Böse Gerüchte um Bidens Vize: Harris steht wieder im Kreuzfeuer von Fake News
VonKilian Beck
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Kamala Harris wird in sozialen Medien zur Zielscheibe für Sexismus, Rassismus und antisemitischen Verschwörungserzählungen. Elon Musk mischt dabei mit.
Washington D.C. – US-Vizepräsidentin Kamala Harris bewirbt sich an US-Präsident Joe Bidens Stelle um die Präsidentschaft. Kurz nach ihrer Entscheidung verbreiteten sich in den sozialen Medien bereits Verschwörungserzählungen und Fake-News. Das ist kein Zufall. So zeigte die US-Denkfabrik Wilson Center bereits 2021 in einer Studie, dass Harris unter den zehn bekanntesten US-Politikerinnen mit Abstand die meisten hasserfüllten Kommentare bekommt. Harris kam zum Zug, weil Biden am Sonntag (21. Juli) seinen Rücktritt von der Kandidatur der Demokraten erklärte.
Elon Musk hetzt auf X gegen Kamala Harris – Diverse Fake News im Umlauf
Der ARD-Faktenfinder fasste die gängigsten Fake-News zusammen, die über Harris im Umlauf sind: Sie hätte gar nicht als Vizepräsidentin kandidieren dürfen, ihre Corona-Impfung sei ein Fake und sie habe Kontakt zu Jeffrey Epstein gehabt. All diese Falschbehauptungen sind im Umlauf. Darüber hinaus gibt es die erfundene Behauptung, dass Harris als Escort gearbeitet habe.
Verschwörungsideologisch motiviert verbreitete Twitter-Chef Elon Musk auf der Plattform, die antisemitische Verschwörungserzählung, Harris werde von der jüdischen Philantropenfamilie Soros kontrolliert. Ein Überblick über aktuell kursierende Fake-News und wie sie einzuordnen sind.
Designierte Biden-Nachfolge der Demokraten Harris darf gewählt werden – und ist geimpft
Die Falschbehauptung, Harris dürfe nicht für das Präsidentschaftsamt kandidieren, fußt auf der Leugnung ihres Geburtsortes. Wie bereits bei Ex-US-Präsident Barack Obama wird aus rassistischen Motiven unterstellt, sie wäre nicht in den Vereinigten Staaten geboren. Damit wäre ihr die Präsidentschaft versperrt. Harris ist allerdings in Oakland im Bundesstaat Kalifornien geboren und war dort jahrelang Generalstaatsanwältin. Die Eltern der Vizepräsidentin stammen aus Indien und Jamaika, weswegen sie immer wieder Ziel rassistischer Kommentare wird.
Zur Coronaimpfung wurde, so der Faktenfinder, in sozialen Medien wiederholt behauptet, dass sie gestellt war und Harris keine Impfung erhalten habe, da keine Nadel in der Spritze stecke. Doch auf höher aufgelösten Bildern ist erkennbar, dass Harris geimpft wird. Der Sender MSNBC übertrug die Impfung live. Nach Angaben des Weißen Hauses wurde sie mit mRNA-Impfstoff Moderna geimpft.
Foto von Vizepräsidentin Harris und Sexualstraftäter Epstein ist gefälscht
Ein weiteres kursierendes Foto ist eine besonders bösartige Fälschung: Es zeigt Kamala Harris mit dem Sexualstraftäter und Mädchenhändler Jeffrey Epstein. Dieses Foto wurde gefälscht, laut ARD zeigt das Original Harris und ihren Ehemann Douglas Emhoff, Epstein wurde hineinmontiert. Epstein starb offiziellen Angaben zufolge durch Suizid im Gefängnis, ihm wurden der Betrieb eines Menschenhandelsrings und dutzende sexuelle Übergriffe vorgeworfen.
Die Namensliste mit Epsteins Kontakten ist Gegenstand diverser legitimer Fragen über Netzwerke in der High Society, aber auch Teil einiger Verschwörungserzählungen, etwa denen aus dem QAnon-Spektrum. QAnon-Ideologen glauben, dass eine nebulöse Elite, zu der etwa die Clintons und die Bidens gehören, Kinder tötet, um sie als Jungbrunnen auszubeuten. Dieser Wahn trieb bereits einige Rechtsterroristen an.
