Umfrage-Hammer vor Landtagswahl Baden-Württemberg: Wieso die CDU einem großen Trugschluss auf den Leim ging
VonMoritz Maier
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In Baden-Württemberg zeichnet sich für Sonntag ein regelrechter Wahlkrimi ab. Die Grünen sind im Höhenflug, die CDU strauchelt. Wie es dazu kam. Eine Analyse.
Geraten angesichts des Trends kurz vor der Landtagswahl ganz schön ins Schwitzen: Bundeskanzler Friedrich Merz (Mitte) und CDU-Spitzenkandidat für Baden-Württemberg Manuel Hagel (links).
Lange schien Baden-Württemberg ein regelrechter Nicht-Wahlkampf zu werden. Die Grünen lagen in Umfragen Ende vergangenen Jahres mit 20 Prozent oder weniger weit hinter der mit plusminus 30 Prozent geführten CDU. Der Abgang des grünen Langzeit-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (seit 2011 im Amt) schmerzt die Partei empfindlich. Kretschmann ist (trotz seiner Parteizugehörigkeit) beliebt im Ländle, steht fast schon über den Dingen. Was dazu führte, dass sich Hagel und Özdemir im Wahlkampf beide als legitime Nachfolger des pragmatischen Landesvaters Kretschmann inszenieren wollen. Auch thematisch ähneln sich ihre Aussagen oft.
CDU oder Grüne: In Baden-Württemberg zeichnet sich laut Umfragen ein Wahl-Krimi ab
Doch die vermeintliche Gewissheit, die CDU habe die Wahl bereits gewonnen, fußte auf einem Trugschluss: der Aussagekraft von Umfragen, die mehrere Monate vor der Landtagswahl durchgeführt wurden. Die Ergebnisse sahen zwar die CDU weit in Front, jedoch wird ein Landtagswahlkampf meist erst wenige Tage oder Wochen vor dem Wahlsonntag wirklich heiß. Die Menschen beschäftigen sich davor kaum mit der Wahl, den Themen oder den Kandidaten. Umfragen spiegeln daher vor allem den Bundestrend wider – und der stellt den Grünen ein schlechteres Zeugnis als der Kanzlerpartei CDU aus.
Jetzt – die Landtagswahl rückt endgültig in den Fokus – ändern sich auch die Umfrageergebnisse plötzlich. Der deutlich bekanntere und beliebtere Özdemir, der in Personenfragen schon seit Monaten klar vor Hagel liegt, holt jetzt auch in Wahlumfragen auf. Özdemirs Grüne liegen nach neustem ZDF-Politbarometer gleichauf mit Hagels CDU. Dazu kommt, dass die Wahlkampfstrategie Hagels und der CDU nun ins Wanken gerät. Die Idee war voller Fokus auf das Thema Wirtschaft und Arbeitsplätze in Baden-Württemberg. Kritiker beklagen nun, dass allein das zu wenig ist, um genug Menschen hinter ihren schwäbischen und badischen Öfen hervorzulocken. „Im Schlafwagen in die Staatskanzlei“, kritisierten manche aus der Bundesunion hinter vorgehaltener Hand den Hagel-Plan.
Landtagswahl in Baden-Württemberg: Özdemir strebt Kretschmann-Nachfolge an
Hinzu kommt, dass nun auch sein persönliches Image als Schaffer und ehrlicher Vorzeige-Baden-Württemberger ins Wanken gerät. Das nun in den Fokus gerückte Video Hagels von 2018, in dem er kontroverse Aussagen über minderjährige Schülerinnen tätigte (für die er sich inzwischen entschuldigte), könnte die und den ein oder anderen an der Eignung Hagels zum Ministerpräsidenten zweifeln lassen.
Ein weiterer Sorgenfaktor für Hagel: Während die Umfragen nahelegen, dass Özdemir im progressiven Lager kurz vor der Wahl immer mehr potenzielle Wähler von SPD und Linken für sich gewinnen kann, wohl um einen CDU-Sieg zu verhindern, gelingt der CDU das bei FDP- und AfD-Sympathisanten eher weniger. Das führt nun zu beinahe verzweifelten Appellen der CDU an AfD- und FDP-Wähler, dass eine Stimme für die Rechtsaußenpartei einen Grünen Ministerpräsidenten zur Folge hätte.
Die Nervosität bei der CDU wächst kurz vor der Wahl massiv. Knapp vor den Grünen zu liegen, reicht der CDU inzwischen – von dem Mindestziel 30 Prozent verabschiedete man sich bereits. Befragungen zeigen, dass die Mehrheit der Menschen zwar Özdemir lieber hat, die CDU aber gern als größere Koalitionspartei hätte. Es wird sich also auch um die Frage drehen, ob sich die Landtagswahl zu einer Personenwahl entwickelt.
Tipps könnte sich Hagel kurz vor knapp noch von Ex-Kanzlerin Angela Merkel holen. Im Interview mit dieser Redaktion Anfang Februar in Stuttgart verriet Hagel, dass er einen regelmäßigen Telefonaustausch mit der Altkanzlerin pflege: „Ich schätze den Ratschlag von Angela Merkel sehr. Insgesamt lege ich sehr viel Wert auf den Rat von klugen Frauen.“ (Quellen: Eigene Recherche, INSA/Bild, Infratest dimap)