VonStefan Schollschließen
Armenien nähert sich der EU und den USA an und entfernt sich von Moskau. Doch der Sprung nach Westen könnte im Spagat enden.
Nina hat allen Grund, das Weite zu suchen. Ihr Geliebter, der Karabach-Krieger Rubo, hat sie geschwängert, sitzen gelassen und ihren Bruder ermordet. Sie wird auch noch brutal vergewaltigt, versucht, Suizid zu begehen. Aber dann lernt sie Englisch, fliegt aus Jerewan in die USA, beginnt als Tellerwäscherin von vorn.
Nina ist eine der Heldinnen des im vergangenen Jahr erschienenen armenischen Romans „Demontage“. Und eine Symbolfigur. Der Autor Aren Wanjan schildert mit wuchtiger Ehrlichkeit die Träume und Traumata der Gegenwartsarmenier:innen: Nach dem Fall der Sowjetunion begeisterten sie sich für Freiheit und nationale Einheit. Aber am Ende gerieten sie wieder in die Opferrolle, die spätestens seit dem osmanischen Genozid an bis zu 1,5 Millionen Armenier:innen 1915/1916 als traditionelles nationales Geschick gilt.
Nach den militärischen Siegen gegen Aserbaidschan im Kampf um die Exklave Bergkarabach in den 90er-Jahren kippte Armeniens junge Demokratie in Korruption und Kriminalität. 2020 aber nahmen die Aserbaidschaner im 44-Tage-Krieg um Karabach Revanche. Nach einer fast einjährigen Blockade und einer neuen militärischen Eskalation im vergangenen Herbst mussten praktisch alle hunderttausend Karabach-Armenier:innen ins Mutterland fliehen. Eine nationale Katastrophe.
Und auch wenn Premierminister Nikol Paschinjan keine Teller wäscht: Er kommt an diesem Freitag als Bittsteller nach Brüssel, als Führer eines geschlagenen, Schutz und Neuanfang suchenden Volkes. Er wird Ursula von der Leyen die Hand schütteln und lächeln, obwohl die EU-Chefkommissarin den Erzfeind Aserbaidschan vergangenes Jahr als „verlässlichen Energiepartner“ lobte. Und obwohl Paschinjans zweiter Gesprächspartner, US-Außenminister Antony Blinken, dem aserbaidschanischen Staatschef Ilham Alijew, einem ölreichen Diktator, vorher für alle Fälle telefonisch versicherte, das Treffen mit dem Armenier richte sich nicht gegen sein Land.
Für Armenien ist es schon ein Erfolg, dass das Treffen überhaupt zustande kommt. „Das Treffen ist wichtig“, sagt der Politologe Grant Mikaeljan, „auch wenn dabei keine große Zahl von Fragen gelöst wird.“ Paschinjans Besuch in Brüssel hat etwas von einem sehnlich erwarteten Termin beim Migrationsamt.
Auf der Tagesordnung der Westmächte stehen wirtschaftliche Kooperation und demokratische Reformen, die armenische Existenzfrage „Sicherheit“ klammern sie dagegen aus. Obwohl Alijew die Grenze zu Armenien als „relativ“ bezeichnet, gerade die Übergabe von vier Orten im Grenzgebiet fordert und von einem aserbaidschanisch-türkischen Transportkorridor quer durch Südarmenien redet. Paschinjan hätte also Grund, die Westmächte zumindest um verbale Rückendeckung gegenüber dem militärisch haushoch überlegenen Feind zu bitten. Aber die dürften ihm vor allem ein formales Ziel in Aussicht stellen: ein Assoziierungsabkommen mit der EU.
In Jerewan selbst heißt es, bis zum Herbst wolle man einen Antrag auf die EU-Mitgliedschaft stellen. Armenien scheint Anlauf zu nehmen für den großen Sprung nach Westen. Und für den Sprung über den Abgrund, der zwischen den neuen Verbündeten der alten Schutzmacht Russland klafft. Auch wenn der Sprung in schmerzhaftem Spagat enden könnte.
