Bedrohung für die Nato

Neuer Waffendeal – Militärbündnis zwischen Moskau und Peking scheint möglich

  • schließen

Das Horrorszenario für Nato-Militärs: Russland und China Seite an Seite. Deren Diktatoren schmieden gegen die USA einen Pakt. Haltbarkeitsdatum offen.

Moskau – Wladimir Putin und Xi Jinping sind gerade ziemlich beste Freunde – die beiden Giganten auf tönernen Füßen, Russland und China, wachsen am Ukraine-Krieg langsam zusammen, jetzt offensichtlich auch durch einen Waffendeal zwischen Xi und Putin, nachdem der sich mit der Krim-Annexion bereits vor zehn Jahren als gewaltbereit geoutet und in China Interesse geweckt hatte. Nach zwei Jahrzehnten argwöhnischer Feindschaft zwischen den beiden Nachbarn bekommen die USA und die Nato damit eine harte Nuss zu knacken: „Obwohl die beiden Staatsoberhäupter kein formelles Militärbündnis unterzeichnet haben, sollten solche Schritte die USA und ihre Verbündeten mit großer Sorge erfüllen“, schreibt Chels Michta für die Denkfabrik Center for European Policy Analysis.

Russland soll China Suchoi Su-25-Jets, Mil Mi-17-Hubschrauber und S-400-Luftabwehrsysteme verkauft haben. Das ist laut Medienberichten der nächste konkrete Schritt aufeinander zu nach zwei Absichtserklärungen zwischen Putin und Xi: China und Russland erklärten im Februar 2022 eine „grenzenlose“ Partnerschaft, als Putin Peking besuchte, nur wenige Tage bevor er Zehntausende Truppen in die Ukraine schickte und damit den tödlichsten Landkrieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg auslöste – Experten rechnen damit, dass Xi zumindest eine Ahnung davon hatte, was folgen würde. Anfang November lobte Putin in Moskau diesen inoffiziellen Pakt gegenüber General Zhang Youxia, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Zentralen Militärkommission Chinas, als die seiner Meinung nach „wichtige ,High-Tech‘-Militärkooperation zwischen beiden Ländern – das hatte die Nachrichtenagentur Reuters gemeldet.

Seite an Seite – vermutlich bald gemeinsam gegen die USA: der chinesische Präsident Xi Jinping (l) und Kremlchef Wladimir Putin in Peking.

Die fast ein Vierteljahrhundert währende Eiszeit zwischen beiden Ländern ist damit getaut. Der Zerfall der Sowjetunion Ende Dezember 1991 war für die chinesischen Eliten ein Schock gewesen. Russland hatte sich damit dem Sozialismus entfremdet, vom östlichen Nachbarn abgewandt und sich nach Westen orientiert. China hatte damit aber schon zwei Jahre früher begonnen mit der Präsidentschaft von Jiang Zemin – unter ihm machten Partei und Staat allmählich Platz für freies Unternehmertum, was in Chinas Städten einen Boom des Privatsektors nach sich zog. 

2001 wurde die Annäherung zwischen China und Russland in dem Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit festgehalten. „Natürlich werden auch unsere Zusammenarbeit, unsere Kontakte im militärischen und militärisch-technischen Bereich immer wichtiger, denn bei der militärisch-technischen Zusammenarbeit steht hier natürlich unsere Arbeit in High-Tech-Bereichen an erster Stelle“, sagte Putin gegenüber Reuters damals. „Ich meine den Weltraum, einschließlich Gruppierungen mit hoher Umlaufbahn, ich meine auch moderne und vielversprechende Waffen, die sicherlich die strategische Sicherheit sowohl Russlands als auch der Volksrepublik China gewährleisten werden.“

USA: Der erklärte Feind von Russland und China gleichermaßen

Autorin Michta warnt angesichts dieser Aussichten: „Ein umfassendes chinesisch-russisches Bündnis würde die Vereinigten Staaten mit einer Bedrohung konfrontieren, wie es sie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr gegeben hat.“ Die Wissenschaft liegt allerdings im Streit ob der Tragfähigkeit des Bündnisses – Anastasia Vishnevskaya-Mann schreibt für die Bundeszentrale für politische Bildung vom „Juniorpartner Russland“: Die Asymmetrie zwischen beiden Ländern fände sich in der militärischen genau so wie in der Sicherheitszusammenarbeit. Seit den 1990er Jahren sei China zwar einer der wichtigsten Absatzmärkte russischer Waffen. Doch durch den legalen wie illegalen Technologietransfer stelle es immer mehr Waffen selber her, sodass fraglich sei, wie lange China noch auf russische Waffensysteme angewiesen sein werde.

