Ein Blick auf Trumps Vize: J.D. Vance bringt sich in Stellung
VonFrank Heidenreich
schließen
US-Vizepräsidenten fristen oft ein Schattendasein. Allerdings ist es diesmal etwas anders: Trumps „Vize“ J.D. Vance hat sich früh in Stellung gebracht.
James David Vance, genannt J.D., hatte keinen der zwei zentralen Sitzplätze. Dafür aber eine umso zentralere Rolle. Bei jener ebenso geschichtsträchtigen wie schäbigen Demütigung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus war es nicht Donald Trump, sondern Vance, der öffentlichkeits- und medienwirksam die Eskalation in Gang setzte, indem er Selenskyj mit Vorwürfen überzog – wie etwa den, eine „Propagandatour“ zu inszenieren und den USA keine Dankbarkeit zu zollen.
Trumps USA wollen ein gespaltenes Europa
Kurz zuvor bereits hatte Vance den verstörten Europäern, nicht zuletzt Deutschland, auf der Münchner Sicherheitskonferenz die Leviten gelesen wegen vermeintlich fehlender Meinungsfreiheit in ihren Ländern – und seine Sympathie für die AfD bekundet. Auch hier war es der 40-Jährige, der den Bruch mit Partnerschaften und diplomatischen Gepflogenheiten forcierte – streng dem offensichtlichen Kalkül folgend, dass die Unterstützung der EU-skeptischen bis -ablehnenden Parteien am ehesten die Abkehr von einem geeinten zu einem sich auflösenden Europa garantieren könnte. Denn ein solches wäre, dauerhaft geschwächt, im Kampf der Großmächte um Einfluss kein Faktor – wirtschaftlich, militärisch und politisch.
Elon Musk: Erst US-Schattenpräsident – und jetzt Trump-Gegenspieler?
Es sind nur zwei Puzzleteile, doch die fügen sich in ein Gesamtbild: In den USA agiert kein Vizepräsident, der sich „nur“ als Nummer zwei versteht. Oder lediglich als Repräsentant einer bestimmten Wählergruppe, deren Unterstützung sich der Präsidentschaftskandidat im Wahlkampf sichern will – wie es beispielsweise Mike Pence als streng konservativer Evangelikaler in Trumps erster Amtszeit war.
J.D. Vance ist Trumps Scharfmacher mit weniger Skrupeln als einst Mike Pence
Vance ist nicht unscheinbar wie seine Amtsvorgängerin Kamala Harris, die zwar mehr als drei Jahre im Amt war, aber bei Joe Bidens Rückzug als Bewerber der Demokraten gefühlt aus dem Nichts kam und kein tiefgreifendes politisches Profil hatte. Vance ist Provokateur und Scharfmacher, er ist Adlatus und linientreuer Stichwortgeber für seinen „Chef“, er ist dessen verlängerter Arm. Wo Vance draufsteht, ist Trump drin. Skrupel, die beispielsweise Pence 2020/21 davor zurückschrecken ließen, Trump bei dessen Lüge von der gestohlenen Wahl zu folgen, sind von Vance nicht zu erwarten. Weil er sie nicht hat. Er ist Teil eines präsidialen Tandems.
Dabei wäre ein solches Bündnis vor einigen Jahren undenkbar gewesen. Vance stammt aus dem siechenden „Rust Belt“, der ältesten Industrieregion der USA im Nordosten des Landes. Und aus zerrütteten, prekären Familienverhältnissen, die er im autobiografischen Bestseller „Hillbilly-Elegie“ verarbeitete – ein Buch, das Bundeskanzler Olaf Scholz sehr berührte, wie er in einem Interview verriet. Vor allem aber war Vance ein scharfer Kritiker Trumps.
Für die Macht in den USA unterwarf sich J.D. Vance dem Autoritären
Das änderte sich fundamental mit seiner Bewerbung als Senator für Ohio. Vance hatte sich zu einem ergebenen Trump-Getreuen gewandelt, ihn plötzlich zum „großartigen“ Präsidenten stilisiert und sich so dessen Unterstützung gesichert. Das zahlte sich aus: Vance gewann das Mandat im November 2022. Den möglichen Eindruck des Opportunismus hat Vance längst weggewischt. Er steht nun stellvertretend für eine Partei, die sich Trump komplett unterworfen hat.
Haben beide offensichtlich keine hohe Meinung von Europa: US-Präsident Donald Trump (r.) und sein Vize J.D. Vance scheinen sich von den langjährigen Partnern abzuwenden. (Archiv)
Er gehört zu jenen, die bereit sind, den Staat fundamental umzubauen und die Macht des Präsidenten durch eine Schwächung oder Diskreditierung der Gewaltenteilung auszubauen. „Richter dürfen die legitime Macht der Exekutive nicht kontrollieren“, schrieb Vance kürzlich – bezieht das aber selbstredend vor allem auf Entscheidungen, die der Trump-Administration nicht genehm sind.
Elon Musk empfiehlt Trumps Günstling J.D. Vance als nächsten US-Präsidenten
Inzwischen ist Vance keine Verbeugung tief genug, um seine Loyalität zu beweisen. Und um sich in Stellung zu bringen. Vance wäre ohnehin in der Pflicht, sollte Trump die verfassungsmäßigen „Befugnisse und Pflichten des Amtes“ in der laufenden Präsidentschaft nicht mehr ausüben können. Da hilft es, den Eindruck von Kontinuität zu vermitteln. Aber Vance‘ Ambitionen reichen offenkundig weiter. Im Vergleich zu Trump hat er zwei Vorteile: Vance ist jung. Und der 78-jährige Trump darf sich – zumindest laut Verfassung – nicht für eine dritte Amtszeit zur Wahl stellen.
So gibt sich Vance als Trump 2.0, positioniert sich schon als dessen legitimer Erbe. Milliardär Elon Musk, einflussreicher Trump-Berater für den Bürokratieabbau, schrieb bereits: „Bester Vizepräsident aller Zeiten und unser künftiger Präsident“. Schließlich soll nach dem Willen der Trumpisten der derzeitige US-Kurs auch nach dem Abgang Trumps Bestand haben.