VonStefan Schollschließen
Der Kreml-Chef verlangt einmal mehr die Schaffung von „Sicherheitszonen“ im ukrainischen Grenzgebiet. Deren militärischer Wert ist fraglich.
Wladimir Putins Gesicht war ernst bis zur Feierlichkeit, als er am Donnerstag dem russischen Kabinett verkündete, man habe entschieden, eine Pufferzone entlang der ukrainischen Grenze einzurichten. „Unsere Streitkräfte sind dabei, diese Aufgabe zu lösen, sie unterdrücken die Feuerstellungen des Gegners aktiv“, sagte Russlands Präsident. „Es wird gearbeitet.“
Putin warf dabei der Ukraine vor, mit Artillerie und Kampfdrohnen vor allem zivile Ziele in der russischen Grenzregion Kursk zu attackieren. Am Mittwoch hatte Putin Kursk besucht, dort bat ihn der Vorsitzende des Landkreises Gluschkowo vor laufenden Kameras um die Einrichtung eines solchen „sanitären“ Streifens in der nordostukrainischen Region Sumi. Was dessen Breite angehe, solle man zumindest die Gebietshauptstadt Sumi einnehmen, gab Putin an.
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Sumi liegt 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Putin selbst konkretisierte die Tiefe der zu erobernden Pufferzone nicht, sagte aber, jetzt bedürften die frontnahen Regionen Kursk, Belgorod und Brjansk „zusätzlicher Unterstützung.“ Moskauer Medien gehen davon aus, dass Putins Truppen die gegenüberliegenden ukrainischen Regionen Charkiw, Sumy und Tschernihiw als Puffer teilbesetzen sollen. Laut mehreren russischen Militärexperten bis zu einer Tiefe von 50 Kilometern.
Auf ukrainischer Seite betrachtet man Putins Ankündigung als wenig seriös. Laut dem Portal „RBK Ukraina“ hat der russische Staatschef seit Juni 2023 schon achtmal die Schaffung von Puffer- oder Sicherheitszonen angekündigt. Jetzt vermuten Militärexpert:innen in Kiew und im Westen, Putin verkaufe bereits laufende regionale Angriffe gegen Charkiw und Sumy als Fürsorge für die eigene Grenzbevölkerung.
Tatsächlich handele es sich um Ablenkungsmanöver für die kaum vorankommende russische Daueroffensive gegen das ukrainische Ballungsgebiet Kramatorsk im Donbass. „Sicher sinkt die Gefahr feindlicher Kommandounternehmen auf deinem Territorium, wenn du deine Front vorschiebst“, sagt der israelische Militärexperte David Scharp dem russischen Exil-Kanal „TV Doschd“, „ebenso die Wirkung der feindlichen Artillerie“. Aber offenbar setze Putin weiter auf Abnutzungskämpfe in der Hoffnung, der Feind verschleiße seine Kräfte zuerst.
Außerdem startet Kiew längst massiv Fernkampfdrohnen, auch die ersten eigenen Mittelstreckenraketen, um russische Munitionsarsenale, Raffinerien und sowieso Moskau und Umgebung selbst anzugreifen. Der ukrainische Ex-Oberkommandierende Walerij Saluschnyj sagte erst am Freitag, die Ukraine könne nur siegen, wenn es mit Hilfe eines Hightech-Kriegs gelänge, das militärwirtschaftliche Potenzial Russlands entscheidend zu schwächen.
Auf der Gegenseite fordert man die Sicherheitszone, wie üblich in alarmistischem und zugleich triumphalistischem Ton. „Jetzt sehen wir faktisch jede Nacht, dass Hunderte Drohnen Rostow, Rjasan oder Moskau angreifen“, so der Z-Blogger Michail Onufrijenko im Sender „Radio Sputnik“ über den ukrainischen Beschuss. „Da können wir unsere Pufferzone so lange vorschieben, bis wir irgendwo in der Westukraine auf die Streitkräfte Polens stoßen.“
Der vereinbarte große Gefangenenaustausch zwischen Russland und der Ukraine mit jeweils 1000 Soldaten hat indessen nach ukrainischen Medienberichten begonnen. Sie beriefen sich dabei auf Quellen in den zuständigen Stellen. Wegen der hohen Zahl an Kriegsgefangenen werde der Austausch drei Tage dauern, berichtete „RBK Ukraine“. Offizielle Bestätigungen oder aktuelle Bilder gab es zunächst nicht.
Der bislang größte Austausch in mehr als drei Jahren des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine war vergangene Woche in Istanbul vereinbart worden, als einziges Ergebnis der ersten direkten Gespräche seit 2022, auf die vor allem US-Präsident Donald Trump gedrängt hatte. Seitdem tauschten beide Seiten Namenslisten aus und trafen Vorbereitungen.
