VonSven Haubergschließen
Im Südchinesischen Meer geht Peking auf Konfrontationskurs mit den Philippinen. Im Mittelpunkt des Konflikts: ein Schiffswrack aus dem Zweiten Weltkrieg. Betroffen sind auch deutsche Interessen.
München – Man kann sich einen wahrscheinlicheren Ort für einen Showdown der Großmächte vorstellen als ein Schiffswrack aus dem Zweiten Weltkrieg, das irgendwo im Südchinesischen Meer vor sich hin rostet. Dennoch könnte sich an dem 1944 gebauten Panzerlandungsschiff „BRP Sierra Madre“ ein Konflikt zwischen China und den Philippinen verschärfen, der schon seit Jahrzehnten schwelt, weitgehend unbemerkt vom Rest der Welt. Und in den sich zunehmend auch die USA einmischen, einer der engsten Verbündeten der Philippinen.
Die Krise habe das Zeug zum bewaffneten Konflikt, glaubt der China-Experte Alexander Görlach. „Jederzeit kann ein Krieg gegen die Philippinen ausbrechen“, sagte Görlach, Senior Fellow am Carnegie Council for Ethics in International Affairs, zu IPPEN.MEDIA. Denn Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping verfolge das erklärte Ziel, die Region „unter chinesische Kontrolle zu bringen“. Dabei ignoriert Peking internationales Recht, geht bisweilen mit Gewalt gegen die philippinische Küstenwache vor – und strapaziert immer mehr auch die Geduld der USA.
Südchinesisches Meer: China beansprucht weite Teile für sich
Die Philippinen hatten die „BRP Sierra Madre“ 1999 auf einem vom Meer überspülten Atoll der Spratly-Inseln absichtlich auf Grund gesetzt. Seitdem harren dort ständig rund ein Dutzende philippinische Soldaten aus. Ihre wenig beneidenswerte Aufgabe: Durch ihre Präsenz auf dem Wrack sollen sie die Ansprüche unterstreichen, die die Regierung in Manila auf das Atoll erhebt. Die Spratly-Inseln liegen im Südchinesischen Meer, das Peking fast vollständig als Teil des eigenen Staatsgebiets betrachtet. Aber auch Taiwan, Malaysia, Vietnam, Brunei sowie die Philippinen beanspruchen das Meeresgebiet ganz oder teilweise. 2016 wies der Internationale Schiedsgerichtshof in Den Haag die chinesischen Ansprüche zurück; Peking ignoriert das Urteil allerdings bis heute.
Vor allem Peking und Manila geraten an den Spratly-Inseln immer wieder aneinander, zuletzt Anfang August, als die Küstenwache der Philippinen die Soldaten auf der „Sierra Madre“ mit Versorgungsgütern beliefern wollte. Chinas Küstenwache setzte daraufhin Wasserwerfer ein und verhinderte so die Versorgungsmission der Philippinen. Erst zwei Wochen später gelang es dem Land, seine Soldaten zu erreichen. Wieder habe China versucht, „zu blockieren, zu belästigen und sich einzumischen“, kritisierte die Regierung in Manila Mitte dieser Woche. China hingegen behauptete, man habe die Lieferung von Lebensmitteln „aus humanitären Gründen“ gestattet, obwohl die Philippinen „illegal“ in chinesische Hoheitsgewässer eingedrungen seien.
„Schwer vorstellbar, dass Washington den Philippinen im Falle eines Angriffs nicht helfen würde“
Bei dem Streit geht es weniger um die Inseln selbst, die unbewohnt und größtenteils unwirtlich sind. In der Region liegen ergiebige Fischgründe, zudem wurden hier große Öl- und Gasvorkommen entdeckt. Vor allem aber hat, wer das Südchinesische Meer kontrolliert, auch das Sagen über eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Durch diese Hauptschlagader der Weltwirtschaft wird – neben Rohstoffen für Chinas Wirtschaft – auch rund jeder dritte Schiffscontainer weltweit transportiert. China baut deshalb seit Jahren Militärhäfen und Landebahnen auf den Spratlys und anderen Inseln der Region.
Peking sieht sich zudem von der immer größer werdenden Präsenz der Amerikaner in der Region bedroht. Seit vor rund einem Jahr Ferdinand „Bongbong“ Marcos Jr. in den Präsidentenpalast in Manila gezogen ist, darf die ehemalige Kolonialmacht USA neun Stützpunkte des philippinischen Militärs nutzen, zuvor waren es nur fünf gewesen. Auch halten beide Länder verstärkt gemeinsame Militärmanöver ab. „Es ist schwer vorstellbar, dass Washington seinem Bündnispartner im Falle eines Angriffs nicht helfen würde“, sagt Experte Görlach. Tatsächlich sagte Washington seinen Verbündeten in Manila nach dem Vorfall bei der „Sierra Madre“ seine Unterstützung zu. Unklar ist, was die USA als „Angriff“ auf die Philippinen werten würden, also wo die roten Linien für Washington liegen.
Görlach zieht einen Vergleich zu Taiwan, der demokratisch regierten Inselrepublik nördlich der Philippinen, die China als abtrünnige Provinz betrachtet und notfalls mit Gewalt mit dem Festland vereinigen will. Auch hier befürchten Militärexperten, dass China sich das Land Stück für Stück einverleiben könnte, etwa, indem Pekings Volksbefreiungsarmee zunächst kleine taiwanische Inseln wie Kinmen besetzt. „Dies dann direkt in einen Weltkrieg zu eskalieren, so das Kalkül Pekings, wäre für die freie Welt schwierig“, sagt Görlach. Heißt: Der Westen würde wohl tatenlos zusehen, wie Peking langsam aber sicher Fakten schafft. „Dies würde sich nur dann in Windeseile ändern, sollten US-Truppen angegriffen werden“, glaubt Görlach.
Auch Deutschland hat Interessen im Südchinesischen Meer
Auch Deutschland hat sich längst in dem Konflikt positioniert. Andreas Pfaffernoschke, der neue deutsche Botschafter in Manila, sprach am Mittwoch im Fernsehsender CNN Philippines von einer „besorgniserregenden“ Entwicklung und unterstrich die Ansprüche der Regierung von Präsident „Bongbong“ Marcos Jr.: „Dieser Teil des Südchinesischen Meers ist die exklusive Wirtschaftszone der Philippinen.“ Deutschland habe den Philippinen bislang zwei Aufklärungsdrohnen geliefert, um die umstrittene Region zu überwachen; weitere sollten folgen. Das sei durchaus im Interesse der Bundesrepublik, so Pfaffernoschke: „Wir sind eine Handelsnation, wir hängen vom Welthandel ab und der Freiheit der Navigation überall auf der Welt, inklusive des Südchinesischen Meeres.“
China-Experte Görlach glaubt nicht, dass sich das Problem so einfach lösen lasse. „China möchte den Westpazifik, fertig“, sagt er. Zwar betone Peking immer wieder, dass es an einer friedlichen Lösung interessiert sei. Dies würde aber bedeuten, dass Taiwan sich aus eigenen Stücken der Volksrepublik anschließt und die Philippinen ihre Ansprüche im Südchinesischen Meer aufgeben. „Dies ist natürlich völlig unrealistisch“, sagt Görlach. „Aber Xi Jinping ist derzeit nicht der einzige Diktator auf dem Globus, der aufgrund eigener Allmachtsvermutung falsche Entscheidungen treffen könnte.“
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