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12 Tipps, wie du „Slow Tourism“ und „Mindful Traveling“ im Urlaub umsetzt

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Nachhaltig unterwegs zu sein, bedeutet mehr als nur über CO₂-Ausstoß nachzudenken. Selbst bei der Wahl der Ferienfotos für Instagram gibt es laut Expert:innen einiges zu beachten.

Der Begriff „Slow Tourism“ fasst verschiedene Tendenzen und neue Formen des Reisens zusammen, zum Beispiel „Couch surfen“ oder die Urlaubsfahrt mit dem eigenen Camper. Sie alle haben gemeinsam, dass es dabei um langsameres und nachhaltigeres Reisen geht.

Auf den sozialen Plattformen zeigen Influencer:innen nicht nur Urlaubshacks, sondern verwenden seit einiger Zeit auch den Begriff „Mindful Traveling“, also gewissenhaftes Reisen. Hier spielt der moralische Aspekt eine große Rolle: Länder, die aufgrund ethischer oder politischer Umstände problematisch sind, sollte man laut dieser Philosophie als Urlaubsziel vermeiden.

Das nehmen sich bereits einige zu Herzen. Eine Umfrage des Buchungsportal HolidayCheck von 2022 zeigt, dass 68 Prozent der Deutschen Reisen in gewisse Länder aufgrund moralischer Bedenken ausschließen. An oberster Stelle der ausgeschlossenen Länder stand mit 30 Prozent Russland, an zweiter Stelle die Türkei mit 22 Prozent und China landete mit 15 Prozent auf dem dritten Platz.

Ein gemeinnütziger Verein in Basel fasst Slow Tourism und Mindful Traveling unter „faires Reisen“ zusammen. Vera Thaler, eine Mitarbeiterin von „fairunterwegs“, erklärt, was genau damit gemeint ist. „Es wird schon viel über nachhaltiges Reisen gesprochen. Das beinhaltet aber mehr, als nur nachhaltig gegenüber der Umwelt zu sein“. Laut der Expertin ist man erst dann wirklich fair unterwegs, wenn man nicht nur umweltfreundlich handelt, sondern auch gegenüber den Menschen, die am Reiseziel leben und in der Tourismusbranche tätig sind, ein korrektes Verhalten an den Tag legt. Wie konkret das geht, hat uns Thaler mit den fünf Do‘s und Don‘ts der „Glück-Formel“ erklärt.

Mit mehr „Glück“ nachhaltig unterwegs

Diese fünf Buchstaben sind leicht zu merken und stehen jeweils für eine Handlungsempfehlung im Sinne des Slow Tourism und Mindful Traveling. „Selbst wenn man sich nur einen Buchstaben rauspickt, kann das schon viel bewirken“, sagt Thaler.

  • G wie gemächlich
    Immer schön langsam und dazwischen einen Halt einlegen. Je langsamer du dich bewegst, desto mehr erlebst du. Wer zu Fuß, mit dem Tandem, dem Bus, der Fähre oder dem Zug unterwegs ist, führt Gespräche, die es in keinem Podcast gibt, entdeckt Orte, die noch niemand getaggt hat und stößt viel weniger CO₂ aus. Gemächlich unterwegs sein, heißt, sich Zeit lassen. Entsprechend bleibst du länger an einem Ort. Man erledigt wenige Sehenswürdigkeiten und hetzt nicht von einer Sehenswürdigkeit zur Nächsten.
  • L wie lokales bevorzugen
    Buche deine Übernachtungen bei familiengeführten Unterkünften, die den Menschen gehören, die dort leben. Kaufe bei Strandverkäuferinnen, Straßenhändler:innen und auf dem Markt anstatt bei internationalen Ketten ein und erstehe Produkte, Mitbringsel und Reiseandenken aus der Gegend und vom lokalen Handwerk.  
  • Ü wie Überraschungen ermöglichen
    Planlose Zeiten einplanen, eine kurze To-see-Liste, kein Instadauerposting oder vielleicht mal eine komplette Smartphone-Pause für einen Tag. Mach den Zufall zum Reiseführer: zum Beispiel immer rechts abbiegen und Hotspots links liegen lassen und die Hochsaison gleich auch. Schau dir das an, was wenige anschauen: die Nebenstraße oder das Ortsmuseum. Iss außerhalb des Hotels, im Restaurant in der zweiten Reihe, das auf keinem Portal bewertet ist. Durchbrich deine Erwartungen: Fass dir ein Herz und sprich mit den Leuten. Das heißt nicht, dass du dich nicht vorbereiten sollst. Die lokalen Gepflogenheiten zu kennen, schützt vor unangenehmen Überraschungen.   
  • C wie CO₂-Ausstoß und Ressourcenverbrauch reduzieren
    Achte auf sparsamen Umgang mit den Ressourcen, wie zum Beispiel Wasser. Wenn du viel CO₂ durch deinen Trip verbrauchst, erkundige dich über Kompensations-Angebote.
  • K wie korrekten Preis bezahlen
    Eigentlich hast du es im Gefühl, wenn ein Preis nicht stimmt. Sterne-Hotel mit Frühstückbuffet und Flug nach Korfu für 555 Euro? Da zahlt jemand drauf: das Personal, die Umwelt oder die öffentliche Hand. Zu billig ist prinzipiell verdächtig.  

