Doppelte Überraschung möglich

„Erst wenn sie ganz fest im Sattel sitzen“: Was planen Marine Le Pens Rechte bei einem Frankreich-Wahlsieg?

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Marine Le Pen gibt sich präsidentiell – Giorgia Meloni könne ein Vorbild sein, meint Expertin Ronja Kempin. Doch auf Sicht wäre ein neuer Kurs möglich.

Die Rechtsaußen sind in Europa auf dem Vormarsch. Das zeigen Umfragen schon seit langem, das hat die Europa-Wahl bestätigt – und die Parlamentswahl in Frankreich dürfte den nächsten Beleg liefern. Der von Präsident Emmanuel Macron hastig vorgezogene Urnengang könnte sogar besonders greifbare Konsequenzen haben: Eine Mehrheit für Marine Le Pens hart rechtes Rassemblement National (RN) scheint greifbar. Fast sicher scheint nach den Ergebnissen der ersten Wahl-Runde, dass Macron seine Mehrheitsoptionen verliert.

Wie aber werden Le Pen und ihr Kronprinz Jordan Bardella auftreten, wenn es bei der Stichwahl am Sonntag (7. Juli) tatsächlich so weit kommt? Frankreich-Expertin Ronja Kempin von der Stiftung Wissenschaft und Politik hält Überraschungen für möglich, wie sie IPPEN.MEDIA erklärt. Zunächst in den Wochen nach der Wahl – dann aber auch in unliebsamer Form in der weiteren Zukunft. Allerdings gelte: Le Pen bleibe schwer ausrechenbar.

Wahl vom Sonntag eine „Zwischenetappe“ für Le Pen in Frankreich

„Ich denke, wir werden uns eher darüber wundern, wie anpassungsfähig sich das Rassemblement geben wird“, sagt die Politikwissenschaftlerin mit Blick auf die Zeit nach der Frankreich-Wahl. Eine „disruptive“, also umwälzende, Politik sei nicht unmittelbar zu erwarten. Denn für das RN sei die Parlamentswahl eher eine „Zwischenetappe“.

Marine Le Pen und ihr politischer Ziehsohn Jordan Bardella Anfang Juni im Wahlkampf.

„Natürlich wollen sie die Wahlen gewinnen, den Premierminister und eine Regierung stellen. Aber sie wollen die Zeit nutzen, damit Marine Le Pen 2027 in den Elysée-Palast einziehen und Präsidentin werden kann“, erläutert Kempin. Das Rassemblement werde „erstmal nicht verschrecken wollen, es wird erstmal Sicherheit bieten wollen im Land selber und im Ausland – ein bisschen so, wie Giorgia Meloni das macht“. Italiens postfaschistische Ministerpräsidentin gibt sich jedenfalls in Europa kompromissbereit. Und hat so auch schon Anschluss bei den EU-Spitzen gefunden. Anders als Le Pens Partei.

Vorerst werde es um „Akzente“ gegen Macron gehen: Womöglich auch darum, „den Präsidenten vorzuführen und auflaufen zu lassen, um sich der eigenen Wählerschaft als stark und erfolgreich präsentieren zu können“. Der „große Bruch“ werde ausbleiben, meint Kempin. Er könne aber später folgen. Bereits nach der Stichwahl mehrten sich bedenklich stimmende Berichte über RN-Kandidaten.

Marine Le Pen hat „sehr genaues Gespür, was politisch opportun ist“

„Erst wenn sie ganz fest im Sattel sitzen, werden sie wahrscheinlich anfangen, zumindest innenpolitisch den Staat umzubauen. Das ist ein Vorgehen, das wir aus anderen Ländern kennen“, erläutert die Expertin. Beispiele könnten sich womöglich in Osteuropa finden: in Viktor Orbáns Ungarn, oder auch in Polen, wo die nationalkonservative PiS das Justizsystem zu ihrem Nutzen umgestaltete.

