Merkur-Kommentar

Söders späte Atomwende: CSU-Chef will bei der Kernkraft wieder einsteigen

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Kühlturm des Kernkraftwerks Isar 2 in Essenbach bei Landshut: Laut Atomgesetz soll die endgültige Abschaltung der verbliebenen Kraftwerke am 15. April erfolgen. Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.
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Söders Versprechen, das Atom-Aus rückgängig zu machen, falls die Union wieder an die Regierung kommt, lässt einen staunen. Galt der CSU-Chef doch als Vater des Ausstiegs. Ein Kommentar von Georg Anastasiadis.

Und wieder rein in die Kartoffeln! Markus Söder schreibt die Laufzeitverlängerung für die Kernenergie wieder ins Wahlprogramm seiner CSU. Die Umsetzung dürfte freilich schwierig werden. Selbst wenn die Union ab 2025 in Berlin wieder regiert, wird der emsige Abrissminister Robert Habeck da, wo die drei letzten Atommeiler heute ihren allerletzten Schnaufer tun, nur noch Ruinen übrig gelassen haben. Auch die Suche nach einem Regierungspartner, der das mitmacht, dürfte sich diffizil gestalten. Die technologieskeptischen Grünen jedenfalls werden in Bund und Ländern noch lange an vielen Schalthebeln sitzen.

Die Zukunft lässt sich nur mit Technologieoffenheit gewinnen

Mancher staunt ob der Oscar-verdächtigen Doppelrolle im deutschen Atom-Epos, in der Söder da brilliert – als Vater des Ausstiegs und Vater des Wiedereinstiegs. Noch sieben Jahre lang will der CSU-Chef insgesamt sechs Meiler weiterlaufen lassen, weil Habeck das versprochene „Deutschlandtempo“ beim Ausbau der Erneuerbaren krachend verfehlen werde. Mit seiner Prognose könnte Söder angesichts der anhaltende Probleme beim Bau neuer Windräder leider richtig liegen. Spät packt die Bürgerlichen, die sich von Angela Merkel auf abgründiges Terrain führen ließen, die Reue wegen des überstürzten Ausstiegs. Doch die Geschichte der Kernkraft in Deutschland ist an Irrungen und Wirrungen zu reich, als dass heute jemand das Wort „niemals“ leichtfertig in den Mund nehmen sollte. Überall in der Welt basteln Forscher an neuen Generationen von Reaktoren ohne GAU-Risiko. Söders Mahnung, Deutschland dürfe sich nicht komplett aus der Forschung zurückziehen, sich insbesondere nicht neuen Entwicklungen im Bereich der Kernfusion verschließen, bleibt daher trotz des erwartbaren Geschreis richtig. Deutschland kann seinen Wohlstand nicht retten, indem es immerzu nur aussteigt. Die Zukunft lässt sich in einer sich stetig ändernden Welt nicht mit Staatsgläubigkeit und politischer Dogmatik, sondern nur mit Technologieoffenheit gewinnen.

Der Bau eines Reaktors zur Erforschung der Kernfusion in Bayern, über den Söder nachdenkt, wäre jedenfalls ein spannendes Projekt. Und daheim in seinem Freistaat müsste der CSU-Chef dafür praktischerweise nicht mal die Grünen um Erlaubnis bitten.

Georg Anastasiadis

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