VonSven Haubergschließen
Seit Jahrzehnten streitet China mit seinen Nachbarn über den Verlauf der gemeinsamen Grenzen. Wie brisant die Lage ist, machte zuletzt ein Vorfall im Südchinesischen Meer deutlich.
München – Die „BRP Sierra Madre“ wirkt wie die Kulisse eines Horrorfilms. Rost frisst sich durch die Haut des Schiffes, das die USA einst im Zweiten Weltkrieg für den Einsatz im Westpazifik bauten, im Inneren tropft es von der Decke. Kein Ort, an dem man sich länger als nötig aufhalten möchte. Und doch harren hier ständig rund ein Dutzend philippinische Soldaten aus, um die Ansprüche ihres Landes auf mehrere unbewohnte Inselchen mitten in Südchinesischen Meer zu verteidigen.
1999 hatten die Philippinen die „Sierra Madre“ am „Second Thomas Shoal“ auf Grund gesetzt, einem Atoll der Spratly-Inseln, rund 200 Kilometer westlich der Insel Palawan. Mit der ständigen Militärpräsenz auf dem Schiff will die Regierung in Manila ihre Ansprüche auf eine Region unterstreichen, die auch China für sich beansprucht und in der die Volksrepublik immer robuster auftritt. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen zwischen beiden Ländern, zuletzt Anfang August. Da blockierten Schiffe der chinesischen Küstenwache in unmittelbarer Nähe zur „Sierra Madre“ philippinische Schiffe und beschossen sie mit Wasserwerfern.
Die Spratly-Inseln und die „Sierra Madre“ sind nur ein Schauplatz von vielen, an denen China mit seinen Nachbarn aneinandergerät – mal mit Wasserwerfern, mal mit Knüppeln. Ein Überblick.
Brennpunkt Südchinesisches Meer: China auf Konfrontationskurs mit seinen Nachbarn
Das Südchinesische Meer ist eine der Hauptschlagadern der Weltwirtschaft, rund jeder dritte Schiffscontainer passiert diesen Teil des Pazifischen Ozeans. Auch Öl, Gas und viele Rohstoffe werden durch das Südchinesische Meer transportiert. Eine Blockade dieser strategisch wichtigen Region würde den Motor der Weltwirtschaft zum Stottern oder gar Erliegen bringen. Zudem wurden hier in den vergangenen Jahrzehnten große Rohstoffvorkommen entdeckt, und hier befinden sich reiche Fischgründe.
Auch im Falle eines chinesischen Angriffs auf Taiwan dürfte der Region eine entscheidende Bedeutung zukommen. Im Norden ihrer ehemaligen Kolonie Philippinen haben die USA Zugriff auf mehrere Militärbasen, von denen aus sie in den Konflikt eingreifen könnten.
Peking beansprucht fast das gesamte Südchinesische Meer für sich und beruft sich dabei auf angeblich historisch verbürgte Rechte. Die sogenannte Neun-Striche-Linie, die auf chinesischen Landkarten verzeichnet ist, markiert diese Gebietsansprüche. Allerdings erheben auch Taiwan (das von China als abtrünnige Provinz betrachtet wird) sowie Vietnam, Malaysia, Brunei und die Philippinen Anspruch auf Teile des Südchinesischen Meers.
Im Zentrum der Streitigkeiten stehen drei Inselgruppen: die Paracel-Inseln, die Spratly-Inseln sowie das Scarborough-Riff. Die Inseln sind größtenteils unbewohnt. Über ihre Kontrolle leiten die Anrainerstaaten allerdings ihre Gebietsansprüche ab, weswegen es immer wieder zu teils gewaltsamen Zusammenstößen auf offener See kommt. Der Internationale Schiedsgerichtshof in Den Haag wies Chinas Ansprüche 2016 zurück, allerdings ignoriert Peking das Urteil. Stattdessen baut China seine Stellungen auf den Inseln kontinuierlich aus, lässt Häfen und Rollfelder anlegen.