Schon seit längerer Zeit gibt sich auch Le Pen salonfähig: Das aggressive „Front“ im Parteinamen wich schon 2018 dem versöhnlicher klingenden „Rassemblement“, zu deutsch „Zusammenschluss“. Forderungen nach Austritt aus EU und den NATO- verschwanden aus dem Programm der Partei. Und in Europa ging Le Pens RN auf Distanz zu den härtesten der Rechtsaußen – namentlich der AfD. Kempin sieht einen gewissen Opportunismus hinter dieser Linie.

Man müsse Marine Le Pen „als eine Politikerin sehen, die ein sehr genaues Gespür dafür hat, was politisch opportun ist, was nötig ist, um sich immer wieder anschlussfähig an einen gewissen politischen Mainstream zu bleiben“, sagt die Frankreich-Kennerin. „Es geht wohl darum, nicht von vorneherein zu viel Porzellan zu zerschlagen, sondern sich alle Türen offenzuhalten.“ Zum Griff nach dem mächtigen Präsidentenamt gehört auch in Frankreich Anschlussfähigkeit an die Mitte.

Le Pens irritierendes Verhältnis zu Russland: Kredit angeblich zurückgezahlt

Auch von Russland hat sich Le Pen mittlerweile – jedenfalls öffentlich – etwas gelöst. Lange schienen die Bande zu Wladimir Putin eng. Ein äußerst kritisch beäugtes Darlehen einer russischen Bank an die Partei aus dem Jahr 2014 sei zurückgezahlt, versicherte Le Pen im September 2023. Und mit Blick auf Russlands Überfall auf die Ukraine spreche Le Pen zwar nicht von einem „Krieg“, betont Kempin. Allerdings verurteile die Rechte „den Angriff Russlands gegen die territoriale Souveränität der Ukraine“.

