„Leider unrealistisch“

Söder mit Punktsieg: SPD-Politiker knicken beim Verbrenner-Aus ein

  • schließen

Mehr und mehr SPD-Politiker zweifeln das geplante Verbot von Verbrennungsmotoren ab 2035 an. Von der Leyen kündigt eine vorgezogene Überprüfung an.

Berlin – Die Debatte über das geplante EU-weite Verbot von Verbrennermotoren ab 2035 spaltet zunehmend die SPD. Nach monatelanger Kritik aus Union und FDP formiert sich nun auch in den Reihen der Sozialdemokraten Widerstand gegen die europäischen Klimavorgaben. Mehrere prominente SPD-Politiker stellen das Ziel, ab 2035 nur noch reine Elektroautos neu zuzulassen, offen infrage.

Von Audi bis Jaguar: Diese Autos wurden 2024 bereits eingestellt

Renault Megane in Blau
Renault Mégane: Seit knapp 30 Jahren bauen die Franzosen den Kompaktwagen. Er ist damit ein absoluter Dauerbrenner. Doch für den Verbrenner ist nun Schluss! Die elektrische Version mit dem Namenszusatz E-Tech darf jedoch weiterleben. © Renault
Ein Renault Zoe.
Renault Zoe: Obwohl der Kleinwagen rein elektrisch unterwegs ist, sind seine Tage nach knapp zehn Jahren gezählt. Damals war der Zoe eines der ersten elektrischen Massenmodelle. In seine Fußstapfen tritt Ende des Jahres der 5. Damit verabschiedet Renault ein Modell und holt den Namen eines anderen sehr erfolgreichen Pkw wieder zurück. © Renault
Kia e-Soul.
Kia e-Soul: Und auch ein weiterer Wegbereiter der Elektromobilität verschwindet vom deutschen Markt. Und auch hier füllt ein anderes Modell die Lücke. Der Kia EV3 soll den e-Soul beerben. Die Gründe liegen auf der Hand: Der EV3 ist günstiger und bietet mehr Leistung als der e-Soul. Mit der veralteten Technologie und dem unkonventionellen Design war der e-Soul in Deutschland nie besonders beliebt. 2023 wurden lediglich 556 Einheiten in Deutschland verkauft. © Kia
Smart ForTwo EQ.
Smart ForTwo EQ: Der Abschied des Kleinstwagen kommt alles andere als unvorbereitet. Er ist die Folge der Neuausrichtung der Marke an sich. Nach 25 Jahren ist seit Ende März endgültig Schluss. Ein neuer Zweisitzer ist aber in Planung und könnte 2026 auf den Markt kommen. © Mercedes-Benz
Mitsubishi Space Star.
Mitsubishi Space Star: Mit dem Japaner stirbt ein weiterer Kleinwagen den Modelltod. Mitsubishi begründet das Aus des Space Star mit steigenden Anforderungen an Assistenzsysteme und Cybersicherheit. © Mitsubishi
Volvo S60
Volvo S60: Ein kompletter Abschied ist das eigentlich nicht. Denn der S60 soll ab 2025 in China und der Türkei weiter angeboten und gebaut werden. In Deutschland ist er dann jedoch nicht mehr erhältlich. Der Kombi V60 hingegen vermutlich schon. © Volvo
Ein Peugeot 508 Hybrid lädt an einer Wallbox
Peugeot 508: Und auch bei den Franzosen muss ein Mittelklassemodell gehen. Mit dem 508 trat Peugeot gegen den VW Passat und den Audi A4 an. Anfang 2023 spendierte man dem 508 noch einmal ein Facelift. Hier erwischt es neben der Limousine aber auch den Kombi. Diese gibt es schon jetzt nur noch als Plug-in-Hybride. Ende des Jahres ist dann Schluss. © Peugeot
Maserati Levante
Maserati Levante: Im Jahr 2016 war der Levante der erste SUV der Nobelmarke aus Italien. Sieben Jahre später heißt es frei nach Andrea Bocelli: Time to say Goodbye. Die Produktion lief bereits im März aus. Einen Nachfolger soll es ab 2027 geben. Natürlich rein elektrisch! © Maserati
Ein Jaguar F-Type.
Jaguar F-Type: Mit einem finalen Sondermodell schicken die Briten den Sportwagen in seinen wohlverdienten Ruhestand. Das letzte Exemplar wird im Markenmuseum ausgestellt. Doch auch andere Modellreihen werden nur noch abverkauft. Jaguar stellt nämlich konsequent auf Elektro um und verkauft vorerst keine Neuwagen mehr. © Jaguar
Audi R8
Audi R8: Sportwagen kann man auch in Ingolstadt. Das hat Audi mehrfach beweisen und mit dem R8 im GT-Bereich zahlreiche Rennen und Titel gewonnen. Und auch auf der normalen Straße war der Sportwagen eine Ikone. Im März 2024 verließen die letzten Exemplare die Manufaktur Böllinger Höfe in Heilbronn. Insgesamt wurde der R8 seit 2006 45.949 Mal gebaut.  © Audi

„Wir müssen uns ehrlich machen: die europäischen Ziele sind für die Automobilindustrie momentan in weiter Ferne“, sagte Esra Limbacher, Sprecher des konservativen „Seeheimer Kreises“ der SPD-Fraktion, gegenüber dem Spiegel. Die Automobil- und Zulieferindustrie sei für Deutschland zu wichtig, um sie mit ihren Herausforderungen allein zu lassen. Limbacher forderte zudem mehr Flexibilität und Pragmatismus bei Flottengrenzwerten und Strafzahlungen.