Außenminister Ararat Mirsojan bezeichnet USA und EU schon als „Hauptpartner“. Laut Parlamentssprecher Alen Simonjan sollen die auf dem Jerewaner Flughafen Swartnoz stationierten russischen Grenzsoldaten bis Ende Juli verschwinden. Ende Februar erklärte Paschinjan dem TV-Kanal „France24“, de facto habe man die Teilnahme an dem von Russland geführten Militärbündnis der „Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit“ (OVKS) eingefroren.
Russische Militärmacht lange Garant für Sicherheit
Moskaus Militärmacht galt jahrhundertelang als Garant für die Sicherheit der Kaukasus-Armenier. Aber der Kreml betrachtet den 2018 mit einer friedlichen Straßenrevolution an die Macht gekommenen Paschinjan, Journalist und erklärter Demokrat, als verdächtig prowestliches Subjekt, sozusagen als kaukasischen Klein-Nawalny.
Und während die Türkei Aserbaidschan im 44-Tage-Krieg 2020 massiv unterstützte, hielt Russland sich heraus. Schlimmer noch, Ende 2022 überließen die russischen Friedenstruppen im Karabach den Aserbaidschanern ohne Gegenwehr die Kontrolle über den sogenannten Latschin-Korridor. Damit lieferten sie das blockierte Bergkarabach praktisch an Baku aus. Aus armenischer Enttäuschung wurde Erbitterung.
Nach einer Umfrage der Gallup International Association vom März bezeichnen jetzt 78,1 Prozent der Armenier:innen Frankreich als freundliches Land, 41 Prozent die USA, nur noch 29,7 Prozent Russland. „Scheidung auf armenisch“, schreibt der Moskauer „Kommersant“. „Mit anderen Worten, Jerewan wechselt von der russischen in die westliche Sphäre.“
Aber so ist das falsch. Auch Armenien erlebt gerade mit, wie halbherzig der Westen die Ukraine in einem für ihn viel bedrohlicheren Konflikt unterstützt. Die 2,8 Millionen Armenier:innen, eingekeilt zwischen Türkei, Aserbaidschan und dem Iran, von Russland nur durch das ebenfalls kleine Georgien getrennt, rechnen sich kaum Chancen auf ein robustes Engagement der Nato oder eine EU-Erweiterung im Südkaukasus aus.
„Die geografischen Gegebenheiten lassen sich nicht abschaffen“, sagt Politologe Mikaeljan. Wenn Österreich der EU beitrete, könne man das als endgültige Entscheidung betrachten. Aber Armenien liege in einer Konfliktzone, hier gäbe es drei Spieler, die Einfluss auf jede Entscheidung in Jerewan nehmen wollten. „Russland, den Iran und die Türkei. Ein Westintegration Armeniens ist kaum möglich, wenn sich die Konflikte des Westens mit Russland und dem Iran verschärfen und sich auch noch die Türkei einmischt.“ Es gehe jetzt um die pure Existenz des Landes.
Laut Gallup glauben 58,1 Prozent der Armenier:innen, ein vollständiger Bruch mit Russland entspreche nicht den eigenen Interessen. Auch Paschinjan stellt bisher die russische Militärbasis in Gjumri nicht in Frage. Sein Flirt mit dem Westen dürfte auch Warngebaren gegenüber Russland sein.
Die zweite Heldin des Romans „Demontage“, Ninas idealistische und intellektuelle Schwägerin Seda, geht nach der Ermordung ihres Mannes nicht in die USA, sondern nach Moskau, wo sie reich heiratet. Nina in den USA heiratet nicht mehr, schafft sich nur einen Hund an. Die Träume der Heldinnen bleiben unverwirklicht. „Aber sie haben zumindest einen Schlussstrich unter den Alptraum gezogen“, sagt Autor Wanjan, „den sie in der Heimat erlebt haben.“ Armenien ist gerade kein Schauplatz für Romane mit Happy End.