Frauenfeindliche Fake News zu Harris Privatleben – Lügen über angebliche Sexarbeitsvergangenheit
Weiter kursierte auf X ein alter Zeitungsausschnitt, der Kamala Harris und den damaligen Sprecher des kalifornischen Parlaments Willie Brown Mitte der 1990er-Jahre Arm in Arm zeigt. Laut der britischen Nachrichtenagentur Reuters ist das Foto echt, und beide bestätigten eine kurzlebige Beziehung, die sie 1995 beendeten. Über dieses Foto und die Beziehung kursierten nun allerlei Falschbehauptungen: Mal wurde behauptet, es wäre eine Affäre mit dem verheirateten Brown gewesen. Das ist falsch, Brown war seit 1981 geschieden. Weiter wurde behauptet, dass Harris in der Zeit als „hochklassiges Escort“ gearbeitet habe. Falsch, sie war bereits Staatsanwältin.
Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern
In beiden Tweets wurde behauptet, sie habe durch diese Beziehung ihre politische Karriere gestartet. Brown schrieb im San Francisco Chronicle, dass er sie in zwei Beratungskommissionen für bundesstaatliche Gesetzgebung berufen habe. Harris eigentliche politische Karriere begann aber deutlich später, als sie 2010 – 15 Jahre nach der Trennung von Brown – zur Generalstaatsanwältin des Bundesstaates gewählt worden. Harris ist promovierte Juristin und hat einen Abschluss in Politik- und Wirtschaftswissenschaften, sie auf eine beinahe drei Jahrzehnte vergangene Beziehung reduzieren zu wollen, ist grob frauenfeindlich.
Vor US-Wahl: Musk befeuert antisemitische Verschwörungserzählungen gegen Kamala Harris
Die wohl gefährlichste Verschwörungserzählung über Harris verbreitete Twitter-Chef Elon Musk höchstpersönlich: Ein offen rechtsradikaler Account teilt ein Foto von des Philanthropen Alex Soros mit Kamala Harris. Alex Soros ist der Sohn des Milliardärs George Soros, der mit seiner Open Society Foundation, die den Liberalismus fördert, zum Feindbild der radikalen Rechten weltweit wurde. Musk kommentierte das Foto mit dem Satz: „Ich möchte Alex Soros danken, dass er nicht darauf warten lässt, wer die nächste Marionette wird“. Diese Aussage in diesem Kontext ist lupenreiner Verschwörungsantisemitismus.
Von der radikalen Rechten in den USA über die AfD bis hin zu Ungarns Autokraten Viktor Orbán wird die antisemitische Verschwörungserzählung, der reiche Jude George Soros steuere mit seinem Geld die Geschicke der Welt zum Missgeschick der eigenen Nation, verbreitet. Politiker als „Marionetten“ sind Ausdruck solchen Denkens.
US-Rechte verbreitet Verschwörungserzählung von „Kulturmarxismus“ und „Bevölkerungsaustausch“
Diese Verschwörungserzählung dockt nahtlos an die vom „Großen Bevölkerungsaustausch“ an, Orbán unterstellte Soros etwa immer wieder, die ungarische Nation durch Zuwanderung „zerstören“ zu wollen. Ähnliches unterstellen ihm US-Rechte wie etwa die Repräsentantenhausabgeordnete Marjorie Taylor Greene. Genauso dockt die Verschwörungserzählung vom „Kulturmarxismus“ an, die behauptet, dass Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler alle Teil einer Verschwörung sind, um die traditionelle Gesellschaftsordnung zu zerschlagen. Da die führenden Proponenten des „Kulturmarxismus“ die deutsch-jüdischen Soziologen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer dahinter wähnen, ist diese Erzählung klar antisemitisch. Soros finanziert mehrere liberale Universitäten, die Autokraten wie Orbán und Trump ein Dorn im Auge sind.
Frauenfeindliche, rassistische und antisemitische Verschwörungserzählungen sind gefährlich. Diesseits des Atlantiks trieben die Erzählungen vom „Großen Bevölkerungsaustausch“ und „Kulturmarxismus“ etwa die Rechtsterroristen von Utøya und Oslo, Halle, Hanau und München an. Das Münchner Attentat jährte sich am Montag (22. Juli) zum achten Mal.