NATO-Partner „müssen Mittel aufbringen“

Sicherheitslücke der NATO-Nordflanke: Hier könnte Russland durchbrechen

  • schließen

Mit dem Beitritt von Finnland und Schweden zur NATO wird Norwegen Transitland. Doch im hohen Norden gibt es Probleme, so ein Verteidigungsexperte.

Berlin – Der hohe Norden Norwegens und Finnlands ist keine Gegend für entspannte Spaziergänge. Erst recht nicht für militärische Einsatzkräfte, die an der Grenze zu Russland mit schwerem Gepäck und Waffen unterwegs sind. „Schnee, Eis und Winterstürme: Das ist wirklich hartes Gelände“, sagt Robin Allers. Er ist Professor an der Hochschule für Verteidigung (FHS) in Norwegens Hauptstadt Oslo und gerade zu Besuch in der norwegischen Residenz in Berlin. Allers warnt vor einer potenziellen Schwachstelle an der NATO-Nordflanke.

In der Residenz herrscht gemütliche Wohnzimmeratmosphäre, Inneneinrichtungsexperten würden von Scandi-Style sprechen: Zwischen Kerzenlicht und Designermöbeln in hellem Holz kommt man mit Vertreterinnen und Vertretern der norwegischen Botschaft ins Gespräch. Die zeigen sich ob des Regierungs-Endes nach dem Ampel-Aus hierzulande – Deutschland gilt den Norwegern als wichtigster europäischer Partner – nur bedingt besorgt. „Wir kennen sowas“, sagt eine Gesandte. Norwegische Gelassenheit at its best.

Spezialmunition für die Ukraine und deutsche Autoteile: Industriepark Raufoss in Norwegen

Ein zugefrorener See in Norwegen nördlich von Oslo
Raufoss liegt zwischen dichten Wäldern und großen Seen – gut 130 Kilometer nördlich der norwegischen Hauptstadt Oslo.  © Peter Sieben
Ein rotes Haus mit Holzfassade in der Dämmerung im Schnee
Bunte Häuser mit Holzfassaden säumen die Straßen. © Peter Sieben
Ein Straßenschild in Raufoss in Norwegen und ein Haus im Schnee
„Verteidigungsausrüstung“ steht auf dem Schild über dem Logo von Rüstungsproduzent Nammo. Wer durchs idyllische Städtchen Raufoss schlendert, rechnet nicht damit, dass direkt nebenan ein bedeutender Industriepark liegt, in dem auch Munition für die Ukraine produziert wird.  © Peter Sieben
Øivind Hansebråten, CEO vom Raufoss Industriepark in Norwegen
Øivind Hansebråten ist CEO vom Raufoss Industriepark, einem der bedeutensten in Norwegen. Im Vergleich zu deutschen Parks ist er recht überschaubar. „Ich weiß, in Deutschland ist alles größer, aber für uns ist das schon ganz gut“, sagt Øivind und grinst. Dafür geht es hier recht familiär zu. © Peter Sieben
Emma Østerbø im Catapult Centre in Raufoss
Know-how wird im Industriepark geteilt: Emma Østerbø ist General Manager beim Raufoss Katapult Center. Hier können Start-Ups Prototypen testen.  © Peter Sieben
Gebäude von Benteler im Raufoss Industriepark in Norwegen
Im Raufoss Industriepark gibt es auch ein großes deutsches Unternehmen: der Autozulieferer Benteler. Dabei sind die Löhne hier höher als in Deutschland. Aber: Das Unternehmen nutzt hier auch norwegisches Know-How, um Automationsmechanismen zu testen.  © Peter Sieben
Mitarbeiter von Benteler in Raufoss in Norwegen
In den Produktionshallen von Benteler arbeiten pro Schicht nur zwei bis drei Menschen – das meiste läuft automatisiert. Das hat zwei Gründe: Fachkräfte sind Mangelware, im riesigen Norwegen leben vergleichsweise wenige Menschen. Und: Die Löhne für Fachkräfte sind hoch. Viele Unternehmen setzen auf Automation.  © Peter Sieben
Das moderne Verwaltungsgebäude von Nammo in Raufoss in Norwegen
Das moderne Verwaltungsgebäude von Nammo: Der Rüstungskonzern und Produzent von Spezialmunition gehört zu den ganz großen und zentralen Unternehmen im Industriepark.  © Peter Sieben
Eine Backstein-Werkshalle von Nammo im Raufoss-Industriepark in Norwegen
Eine der Werkshallen von Nammo: Im Raufoss Industriepark gibt es zahlreiche renovierte historische Gebäude.  © Peter Sieben
Nammo-Munitionsfabrik in Raufoss in Norwegen
Fotos dürfen in der Munitionsfabrik nur an einer einzigen Stelle gemacht werden. Damit keine sensiblen Informationen nach außen dringen, gelten strenge Sicherheitsregeln.  © Peter Sieben
Ein Arbeiter an einer Maschine in der Munitionsfabrik von Nammo in Raufoss in Norwegen
Präzision hat eine hohe Priorität: Mithilfe von Robotern und Computertechnik werden die Projektile gefertigt.  © Peter Sieben
Thorstein Korsvold (links), Pressesprecher von Nammo, im Gespräch mit Redakteur Peter Sieben.
Thorstein Korsvold (links), Pressesprecher von Nammo, im Gespräch mit Redakteur Peter Sieben.  © Ippen.Media
Thorstein Korsvold, Pressesprecher von Nammo, stemmt eine Stahlhülse
Thorstein Korsvold stemmt eine der fertigen Hülsen, die zu Projektilen weiterverarbeitet werden: „Wiegt locker 30 bis 40 Kilo.“ Das meiste, das sie hier produzieren, geht an die ukrainischen Streitkräfte. So werden hier Rohlinge für M72-Panzerabwehrmunition gefertigt, die von ukrainischen Soldaten massenhaft verschossen werden. „Wir sind stolz auf unsere Produktion“, sagt Thorstein. „Aber es hat alles zwei Seiten. Wenn unser Geschäft besonders gut läuft, hat das düstere Gründe.“  © Peter Sieben