Beispielsweise setzt China aktuell auf eine eigenständige Waffenproduktion mit Belarus – zur Herstellung von Raketenwerfern. Ohnehin hatten sich beide Länder in den vergangenen Jahren wirtschaftlich verstärkt gen Westen orientiert: Russland als Energielieferant, China brauchte Absatzmärkte. Den Schwenk nach Asien vollzog Wladimir Putin nach der Krim-Annexion, um die wirtschaftlichen Einbußen durch die westlichen Sanktionen auszugleichen. Beide versuchen voneinander zu profitieren durch das Seidenstraßen-Vorhaben – ein großes Infrastruktur-Projekt, das vor allem schnellere und sicherere Handelsrouten zwischen China und Europa zum Ziel hat. Die neue Seidenstraße soll – wie schon die alte – durch Zentralasien führen. Eine Region, die der Kreml dezidiert als eigene geopolitische Interessensphäre begreift.

Russland und China: Ein Miteinander unter Vorbehalt

Vishnevskaya-Mann schreibt: „Doch obwohl die Initiative unter anderem auch größeren Einfluss Chinas in Zentralasien vorsieht, macht man sich darüber im Kreml demonstrativ keine Sorgen. Laut Beobachtern soll der Kreml dabei keine bittere Pille geschluckt, sondern folgendermaßen kalkuliert haben: China konzentriert sich auf wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der Region, während Russland Garantiemacht bleibt und seinen politischen Einfluss behält.“ Auch bei dem wichtigsten Element der Seidenstraße – dem Ausbau der Eisenbahnschiene – war Russland außen vor. Seine ursprüngliche Erwartung, dass der Ausbau dieser „Belt and Road Initiative“ die russische Transsibirische Eisenbahn zur Grundlage nehmen würde, wurde von China enttäuscht.

Das Miteinander ist insofern insgesamt eines unter Vorbehalt. China verfolgt eine Pro-Forma-Neutralität, um eventuell auch vom Wiederaufbau der Ukraine zu profitieren. Das Verhalten Xi Jinpings folgt also dem Verlauf des Ukraine-Krieges, wie der Asien-Forscher Zhang Junhua für die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt: „China profitiert, weil ein schwaches Russland bedeutet, dass China mehr von Russland verlangen kann. Russlands frühere Arroganz gegenüber China ist dem Gegenteil gewichen, jetzt ist Russland eher abhängig von China. Ein so großes Land mit so vielen Ressourcen als Nachbar, das ist für China ein Gewinn.“

Ursprünglich hatte Xi seit seiner Machtübernahme vor zehn Jahren Russland links liegengelassen. Damals wollte er sich mit den USA zusammentun, in der Vorstellung, dass die beiden Großmächte in der Welt eine führende Rolle spielen würden, wie Zhang Junhua analysiert. Ex-US-Präsident Barrack Obama hatte der Idee einer bipolaren Welt wenig abzugewinnen. Xi ging trotzdem weiter davon aus, dass die USA China gegenüber freundlich gesinnt bleiben würden. Er nahm auch an, dass China durch die Bereitwilligkeit des Westens – besonders auch Deutschlands - zum technologischen Transfer langfristig gewinnen könnte. Obamas Nachfolger Donald Trump hat ihm mit seiner „America First“-Politik und den daraus folgenden höheren Einfuhrzöllen sowie den Exportbeschränkungen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Deutschland: Experte urteilt „Scholz zeigt Putin seine Angst“

Seitdem sind Xi und Putin ein Herz und eine Seele. So schreibt Zhang Junhua: „Putin bewundert die großen, wirtschaftlichen Errungenschaften Chinas, und Xi bewundert Putin wegen seiner Entschlossenheit, seiner Härte gegenüber dem Westen. Dieser Hintergrund hat dem Abkommen, das China im Februar dieses Jahres mit Russland geschlossen hat, den Weg gebahnt.“ Die im November angekündigte Vertiefung bedeutet die nächste Eskalationsstufe hin zu einem Militärbündnis, das Experten entstehen sehen. Rainer Meyer zum Felde beschreibt im Magazin Sirius drei mögliche Szenarien:

  • begrenzte militärische Kooperation zwischen Russland und China auf ausgewählten gemeinsamen Interessenfeldern;
  • ein Militärbündnis de facto – also nicht förmlich – im globalen Maßstab gegen westliche Institutionen und US-geführte Allianzen, das jedoch nicht von strategischer Koordinierung untermauert wird;
  • ein förmliches politisches und militärisches Bündnis zwischen Russland und China – dem sich möglicherweise andere regionale Mächte wie Iran anschließen – auf Grundlage einer Rahmenstrategie mit integrierter Planung und der Fähigkeit zu koordinierten, groß angelegten Operationen hoher Intensität an zwei oder mehreren Kriegsschauplätzen gleichzeitig – zum Beispiel in Europa, seiner Peripherie und dem Indopazifik, also beispielsweise auch mit Australien als Ziel.

Alle drei Szenarien zeitigen Konsequenzen für die einzelnen Nato-Partner – von ihnen wird mehr „Vornepräsenz“ erwartet mit permanent stationierten alliierten Kampfverbänden in Brigade-Stärke, also von bis zu 6.000 Kräften – außer in den exponiertesten drei baltischen Staaten und Polen ebenso in den südosteuropäischen Mitgliedstaaten; laut dem Autor zum Felde schließt das auch die Notwendigkeit weiträumiger stationierter nuklearer Waffen ein: „Obgleich sich die Rhetorik der Nato gegenüber China im Jahr 2021 verschärft hat, nimmt sie China bislang nur als Herausforderung, nicht als Bedrohung wahr.“

Deutschland komme dabei im Urteil der meisten Militärexperten eine exponierte Stellung zu; die Wehrhaftigkeit der gesamten Nato hänge entscheidend von der Kriegstüchtigkeit Deutschlands ab. Die Stärke Deutschlands spielt in der Expertenmeinung eine gewichtige Rolle gerade in Wladimir Putins Risiko-Abwägung, inwieweit offene Konfrontation gegenüber dem Westen geboten ist. „Scholz zeigt Putin seine Angst“, hatte der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel bereits nach einigen Wochen des Ukraine-Krieges über die Salami-Taktik des Bundeskanzlers gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung geurteilt. Die Gefahr für die Nato würde also eher von Berlin ausgehen als von Moskau.

Der Westen: für China Handelspartner wider Willen

Dennoch bleibt China aufgrund seiner wankenden Wirtschaftskraft auf absehbare Zeit gezwungen, dem Westen die Hand zu reichen, wie das Magazin Cicero schreibt: In 2022 waren die Vereinigten Staaten der zweitgrößte Importeur chinesischer Waren, die sich auf mehr als 15 Prozent der chinesischen Exporte beliefen. Sie waren mit zehn Prozent die drittgrößte Quelle für ausländische Direktinvestitionen. Die Europäische Union bildete Chinas größten Exportmarkt mit mehr als 20 Prozent der chinesischen Exporte und zweitgrößte Quelle für ausländische Direktinvestitionen mit 15 Prozent. Einige Experten prognostizieren, China hätte sich in vielleicht sogar schon drei Jahren davon emanzipiert und könnte sich Russland enger an die Seite stellen.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Andere Experten sehen das gelassener – wie der Politikwissenschaftler Thomas Jäger in Cicero: „Richtig ist, dass beide füreinander derzeit die wichtigsten strategischen Partner sind. Denn beide versuchen, die Dominanz der USA in der internationalen Ordnung zu beseitigen. Dazu wurde jahrelang das Narrativ verbreitet, dass die USA und der Westen sowieso abstiegen, weil die liberalen Demokratien zu dekadenten Gesellschaften verkommen seien. Chinas Aufstieg hingegen beweise, dass Modernisierung, Fortschritt und Demokratie nicht alleine in westlichen Formaten erfolgreich sein könnten.“

Jäger plädiert dafür, mindestens einen zweiten Blick zu riskieren in der Beurteilung der Allianz zwischen Putin und Xi – eine Freundschaftsbeziehung sei das nämlich nur bei flüchtigem Hinsehen.

Rubriklistenbild: © Suo Takekuma/Pool Kyodo News/AP

Kommentare