Debatte um Rekordschulden

Schuldenbremse sorgt für nächsten Koalitions-Zoff: Klingbeils Reform verärgert Merz-Lager

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Für die Durchführung der geplanten Schuldenbremse-Reform soll eine Expertenkommission berufen werden. Die Union hält die Besetzung jedoch für unfair.

Berlin – Ob Stromsteuer, Mütterrente, Bürgergeld – die schwarz-rote Koalition unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) zofft sich wie einst die Ampel-Regierung über fast jedes Thema. Nun steht der nächste Streitpunkt im Raum: die Reform der Schuldenbremse. Denn die will Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) schnellstmöglich angehen. Nur die Umsetzung sorgt bereits vor ihrem offiziellen Start für Missstimmung in der Koalition.

Zusammensetzung der Schuldenbremse-Kommission verärgert Merz-Lager: SPD stehen weniger Fachleute zu

Konkret geht es um die Besetzung der Expertenkommission, die Vorschläge zur dauerhaften Modernisierung der Schuldenbremse machen soll. Laut dem Spiegel sorgt die geplante Zusammensetzung der 15-köpfigen Kommission für erheblichen Unmut in der Union. Nach Klingbeils Vorstellungen sollen jeweils fünf Wissenschaftler von CDU/CSU und SPD berufen werden, während Linke und Grüne je einen Sitz erhalten. Hinzu kommen drei sogenannte „Elder Statesmen“ – ehemalige Politiker wie frühere Ministerpräsidenten, von denen die Union zwei und die SPD einen bestimmen darf.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Besonders verärgert zeigt sich die Union darüber, dass die SPD trotz ihrer Rolle als kleinerer Koalitionspartner genauso viele Fachleute stellen soll wie CDU und CSU zusammen. In Unionskreisen wächst die Sorge, in der Reformdebatte ins Hintertreffen zu geraten: Ihren sieben Stimmen stünden acht gegenüber, von denen zu erwarten sei, dass sie für eine Lockerung der Schuldenbremse plädierten.

Die Befürchtung ist nicht unbegründet, forderten doch SPD und Grüne bereits in der vergangenen Legislaturperiode eine Aufweichung der Regel, während die Linke sie ohnehin für überflüssig hält. Für Streit bleibt aber keine Zeit. Denn Klingbeil will die Ergebnisse „noch in diesem Jahr als Gesetz verabschieden“, hieß es in seiner Bundestagsrede im Mai.

Union kritisiert Klingbeils Finanzpläne: Schuldbremse führt nicht zwangsläufig zu Wirtschaftswachstum

Doch der Ärger über die Zusammensetzung ist nur ein Aspekt der Unionskritik. Grundsätzlich stellt die CDU/CSU die wirtschaftspolitische Philosophie eines Papiers aus dem Bundesfinanzministerium (BMF), das dem Spiegel vorliegt, infrage. Unionsexperten teilen die Auffassung nicht, dass mehr staatliche Investitionen automatisch zu höherem Wirtschaftswachstum führen. Stattdessen argumentieren sie, dass Steuersenkungen einen größeren Beitrag zum Wirtschaftswachstum leisteten als gleich hohe staatliche Ausgaben.

Allgemeine Fakten zur Schuldenbremse: Klingbeils Reform bis 2026 geplant

Rechtsgrundlage der SchuldenbremseArt. 109, 115 Grundgesetz
Verschuldungsgrenze BundMax. 0,35 Prozent des Brutto Inlandprodukts (BIP)
Reguläre AusnahmenNaturkatastrophen, außergewöhnliche Notsituationen
Geplante Reform-ÄnderungSondervermögen Infrastruktur 500 Mrd. Euro
Erforderliche MehrheitZweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat
ZeitplanReform bis März 2026 geplant

Hintergrund ist die neue Haushaltsplanung von Klingbeil. Diese enthält Rekordwerte bei der Höhe der Neuverschuldung und der Verteidigungsausgaben. Ende Juni wurden der Etatplan für 2025 und die Finanzplanung bis 2029 vom Kabinett beschlossen, ebenso der Gesetzentwurf zum Aufbau des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaschutz. Das neue Sondervermögen hat ein Volumen von 500 Milliarden Euro und ist auf zwölf Jahre angelegt.

Möglich werden die Mehrausgaben für Verteidigung und für Investitionen aber nur durch die für Sicherheitsausgaben beschlossenen Ausnahmen von der Schuldenbremse. Zulässig werden dadurch für 2025 zusätzliche Kredite von 32,1 Milliarden Euro. Bis 2029 steigt der sogenannte Überschreitungsbetrag bei den Krediten auf 121,2 Milliarden Euro.

AfD soll nicht in Schuldenbremse-Kommission: Statt Bundestag beruft Finanzministerium die Mitglieder

Neben der Union könnte es aber auch Streit mit der AfD geben. Um die Oppositionspartei von den Beratungen auszuschließen, wird das Bundesfinanzministerium selbst die Kommissionsmitglieder berufen. Würde die Kommission im Rahmen des Bundestages arbeiten, hätte die AfD Anspruch darauf, ebenfalls eingeladen zu werden – das soll vermieden werden, berichtet der Spiegel.

Führende Köpfe hinter den historischen Schuldenplänen: Friedrich Merz und Lars Klingbeil bei einer Pressekonferenz in Berlin.

Kein Wunder: Die AfD-Vorsitzende Alice Weidel warf Merz am Mittwoch (9. Juli) vor, die Merz-Regierung führe die Politik der Ampel-Vorgängerregierung fort, statt die Bürger wie versprochen zu entlasten. Die „Demontage der Schuldenbremse“ sei der „eklatanteste Wortbruch“ des Kanzlers. Merz werfe „das Geld der Bürger zum Fenster hinaus“, so Weidel.

Den Grünen und Linken, wurde im Übrigen nur Mitsprache in der Kommission eingeräumt, weil die Regierungskoalition beide Parteien für die Zustimmung zu der notwendigen Zweidrittelmehrheit für die Grundgesetzänderung braucht. Offen bleibt demnach, ob die Kommission überhaupt zu einem gemeinsamen Ergebnis kommt, welches es zur Abstimmung in den Bundestag schafft. (bg)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld / dpa

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