FR-üh dran zum Showdown im Südwesten: Özdemir gegen Hagel – wer gewinnt?
VonNail Akkoyun
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Landtagswahl in Baden-Württemberg, Kommunalwahl in Bayern: Ein Wahlsonntag, der die Republik aufhorchen lässt. Unsere „FR-üh dran“-Kolumne liefert den Überblick.
FRüh Radar – das steht heute an: Am morgigen Sonntag (8. März) ist Wahltag – und zwar gleich doppelt. In Baden-Württemberg wählen rund acht Millionen Wahlberechtigte einen neuen Landtag. Im Mittelpunkt: ein Zweikampf, der es in sich hat. Cem Özdemir (Grüne) und Manuel Hagel (CDU) liefern sich nach Monaten des Vorsprungs für die CDU ein Fotofinish – laut jüngsten Umfragen liegen beide Parteien teils gleichauf. Gleichzeitig wählt Bayern seine Kommunalvertreter: Gemeinde- und Stadträte, Bürgermeisterinnen und Oberbürgermeister, Kreistage und Landräte in 2065 Gemeinden und 71 Landkreisen stehen zur Wahl – insgesamt werden 39.500 Mandate vergeben. Zwei Bundesländer, zwei Wahlen, ein politischer Stimmungstest für die gesamte Republik. Was das bedeutet, warum es so spannend ist und wie es weitergeht – wir ordnen das für Sie ein.
Die Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in Baden-Württemberg, Manuel Hagel (CDU, r.), und Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) sitzen bei einer Veranstaltung der BWIHK auf der Bühne.
Wir fassen zusammen, wie es dazu kam: Baden-Württemberg ist seit 2016 grün-schwarz regiert – eine ungewöhnliche Koalition, die lange funktioniert hat, weil Winfried Kretschmann als Ministerpräsident über Parteigrenzen hinweg beliebt war. Doch Kretschmann tritt nicht mehr an. Und damit beginnt das eigentliche Drama: Wer folgt ihm nach?
Monatelang sah es so aus, als wäre die Antwort klar: CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel lag in den Umfragen deutlich vorn. Doch dann kam Cem Özdemir – ehemaliger Bundeslandwirtschaftsminister, bekannt, volksnah, mit Stuttgarter Wurzeln. Und Özdemir holte auf. Rasant.
In Bayern wiederum findet die Kommunalwahl statt – die letzte war 2020, mitten in der Corona-Pandemie. Damals gewann die CSU klar, verlor aber an Zustimmung. Die bayerischen Grünen erzielten ihr bestes Kommunalwahlergebnis aller Zeiten. Dieses Mal ist die Ausgangslage eine andere: Die AfD gilt laut Zeit-Analyse als Hauptrivale der CSU und könnte erstmals in einzelnen Landkreisen gefährlich werden.
Landtagswahl in Baden-Württemberg: Özdemir strebt Kretschmann-Nachfolge an
Hier erfahren Sie, worum es geht, worauf es ankommt und woran es hängt: In Baden-Württemberg hängt alles an der Frage: Wer wird Ministerpräsident – Özdemir oder Hagel? Koalitionstechnisch ist die Lage klar: Eine Neuauflage von Grün-Schwarz (oder Schwarz-Grün) ist die wahrscheinlichste Option. Özdemir hat in der TV-Debatte kaum einen Zweifel daran gelassen, dass er weiter mit der CDU regieren möchte. „Wir sind Wettbewerber, Konkurrenten, aber keine Feinde“, sagte er laut Tagesschau in Richtung Hagel. Der CDU-Mann seinerseits weiß, dass eine Koalition mit SPD und FDP nach derzeitigen Umfragen kaum möglich wäre – und lehnte in der Debatte eine Rückkehr zur Atomkraft vehement ab: „Wir hinterlassen unseren Kindern einen strahlenden Haufen Müll.“
In Bayern geht es um etwas anderes: Hier ist die Frage nicht, wer regiert, sondern wie stark die AfD wird. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat vollmundig angekündigt, die AfD werde „kein Rathaus in Bayern übernehmen“. Sicher sein kann er sich nicht. Zwar ist eine absolute Mehrheit für AfD-Kandidatinnen schwer zu erreichen, und in einer möglichen Stichwahl dürften sich demokratische Parteien zusammentun. Doch ein Zugewinn an Mandaten in Gemeinde- und Stadträten sowie Kreistagen gilt als wahrscheinlich. Abseits der AfD zeichnen sich laut Zeit auch spannende Rennen in München, Augsburg, Nürnberg, Bamberg und Hof ab. In München etwa fordert Grünen-Bürgermeister Dominik Krause den langjährigen SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter heraus. In Nürnberg könnte mit Nasser Ahmed (SPD) erstmals ein Oberbürgermeister mit Migrationshintergrund gewählt werden.