NATO-Staaten nach Wahlsieg von Trump unter Druck

Der Wahlsieg von Donald Trump indes sorgt für ein gewisses Unbehagen. Experten gehen davon aus, dass der Druck auf die europäischen NATO-Staaten deutlich zunehmen wird, wenn Donald Trump erst einmal US-Präsident ist. „Alle Länder im Norden sind abhängig vom Einsatz der USA für ihre Sicherheit“, sagt Verteidigungsexperte Allers im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. „Man wird schnell an die Trump-Administration herantreten und deutlich machen: Es ist auch im Interesse der USA, den hohen Norden robust zu verteidigen.“

Artillerie-Übung der NATO in Finnland gestartet – nahe der Grenze zu Russland

Denn nur über die NATO-Nordflanke könnte Russland unter Wladimir Putin theoretisch Schiffe und Atom-U-Boote von der Kola-Halbinsel in Richtung Nordatlantik verlegen und so im Extremfall ganz Europa und die USA direkt bedrohen. Dass die sicherheitspolitische Bedeutung an der NATO-Nordflanke mit Beginn des Ukraine-Kriegs deutlich zugenommen hat, zeigt sich an der gestiegenen Frequenz von Militärübungen an den Grenzen Norwegens und Finnlands zu Russland. Im März erst hatten internationale Truppen an der Großübung Nordic Response am Polarkreis teilgenommen. Und in diesen Tagen startete in Lappland im Norden von Finnland eine große Artillerieübung. Es ist das erste Manöver dieser Art, seit das Land dem Verteidigungsbündnis im Frühjahr 2023 beigetreten ist.

Mit dem Beitritt Finnlands und zuletzt Schwedens hat sich auch die Rolle Norwegens in der NATO grundlegend gewandelt. „Es ergeben sich ganz neue Möglichkeiten, die Region als strategisches Gebiet zu betrachten“, erklärt Allers. Norwegen wäre im Bedrohungsfall Transitland für anlandende Truppen der westlichen Alliierten und Drehscheibe in Richtung Norden und in den Ostseeraum.

Schwachstelle an der NATO-Nordflanke: Bahnlinien und Straßen sind verwundbar

Das Problem: „Es gibt im Norden nur sehr wenige Straßen und Bahnlinien, die auch noch einspurig sind“, sagt Allers. Die wenigen Straßen und Gleise seien sehr verwundbar durch potenzielle Angriffe, aber auch durch Naturereignisse, gerade im Winter. Das hat sich erst kürzlich wieder gezeigt: Der Betrieb der Nordlandbahn ist wegen Felsstürzen bei der Gemeinde Hemnes seit Oktober eingestellt.

Die Infrastruktur auszubauen, sei nicht so leicht: „Das Gelände ist unwegsam, es ist sehr bergig, das würde enorme Summen kosten“, so der Verteidigungsexperte. „Norwegen und seine Partner im Norden, also Schweden und Finnland, müssen jetzt Mittel aufwenden, um die Infrastruktur anzupassen. Nur so kann man im Verteidigungsfall Verstärkung aus dem Westen schnell in den Ostseeraum bringen.“

Schweden rüstet auf, Norwegen kauft Panzer aus Deutschland und baut U-Boote

Norwegens Verteidigungsminister Bjørn Arild Gram (Mitte) mit Vertretern von KNDS und Ritek: Im Juni hat das Land einen Vertrag unterschrieben, Ritek montiert deutsche Leopard-Panzer in Norwegen.

Die Bereitschaft dazu scheint in Skandinavien gegeben: Schweden rüstet seit dem NATO-Beitritt kräftig auf, hat erst in diesen Tagen eine Broschüre für Zivilschutz ausgegeben, um die Bevölkerung auf die neue Bedrohungslage hinzuweisen. Norwegen wiederum hat die Ausgaben für Verteidigung drastisch erhöht, baut gemeinsam mit dem deutschen Unternehmen TKMS U-Boote und hat im Juni 54 Leopard-Panzer beim deutschen Rüstungskonzerns KNDS gekauft. Und Finnland hat seine Verteidigungsbereitschaft auch nach dem Ende des Kalten Kriegs ohnehin nie aufgegeben.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

Kommentare