Region Kiew stammenden Männer ganz gewöhnlichem Jobs nach: Petrenko führte ein Einzelhandelsgeschäft, Harbovsky handelte mit Autoteilen und Federchuk gehörte ein Laden, in dem er Schusswaffen und Campingausrüstung verkaufte.
Hobbymäßig zielten und schossen sie auf Ziele in ziemlich großer Entfernung – und das offenbar sehr erfolgreich. Denn das Trio nahm sogar an internationalen Wettbewerben von Zivilisten und Militärs teil. In einer Zeit, als die ukrainischen Streitkräfte rückblickend nicht wirklich modern ausgerüstet waren, wie Aufnahmen von Militärübungen im Angesicht der drohenden russischen Invasion offenbarten. Erst durch die Lieferungen aus dem Westen wurde Kiews Armee wirklich nachhaltig wehrhaft und in die Lage versetzt, den Angreifern auch auf Dauer standzuhalten.
Ukraine testet Scharfschützen für Kampf gegen Putin zwei Monate lang: Schießtraining vernachlässigt
Schon früh im Ukraine-Krieg soll die Nachfrage nach Scharfschützen auf Seiten der Verteidiger groß gewesen sein. Besonders Anfang April 2022, als die russischen Truppen aus einigen Regionen zurückgeschlagen wurden. Um für die Scharfschützen-Einheit infrage zukommen, musste man zweimonatige Tests über sich ergehen lassen. Dabei ging es um Lügendetektor, Tarnung, körperliche Fitness, Fahrzeugidentifikation, Kommunikationssysteme, Nahkampf, Erste Hilfe.
„Es war ein bisschen so, als würden wir als Darsteller für einen Film gecastet werden. Sie waren schon sehr wählerisch bei dem, was sie sich vorgestellt haben“, erinnert sich Petrenko. Und Harbovsky ergänzt: „Das Witzige war, dass sie nie getestet haben, wie gut wir schießen können. Ich denke, dabei haben sie uns vertraut.“
Scharfschützen kämpfen für Ukraine: Westliche Gewehre werden im Kampf gegen Putins Armee bevorzugt
Das Trio bestand die Kurse im Sommer 2022. Seither gehören die Interviewten einer ausgewählten Einheit an, die Zugriff auf die beste Ausrüstung für Scharfschützen hat: Nato-Standardgewehre, Wärmebildvisiere, verschlüsselte Kommunikationsausrüstung, Drohnen.
Grundsätzlich würden Ukrainer schon lange auf westliche Gewehre setzen, der Einsatz von russischen oder sowjetischen Scharfschützengewehren liege schon einige Zeit zurück. Laut Harbovsky ist es ihnen aber auch gestattet, mit ihren privaten Scharfschützengewehren in den Krieg zu ziehen.
Scharfschützen kämpfen im Ukraine-Krieg: Ghillie Suit hat zu viele Nachteile
Die Scharfschützen müssten sich aber keineswegs auf ein Gewehr festlegen. Vielmehr ziehen sie mit einer „ganzen Golftasche“ voll verschiedener Gewehre, Visiere und weiterer Ausrüstung ins Feld. Diese können dann je nach Einsatzzweck kombiniert werden. Schwere Gewehre kämen jedoch seltener zum Einsatz.
Noch sicherer zu Hause bleibt der sogenannte Ghillie Suit (Tarnanzug). Denn dieser Überwurf sei schwer und die Scharfschützen müssten in der Regel viele Kilometer durch verschiedenstes Terrain zurücklegen, ehe sie ihre Position eingenommen haben. Außerdem betont das Trio, der Ghillie Suit würde sie beim Überqueren einer Straße oder eines Feldes zum leichten Ziel für Drohnen machen.
Hinzu kommt, dass das feuchte Klima und der klebrige Schlamm in der Ukraine die Halterungen und falschen Blätter durchnässen würde und sich somit das Gewicht verdoppele, so gehe auch ein Teil des Tarnungseffekts verloren. Das größte Minus sei jedoch, dass der Träger für Wärmebildgeräte am Boden und in der Luft perfekt sichtbar wäre.
Scharfschützen müssen im Ukraine-Krieg auf Drohnen achten: „Vorbereitung und Geduld sind der Schlüssel“
Die Gefahr lauert ohnehin überall. So verbringen Scharfschützen laut Harbovsky im Einsatz auch viel Zeit damit, auf die Drohnen am Himmel zu achten und sich die Frage zu stellen, wer das Gerät geflogen hat, das gerade über sein Versteck hinweggesummt ist. Und ob man selbst aufgeflogen ist. Bei Mörser- und Artillerieangriffen müsse genau hingehört werden, ob sich der Lärm annähert.