Marine Le Pen hat Frankreich-Wahl 2027 im Blick – trotz Ausschluss

Frankreich: Rassemblement National von Marine Le Pen.
In Frankreich ist der Rassemblement National unter Marine Le Pen (im Bild) in den vergangenen Jahren zu einer führenden Kraft aufgestiegen. So feierte der RN bei der Europawahl 2024 einen klaren Erfolg.  © François Lo Presti/afp
Europawahl - Frankreich
Das starke Ergebnis der rechtsnationalen Partei veranlasste den amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron anschließend dazu, das Parlament aufzulösen.  © Ludovic Marin/dpa
Jean-Marie Le Pen
Die Geschichte des Rassemblement National begann Anfang der Siebziger. Am 5. Oktober 1972 gründeten Jean-Marie Le Pen (hier eine Aufnahme von 2022) und Pierre Bousquet die rechtsextreme Splittergruppe Front National.  © Joel Saget/afp
1. Mai in Paris
Der 1928 geborene Le Pen (hier ein Bild von 2017) tat sich früh als Demagoge hervor, der mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilt wurde und den Holocaust als ein „Detail der Geschichte“ abtat. Bousquet (1919 bis 1991) war ein ehemaliger Kollaborateur, der als Rottenführer in der Waffen-SS gedient hatte. Fremdenfeindliche Parolen waren über viele Jahre Markenzeichen der Partei. © Thibault Camus/dpa
Jean-Marie Le Pen
In den 1980er Jahren wurde der FN bei zwei Parlamentswahlen hintereinander mit mindestens einem Abgeordneten in die Nationalversammlung gewählt. Der Durchbruch gelang im Jahr 2002, als Jean-Marie Le Pen als Zweitplatzierter aus der ersten Runde der Präsidentschaftswahl hervorging.  © Joel Saget/afp
Le Pen
Es kam zur Stichwahl, die der amtierende Präsident Jacques Chirac deutlich gewann. Fünf Jahre später verlor Le Pen viele Stimmen und schied im ersten Wahlgang aus.  © Joel Saget/AFP
Marine Le Pen
Einen großen Einschnitt gab es im Januar 2011. Der FN ging nach einem Führungswechsel andere Wege. Die neue Parteivorsitzende trug allerdings einen bekannten Namen: Marine Le Pen. Die studierte Juristin kam 1968 nahe Paris als jüngste Tochter Jean-Marie Le Pens zur Welt.  © Bernard Patrick/Imago
Marine Le Pen/dpa
Mit acht Jahren wurde sie von einer Bombenexplosion aus dem Schlaf gerissen – es handelte sich um einen Anschlag auf ihren Vater. Die Mutter dreier Kinder arbeitete als Anwältin und führte zunächst die Rechtsabteilung der Front National. Ihre zwei Ehen gingen auseinander. © Pascal Pavani
Jean-Marie Le Pen
Marine Le Pen bemüht sich seither, der einst radikal rechten Partei einen moderateren Anstrich zu verpassen. Das ging mit einer Entmachtung ihres Vaters einher.  © Kenzo Tribouillard/afp
Le Pen
Im April und Mai 2015 eskalierten die schon länger bestehenden Spannungen zwischen der Parteivorsitzenden und ihrem Vater. Am 20. August 2015 wurde Jean-Marie Le Pen wegen „schwerer Verfehlungen“ aus der Partei ausgeschlossen.  © Kenzo Tribouillard/AFP
Le Pen Bannon
Anderseits suchte Le Pen im Jahr 2018 die Nähe des früheren Trump-Beraters Steve Bannon. Damals firmierte die rechtsextreme Partei noch unter dem Namen Front National. Später verpasste Le Pen ihr aber einen neuen Namen: Seither ist die Partei als Rasseblement National bekannt. © Philippe Huguen/AFP
Marine Le Pen
Seither ist es Marine Le Pen gelungen, aus der Schmuddelecke zu kommen und sich als staatstragende Politikerin zu inszenieren. Ihre Strategie ist als „Dédiabolisation“ (Entteufelung) bekannt.  © Francois Nascimbeni/AFP
Marine Le Pen
Le Pen verbannte das alte rassistische Vokabular und gibt mittlerweile eher bedachte Worte von sich. Le Pens Kurs hat , in den vergangenen Jahren bis in die bürgerliche Mitte hinein wählbar gemacht.  © Thomas Samson/afp
Marine Le Pen
Die dreimalige Präsidentschaftskandidatin drängte zwar offenen Rassismus zurück, vertritt aber weiter radikale Positionen gegen Einwanderung. Ihre Vorstellungen für Frankreich bleiben auch heute noch deutlich rechts und nationalistisch.  © Ali Al-Daher/AFP
Olga Givernet
Zudem zeigen Studienergebnisse, dass im RN der Antisemitismus noch immer weit verbreitet ist. Die Renaissance-Parlamentarierin Olga Givernet (im Bild) reagierte entsprechend: „Der RN hat ein sauberes Schaufenster, aber die Küche dahinter ist immer noch schmutzig wie eh.“ © Niviere David/Imago
Marine Le Pen mit André Ventura und Tino Chrupalla