SPD-Ministerpräsidenten zweifeln an EU-Verbrenner-Aus 2035 an: „Leider unrealistisch“

Unterstützung erhält Limbacher von seinem SPD-Fraktionskollegen Andreas Schwarz, der ebenfalls mehr Technologieoffenheit verlangt. Zulieferbetriebe in seinem Wahlkreis wünschten sich genau das, und zwar „weil der Staat nicht der bessere Ingenieur in Technikfragen ist“, erklärte Schwarz dem Spiegel.

Besonders deutlich wird der Kurswechsel bei den Ministerpräsidenten der SPD. Niedersachsens Regierungschef Olaf Lies bezeichnete das Ziel, ab 2035 ausschließlich reine Elektroautos zu verkaufen, in einem internen Papier als „leider unrealistisch“, wie der NDR berichtet. Das Dokument entstand demnach in enger Abstimmung mit der saarländischen Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD).

Markus Söder (CSU) fährt im Klimastreit einen Punktsieg ein: SPD-Abgeordnete knicken beim Verbrenner-Aus ein.

In dem Papier werde gefordert, dass Plug-in-Hybride und Fahrzeuge mit Range-Extender auch über 2035 hinaus zugelassen werden dürfen. „Wir brauchen eine geeinte Position Deutschlands, die der Bund dann bei der EU einbringt, mit einem Gleitpfad für die Flottengrenzwerte“, sagte Niedersachdens Landeschef Lies auch laut Radio Osnabrück.

Verbrenner-Aus 2035 „nicht vom Himmel gefallen“: SPD-Spitzen warnen vor Planungsunsicherheit

Für CSU-Chef Markus Söder wäre eine Kursänderung der SPD ein Sieg auf dem politischen Spielfeld. Erst zur IAA-Eröffnung hatte er seine Haltung zu den EU-Vorschriften für 2035 deutlich gemacht: „Dieses Verbrennerverbot ist falsch“, sagte er dort. Auch wenn sich langfristig wohl die Elektromobilität durchsetzen werde, brauche es mehr Zeit, um dies in Europa zu organisieren.

Doch nicht alle Sozialdemokraten folgen diesem Kurs. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch warnt: „Was wir nicht gebrauchen können, ist Planungsunsicherheit“, sagte er laut Tagesschau. Das Ablaufdatum für Verbrennermotoren im Jahr 2035 sei „nicht vom Himmel gefallen“, sondern füge sich in das System der deutschen und europäischen Klimaziele ein. Die Emissionsziele im Verkehrssektor würden bereits jetzt verfehlt, was für Deutschland EU-Strafzahlungen in Milliardenhöhe bedeuten könne.

Auch der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Armand Zorn warnte am Dienstag (16. September) in Berlin vor einer Rolle rückwärts: „Wer den Ausstieg aus dem fossilen Verbrenner infrage stellt, mag kurzfristig Beifall erhalten, gefährdet aber die langfristige Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes und verunsichert die Wirtschaft“.

„Die Bedenken der Industrie gehört“: EU-Kommission zieht Prüfung von Verbrenner-Verbot vor

Parallel zu den deutschen Diskussionen hat die EU-Kommission auf den wachsenden Druck reagiert. Nach einem Treffen mit Vertretern der Autoindustrie kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen laut dem Tagesspiegel an, die ursprünglich für 2026 geplante Überprüfung des Verbrenner-Verbots vorzuziehen. Von der Leyen betonte, sie habe „die Bedenken der Industrie gehört“ und „entsprechende Flexibilität zugesichert“.

Angesichts des technologischen Wandels und geopolitischer Umwälzungen könne es kein „Weiter so“ geben. Die Automobilindustrie begrüßt die Entwicklungen, mahnt aber weitere Schritte an. „Wir brauchen alle technischen Optionen, um den Weg der Klimaneutralität beschreiten zu können“, sagte Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie, laut Tagesschau.

Die wachsende Kritik am Verbrenner-Aus spiegelt die Sorgen um die deutsche Automobilindustrie wider, die sich in einer schweren Krise befindet. Während Umweltschützer vor einem Aufweichen der Klimaziele warnen, sehen Industrievertreter und Teile der Politik die Notwendigkeit für mehr Pragmatismus. Die EU-Überprüfung noch in diesem Jahr könnte entscheidend für die Zukunft der europäischen Mobilitätswende werden. (Quellen: NDR, Radio Osnabrück, Spiegel, Tagesschau, Tagesspiegel) (nana)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Dwi Anoraganingrum

Kommentare