Kommunalwahl Bayern – schnell und bestens informiert
► Ergebnisse direkt ins Postfach. Wie wurde bei Ihnen gewählt? Sobald die Ergebnisse der Bürgermeister- und Gemeinderatswahlen vorliegen, informieren wir Sie direkt per Mail – schneller geht‘s nicht. Jetzt für Ihr Kommunalwahl-Update anmelden
► Interaktive Wahlkarte: Klicken Sie sich durch alle Ergebnisse – alle Gemeinde, alle Städte, ganz Bayern. Die Karte ist schon freigeschaltet und zeigt die Daten der vorherigen Wahl. Jetzt die Wahlkarte erkunden
► Livestream am Wahlabend: Gemeinsam mit Sat.1 Bayern begleiten wir den Wahlabend – mit spannenden Ergebnissen, Analysen und ersten Einschätzungen. Hier finden Sie am Wahlabend den Livestream.
Espresso-Argumente für die Kaffeeküche
Mit diesen Argumenten punkten Sie bei der politischen Debatte in der Kaffeeküche: „Die Grünen haben BW jahrelang runtergewirtschaftet – jetzt soll Özdemir auch noch Ministerpräsident werden?“ Wer das behauptet, vergisst: Baden-Württemberg ist seit 2016 grün-schwarz regiert – also gemeinsam von Grünen und CDU. Wenn es Probleme gibt, tragen beide Parteien Verantwortung. Und tatsächlich hat Frohnmaier in der TV-Debatte genau diesen Punkt gemacht – worauf Özdemir treffend antwortete, er sei Bundesminister gewesen, nicht Teil der Landesregierung. Özdemir steht eher für einen Neustart als für Kontinuität.
„Die AfD ist der einzige echte Wechsel – alle anderen machen doch dasselbe.“ Das klingt nach Protest, ist aber in der Praxis gefährlich kurzsichtig. Die AfD hat sich in Bayern umstrittene Wahlkampfhilfe geholt: Sie lud etwa den verurteilten Rechtsextremisten Björn Höcke zu mehreren Veranstaltungen ein. Tausende demonstrierten dagegen. Wer die AfD als „Wechsel“ wählt, wählt eine Partei, die demokratische Institutionen wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk am liebsten abschaffen würde.
„Kommunalwahlen sind doch egal – da geht es nur um Lokalpolitik.“ Unterschätzen Sie das nicht. Gemeinden und Städte entscheiden über Straßen, Wasser, Schulen, Krankenhäuser, Jugendhilfe und Wohnungsbau. Wer in der Kaffeeküche über zu hohe Mieten klagt – und laut einer Umfrage der dpa aus dem Februar ist das in Bayern ein zentrales Thema –, der sollte wissen: Genau das wird auf kommunaler Ebene mitentschieden. Und: Die Kommunalwahl ist ein Stimmungstest für die gesamte Bundesregierung.
FR-üh dran – die Lage am Morgen
In unserer Kolumne informieren wir Sie täglich über den wichtigsten Termin des Tages und bereiten Sie als FR-Leser:in auf die politische Debatte in der Kaffeeküche und am Mittagstisch vor, indem wir die passenden Argumente direkt mitliefern. Lesen Sie hier genau, warum „FR-üh dran“ zu Ihrem täglichen Morgenritual werden sollte.
Sie sind anderer Meinung, Ihnen fehlen Arguemten oder Sie haben ein Thema, dem wir uns in der Kolumne annehmen sollen? Dann schreiben Sie uns oder diskutieren Sie mit in der Kommentarspalte unter diesem Artikel.
Blick nach vorne
Lesen Sie hier schon heute, was als Nächstes passieren wird: Am Sonntag schließen die Wahllokale in Baden-Württemberg und Bayern um 18:00 Uhr. Dann folgen die ersten Prognosen und Hochrechnungen. Sollte in Bayern bei der Bürgermeister- oder Landratswahl kein Kandidierender eine absolute Mehrheit erreichen, findet am 22. März eine Stichwahl statt. In Baden-Württemberg beginnen nach der Wahl die Koalitionsverhandlungen.
Echt jetzt?!
Wussten Sie, dass Münchner Wählerinnen und Wähler bei der morgigen Kommunalwahl sage und schreibe bis zu 80 Stimmen zu vergeben haben? Achtzig. Das ist kein Tippfehler. Dank Kumulieren und Panaschieren – also dem Häufen von bis zu drei Stimmen auf eine Person und dem Verteilen über Parteilisten hinweg – wird der Stimmzettel in der bayerischen Landeshauptstadt zum kleinen Kunstprojekt. Das bayerische Innenministerium stellt sogar einen Probestimmzettel zum Üben bereit. Man gönnt sich ja sonst nichts. (Quellen: Zeit, Tagesschau, wahlrecht.de, ZDF, dpa) (nak)