Allein damit ist es aber noch nicht getan. Denn aus der guten Absicht vieler Reisenden haben unseriöse Anbieter ein Geschäftsmodell entwickelt. Besonders bei angeblichen Nachhaltigkeitssiegeln und Kompensations-Optionen sollte man besser zweimal hinschauen.

Nicht im grünen Label-Dschungel verloren gehen

„Im Tourismus herrscht ein ziemliches Label-Wirr-Warr“, sagt Thaler. Manche Anbieter beziehen sich mit ihrem Nachhaltigkeitslabel nur auf den Schutz der Umwelt, andere auch auf wirtschaftliche und soziale Aspekte. Bei einigen Gütesiegeln müssen sich Anbieter strengen externen Kontrollen unterziehen, andere geben sich die Labels einfach selbst. Für Verbraucher:innen sei es schwer bis unmöglich, sich in diesem Dschungel zurechtzufinden. Deswegen hat fairunterwegs einen Label-Guide veröffentlicht, der Reisenden als Orientierung dienen soll. Hier werden Nachhaltigkeit und Glaubwürdigkeit mit Punkten bewertet.

Gewissenhaftes und nachhaltiges Reisen

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Nicht auf falsche CO₂-Kompensations-Angebote hereinfallen

Bei vielen Flug- oder Reiseanbietern bekommen Kund:innen die Möglichkeit, ihren CO₂-Ausstoß zu berechnen und anschließend durch einen extra Betrag zu kompensieren. „Die Kompensation ist wichtig, aber nur als Zwischenlösung“, sagt Thaler. „ Denn das allein wird uns nicht vor der Klimakrise bewahren.“ Wer aber kompensieren möchte, sollte auf den Preis achten. Oft werde der Fehler gemacht, sich von unverhältnismäßigen Beträgen täuschen zu lassen.

So komme es immer wieder komme es vor, dass man für zwei Euro extra seinen CO₂-Ausstoß angeblich kompensieren könne, das sei aber „eine völlig falsche Rechnung“, sagt Thaler. Ein korrekter Preis, um seinen eigenen Verbrauch zu kompensieren und mit der Investition in ein nachhaltiges Projekt etwas zu bewirken, sei etwa 25 bis 30 Euro pro CO₂-Tonne.

Im Zweifelsfall kann man auch Bewertungen von externen Anbietern überprüfen. Fairunterwegs empfiehlt die Kompensationsanbieter „Klima Kollekte“ oder „atmosfair“. Allgemein gilt: Alle Anbieter sollten sich an die sogenannten Goldstandards halten, das hat auch eine Expertin des Deutschen Reiseverbands im Interview bestätigt.

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Verantwortung bis zum letzten Klick: faire Ferienfotos für Social Media

Auch beim Fotografieren kannst du ein paar Dinge beachten

Meistens ist das Smartphone schon gezückt, bevor man überhaupt am Reiseziel angekommen ist. Wer es aber wirklich ernst meint mit dem gewissenhaften Reisen, sollte vor dem Hochladen der nächsten Story kurz innehalten und diese sieben Punkte überprüfen.