Federchuk fasst die wichtigsten Aufgaben so zusammen: „Die Schlüssel unserer Arbeit sind Vorbereitung und Geduld. Um deinen Job zu machen, musst du am Leben bleiben, und um das in diesem Krieg zu machen, musst du verstehen, wie gefährlich es dort draußen ist.“
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Scharfschützen im Einsatz bei Bachmut: Elite-Einheit hat 524 Russen getötet
Bislang wurden ihnen zufolge am häufigsten Scharfschützenteams von ein bis vier Mann den verschiedenen Kampfbrigaden zugeteilt. Sie entscheiden dann selbst, wie sie am besten helfen können. Die Schießstände werden in Schichten von zwölf bis 24 Stunden besetzt, wobei fast die gesamte Zeit mit Beobachtung vergeht. Der längste Einsatz des Trios dauerte demnach fast drei Monate und war im Bachmut-Sektor. Die Erholungszeit beträgt in der Regel zwei Wochen.
Über den Einsatz der Scharfschützen bei der Abnutzungsschlacht um Bachmut berichtete gerade erst die BBC ausführlich. Darin erklärt der Kommandeur der Elite-Scharfschützen-Einheit, der nur „Ghost“ gerufen wird: „Als wir den Terror nach Bachmut gebracht haben, haben wir den Namen ‚Geister von Bachmut‘ bekommen.“ Seinem Team würden rund 20 Soldaten angehören, die in den vergangenen sechs Monaten rund um Bachmut im Einsatz waren.
„Die Menschen sind immer besorgt wegen der Artillerie“, wird „Ghost“ zitiert: „Du kannst dich vor der Artillerie verstecken, nicht aber vor einem Scharfschützen.“ Es sei bestätigt, dass sein Team 524 Russen getötet habe, 76 davon würden auf seine Rechnung gehen. „Kuzia“, einer der Männer aus der Einheit von „Ghost“ stellt jedoch klar: „Das ist nichts, worauf man stolz ist. Wir töten keine Menschen, wir zerstören den Feind.“
Scharfschützen schießen kaum: „In zehn Missionen vielleicht ein Schuss“
Das würden wohl auch die drei Interview-Partner der Kyiv Post unterschreiben. Hier widersprechen sich jedoch auch die unabhängig voneinander gemachten Angaben von „Ghost“ und dem Trio. Denn einen Schuss geben die interviewten Scharfschützen nach eigenen Angaben höchst selten ab. Sie verstehen sich eher als Aufklärer. „Ich würde sagen, wenn wir zu zehn Missionen losziehen, geben wir vielleicht einen Schuss ab“, nennt Harbovsky eine Zahl. Wie das andere Team so auf eine Anzahl von 524 getötet Russen kommt, bleibt in Anbetracht dieser Aussage fraglich.
Entdecken Scharfschützen einen russischen Soldaten, tun sie demnach im Grunde nichts anderes als andere Infanteristen auf dem Schlachtfeld. Sie geben die Position des Gegners an und fordern Artillerie- und Mörserbeschuss an. Müssen sie doch selbst einen Schuss abgeben, haben sie ein Problem: Ihre Tarnung kann nicht länger aufrechterhalten werden, sie haben ihre Position verraten. Hat ein Scharfschütze also geschossen, muss er schnell sein, denn der für Kreml-Chef Wladimir Putin kämpfende Gegner wird keine Zeit verlieren, um die Position mit Granatwerfern oder Mörsern zu beschießen.
Scharfschützen leben gefährlich: Jeder zweite stirbt oder wird kampfunfähig
Harbovsky sagt deshalb auch: „Wir übernehmen alle Arten von Missionen und arbeiten mit allen Arten von Einheiten zusammen. Einen gegnerischen Soldaten auszuschalten ist so gut wie nie die Priorität … es ist eher die Gelegenheit, die man nutzt, wenn sie sich bietet.“
Die Verluste unter ihresgleichen sind laut dem Trio groß. Weshalb sie eben der Meinung sind, Scharfschützen im Ukraine-Krieg würden wahrscheinlich den gefährlichsten Militärberuf der Welt ausüben. Denn den Angaben der Interviewten zufolge werden in einer durchschnittlichen Scharfschützen-Einheit binnen eines Kampfjahres neun von zehn Scharfschützen von Schrapnellen oder Granatsplittern getroffen. Sogar jeder zweite Scharfschütze würde ums Leben kommen oder so schwer verwundet werden, dass er nicht mehr kämpfen kann. Auch Petrenko, Harbovsky und Federchuk gaben an, bereits im Kampf verwundet worden zu sein. (mg)