Vor allem auf den Philippinen, aber auch in Vietnam und in den USA, beobachtet man diese Entwicklung mit Sorge. Bei seinem unlängst angekündigten Vietnam-Besuch wird US-Präsident Joe Biden wohl auch den Konflikt mit China ansprechen.
China, Japan und Südkorea: Streit um ein paar Inselchen – und einen Felsen
Auch die Senkaku- beziehungsweise Diaoyu-Inseln sind unbewohnt. Dennoch ist die Frage, wem die Inselgruppe im Ostchinesischen Meer gehört, bis heute einer der größten Streitpunkte im Verhältnis zwischen China und Japan. Tokio kontrolliert die Inseln seit 2012, zuvor befanden sie sich in japanischem Privatbesitz. Die Regierungen in Peking und Taipeh sehen die Inseln hingegen als einen Teil Taiwans an. Denn schon im 16. Jahrhundert habe das chinesische Kaiserreich die Kontrolle über die Insel ausgeübt und sie erst nach einem verlorenen Krieg mit Japan Ende des 19. Jahrhunderts unfreiwillig abgetreten. Tokio weist diese Sichtweise zurück. Es gebe keine Hinweise darauf, dass China die Inseln vor dem Krieg 1894/95 kontrolliert habe, heißt es dazu aus Japan.
Nicht nur unbewohnt, sondern sogar unsichtbar ist der Socotra-Fels, der sich etwa auf halbem Weg zwischen China und Südkorea befindet. Weil der Felsen unter Wasser liegt und zudem mehr als zwölf Seemeilen entfernt von den Hoheitsgewässern Südkoreas oder Chinas, können ihn beide Staaten laut internationalem Recht eigentlich nicht für sich beanspruchen. Sie tun es dennoch, und seit 2003 betreibt Seoul sogar eine (meist unbesetzte) Forschungsstation auf dem vom Meer überspülten Felsen.
China und Indien: Mit Stöcken und Knüppeln entlang der „Line of Actual Control“
Mehr als 22.000 Kilometer Landesgrenze trennen China von seinen Nachbarstaaten. Keine davon ist derart umstritten wie die zu Indien, die sogenannte „Line of Actual Control“ (LAC). Diese de facto-Grenze zwischen den beiden Ländern im Himalaya-Gebirge wurde nie genau festgelegt, was Raum für viele Interpretationen gelassen hat. Beide Länder haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wo die Grenze verlaufen sollte, es kommt deshalb zu regelmäßigen militärischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Atommächten.
Die territorialen Ansprüche betreffen insbesondere Gebiete wie Aksai Chin und Arunachal Pradesh. China kontrolliert Aksai Chin, das ursprünglich zu Indien gehörte und bis heute von Neu-Delhi beansprucht wird. China wiederum beansprucht den indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh unter dem Namen Südtibet. Chinas Volksbefreiungsarmee hatte Tibet 1950 besetzt. Diese Gebiete haben strategische Bedeutung aufgrund ihrer geografischen Lage, Ressourcen und militärischen Potenziale. Im Jahr 1962 eskalierten die Grenzstreitigkeiten, es kam zu einem mehrwöchigen Krieg, der ohne nennenswerte Gebietsverschiebungen endete.
Auch in den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Scharmützeln an der Grenze. Im Sommer 2020 gingen in der schwer zugänglichen Gebirgsregion Ladakh Soldaten beider Seiten mit Knüppeln und Eisenstangen aufeinander los und bewarfen sich mit Felsbrocken. Dabei sollen, je nach Quelle, bis zu 60 Menschen ums Leben gekommen sein. Ein Jahr später wurden bei einem Zusammenstoß in der Region Sikkim, die zwischen Nepal und Bhutan liegt, mehrere Soldaten verletzt. Und Ende vergangenen Jahres führte das angebliche Eindringen chinesischer Soldaten in der Region Arunachal Pradesh zu mehreren Verletzten auf beiden Seiten. Alle Versuche, die Grenzstreitigkeiten diplomatisch zu lösen, sind bislang gescheitert.