  • Lokale Regelungen und Umgangsformen abklären
    In einigen Ländern gilt die sogenannte Panoramafreiheit. Das bedeutet, dass ein öffentlich zugängliches Werk fotografiert und die Fotos veröffentlicht werden dürfen. In anderen Ländern gilt dieses Recht nicht oder nur bedingt. Informiere dich deshalb vor deiner Reise über die lokalen Gegebenheiten. Erkundige dich insbesondere bei religiösen Stätten, Tempeln, Flughäfen und Hafengebieten, ob das Fotografieren erlaubt ist. Informationen dazu findest du bei lokalen Tourismusbüros oder auch beim Auswärtigen Amt.  
  • Einverständnis einholen
    Wenn du Personen fotografieren möchtest, frage sie um Erlaubnis und gib ihnen die Möglichkeit zu entscheiden, ob das Bild gelöscht werden soll oder nicht. Erkundige dich, ob du das Bild auf Social Media teilen darfst. Wenn du ein Foto mit Kindern machst, hole zusätzlich das Einverständnis der Erziehungsberechtigten ein. 
  • Würde deines Gegenübers bewahren
    Bevor du ein Foto von fremden Personen machst oder auf Social Media teilst, überlege dir, ob du damit einverstanden wärst, so abgebildet zu werden. Vermeide beim Fotografieren intime Situationen wie Abdankungen und sensible Orte wie Rotlichtviertel, Krankenhäuser oder Slums. Auch Fotos von nackten Kindern sind tabu. 
  • Keine Stereotype und Klischees verbreiten
    Mit deinen Fotos, Bildunterschriften und Hashtags kannst du Vorurteile und Stereotypen bestätigen – oder sie mit neuen Perspektiven herausfordern. Überlege dir, welches Bild du von deinem Reiseland und der lokalen Bevölkerung vermittelst. Verallgemeinerungen, neokoloniale Klischees und selbsternannte Held:innen und Retter:innen der lokalen Bevölkerung gibt es schon genug. 
  • Offen für echte Begegnungen sein
    Biete den Porträtierten an, das Bild mit ihnen zu teilen. Sei offen für ein spontanes Gespräch, wenn es sich ergibt. Sei aber auch aufmerksam genug, um zu merken, wenn dein Gegenüber nicht an einem Kontakt interessiert ist. Lege den Fotoapparat oder das Handy auch mal weg und lass dich ganz auf echte Begegnungen ein. 
  • Wildtiere nur vorsichtig fotografieren 
    Ob Eisbären in der Arktis, Elefanten in der Savanne oder seltene Vögel in deiner Heimat: Wildtiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu fotografieren ist spannend, herausfordernd, überraschend und oft sehr berührend. Beachte aber, dass auch sie einen respektvollen Umgang verdienen. Oberstes Credo: „do no harm“! Halte genügend Abstand, verzichte auf Blitzlicht, beachte Brutzeiten, Wildschutzzonen und trete bei Stressanzeichen oder Verhaltensänderungen den Rückweg an. 
  • Geheimnisse bewahren  
    In den sozialen Netzwerken finden sich jede Menge Urlaubsfotos und Reisemotive. Zunächst geheime Orte werden aber nach jedem Foto von weiteren unzähligen Reisenden besucht, die ebenfalls auf der Suche nach dem perfekten Schnappschuss sind. Überlege es dir vielleicht noch einmal, bevor du dein nächstes Motiv mit einer Ortsmarkierung teilst. Ob in Berlin, Bali oder Barcelona – behalte deine Lieblingsplätze und Geheimtipps auch mal für dich, damit schützt du nicht nur dein Geheimnis, sondern auch die Umwelt. 

Kurios: Das Respektieren der lokalen Etikette und ein besonders gewissenhafter Umgang mit dem eigenen Müll ist eigentlich nichts Neues. Doch die Verfehlungen dieser Tourist:innen zeigen, dass das noch nicht alle verstanden haben.

Rubriklistenbild: © Pond5/IMAGO

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