In ihrem Bemühen um Salonfähigkeit hat sich Marine Le Pen auch von der deutschen AfD abgegrenzt. Die gilt selbst für RN-Leute als zu extremistisch. Im November 2023 war das noch anders: Beim Treffen rechter Gruppen in Lissabon stand sie noch in einer Reihe neben dem portugiesischen Chega-Politiker André Ventura (Mitte) und AfD-Co-Chef Tino Chrupalla. © Paulo Spranger/Imago
Le Pen zu Besuch bei Putin
Zum Ukraine-Krieg vertreten RN und AfD hingegen nach wie vor sehr ähnliche Positionen. So lehnt Marine Le Pen jegliche Wirtschaftssanktionen gegen das Russland von Präsident Wladmir Putin ab. © Mikhail Klimentyev/dpa
Gabriel Attal
Waffenlieferungen für die Ukraine bedeuten für Le Pen das „Risiko eines dritten Weltkriegs“. Premierminister Gabriel Attal (im Bild) konterte in einer Ukraine-Debatte im Februar 2024: „Wenn Sie 2022 gewählt worden wären, würden wir heute Waffen nach Russland liefern, um die Ukrainer zu zermalmen.“  © Ludovic Marin/afp
Marine Le Pen und Wladimir Putin
Tatsächlich stand in Le Pens Präsidentschaftsprogramm von 2022 der folgende Satz: „Ohne Furcht vor amerikanischen Sanktionen wird eine Allianz mit Russland in gewissen Themen angestrebt.“ Trotzdem wollte sich der RN im Wahlkampf ein wenig von Putin absetzen. Die Partei ließ damals 1,2 Millionen Wahlkampfplakate vernichten, die ein Bild von Marine Le Pen beim Händeschütteln mit Putin zeigten. © Emmanuel Dunand/afp
Marine Le Pen
Zu Russland hat sie dennoch ein wesentlich besseres Verhältnis als zu Deutschland. Die deutsch-französische Partnerschaft will sie rasch beenden. Zwischen Berlin und Paris bestehe eine „tiefe und unheilbare Differenz der Doktrinen“, heißt es in Le Pens Programm. Das Nato-Kommando würde sie nach einem Wahlsieg 2027 verlassen. An dessen Stelle wünscht sich Le Pen für Europa ein russisch-französisches Kommando. © Lou Benoist/afp
Emmanuel Macron
Ohnehin richtet sich der Blick in Frankreich schon längst auf die Präsidentschaftswahl 2027. Nach zwei Amtszeiten kann Emmanuel Macron, der Le Pen zweimal in der Stichwahl besiegte, nicht mehr antreten.  © Sebastien Dupuy/AFP
Marine Le Pen
Wer eine Chance gegen Le Pen hätte, ist unklar. Doch im März 2025 kam dann die vorläufige Wende: Wegen der Veruntreuung von EU-Geld schloss ein Gericht Le Pen verurteilt. Der umstrittenste Teil der Strafe ist, dass sie fünf Jahre lang nicht bei Wahlen antreten darf.  © Guillaume Souvant/afp
Protestkundgebung des Rassemblement National
Diese Strafe war sofort in Kraft getreten – anders als eine teils auf Bewährung ausgesetzte Haftstrafe und obwohl Le Pen gegen das Urteil Berufung einlegte. Das Berufungsgericht hat eine Entscheidung im Sommer 2026 ins Auge gefasst.  © Julien De Rosa/dpa
Marine Le Pen
Le Pen wandte sich dann an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Doch das Straßburger Gericht wies ihren Antrag, den gegen sie verhängten vorläufigen Ausschluss von Wahlen auszusetzen, einstimmig ab, da Le Pen keinerlei nicht wiedergutzumachende Beeinträchtigung drohe, die durch die Menschenrechtskonvention geschützt sei. © Lionel Bonaventure/AFP
Le Pen sieht Bardella als möglichen Präsidentschaftskandidat
Inzwischen hat Le Pen ihren politischen Ziehsohn Jordan Bardella aufgefordert, sich auf eine Kandidatur vorzubereiten – für den Fall, dass sie selbst nicht antreten kann. Noch ist aber offen, wen der RN bei der Präsidentschaftswahl 2027 ins Rennen schicken wird. Die Frage, wer in den ehrwürdigen Élysée-Palast einziehen wird, bleibt damit völlig offen.  © Michel Euler/dpa

Doch Le Pen und ihre Partei seien „schwer auf eine Position zu reduzieren“. Auswirkungen auf Ukraine-Hilfen, Nato und EU-Sicherheitspolitik scheinen möglich. Aktuell sage Le Pen, das RN werde Frankreichs Verpflichtungen einhalten. „Wenn sich morgen aber eine andere Gelegenheit ergibt, die interessanter erscheint, dann würde Marine Le Pen auch auf diese aufspringen“, warnt Kempin.

Vorerst sei vor allem eine teils unangenehme Auseinandersetzung mit Macron zu erwarten. Hier das RN, das Macron vorführen, dort der Präsident, der die Partei vor der Präsidentschaftswahl 2027 entzaubern will. Beide Seiten suchten in einer für Frankreich unbekannten Situation zunächst vor allem ihren eigenen Vorteil. Sollte Le Pen damit erfolgreich sein, könnte nach dieser Schicksalswahl der befürchtete „Bruch“ folgen – so scheint es jedenfalls. (fn)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Vincent Isore/IP3Press

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