VonMaria Sterklschließen
Die Hamas hat bestimmt mehr als 100 Menschen nach Gaza verschleppt. Die Angehörigen fühlen sich von der Regierung Netanyahu mit ihrer Angst und Verzweiflung alleingelassen.
Nir Oz – Am frühen Samstagmorgen hörte Galit Dan ihre Tochter Noya zum letzten Mal. „Mama, da sind Leute im Haus, sie machen Krach, ich hab solche Angst“, flüsterte die 13-Jährige noch ins Telefon. Dann brach die Verbindung ab.
Noya hatte Freitagabend mit ihrer Oma, Galits Mutter, verbracht und bei ihr auch übernachtet. Am frühen Morgen gingen dann die Sirenen los. Raketenalarm ist angstvolle Routine in Nir Oz, einem Kibbutz für 400 Menschen im Süden Israels. Dort, so nahe der Grenze zum Gazastreifen, sind nur wenige Sekunden Zeit, um sich nach dem Einsetzen des Alarms in den Luftschutzraum eines Hauses zu retten. Noya und ihre Großmutter Carmela hatten es geschafft.
Vor den Raketen schützte sie der Raum, nicht aber vor den Terroristen aus Gaza, die in ihr Haus eindrangen. „Sie schreien und zerbrechen alles“, sagte Carmela. Das war der letzte Satz, den Galit von ihrer Mutter hörte.
Krieg in Israel: Geiseln in den Gazastreifen verschleppt
Seither fehlt von Noya, Carmela, und auch von ihren beiden Nichten und deren Vater jede Spur. Sie zählen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu jenen mindestens 100 Menschen, die bislang von den nach Israel eingedrungenen Trupps der Hamas in den Gazastreifen verschleppt wurden. Niemand weiß, ob sie noch am Leben sind, ob sie Wasser, Essen, oder gar von ihnen benötigte Medikamente bekommen. Carmela ist 80 Jahre alt, Noya ist Autistin. Der Gazastreifen unterliegt heftigen Bombardements, seit Israel seinen Vergeltungsschlag gegen die Hamas begonnen hat.
„Noya ist so ein gescheites, sensibles Mädchen“, sagt Galit unter Tränen. „Ich hoffe so sehr, dass sie mit meiner Mutter zusammen ist, dass sie am Leben ist.“
Israels Regierung und regierungsnahe Medien sind auffällig still, was die Geiselnahmen betrifft. Wenig hört man über die vielen Vermissten, deren Namen auf Listen in sozialen Medien geteilt werden. Das offizielle Israel ist im Kriegsmodus, alle Rhetorik dient der Kampagne rund um den Vergeltungsschlag in Gaza.
Der Westen steht in der Pflicht
Viele Angehörige der Geiseln hingegen fühlen sich allein gelassen. „Niemand spricht mit uns“, klagt Galit. Nicht die Polizei, nicht die Behörden. „Die einzigen, die mit mir reden, sind Journalisten.“ Was sie hinter der Passivität des Staates vermutet? „Ich glaube, sie wissen einfach nicht, was sie mir sagen sollen.“ Sie vermutet, der israelische Staat sei mit der Aufgabe überfordert, es gebe einfach zu viele Betroffene.
Galit sieht daher auch westliche Staaten in der Pflicht. „Deutschlands Regierung soll sich einschalten und Verhandlungen führen, mit den Palästinensern reden, nachschauen, ob die Geiseln noch am Leben sind. Schickt jemanden von den UN, fahrt nach Gaza, helft uns. Das ist auch eure Verantwortung.“
Schließlich sind unter den Verschleppten auch deutsche Staatsangehörige. Eine von ihnen ist Shani Louk. Ihre Mutter Ricarda war vor 30 Jahren von Ravensburg nach Israel eingewandert und mit einem Israeli verheiratet. Die 22-jährige Shani war fürs Wochenende zum Open Air-Festival Tribe of Nova gefahren, um wie rund 3000 weitere junge Menschen dort eine Raveparty zu feiern. Samstagmorgen stürmten Terroristen das Festival mit Gleitschirmen, Motorseglern, Autos und Motorrädern und schossen um sich. Mindestens 260 Menschen sollen gleich ums Leben gekommen sein, weitere erlagen später ihren Verletzungen. Einige wurden wie Shani Louk nach Gaza verschleppt. Louk ist nicht die einzige deutsche Geisel in Gaza, wie das Außenamt bestätigt. Wie viele Deutsche vermisst werden, wird nicht veröffentlicht.
Geiseln in der Hand der Hamas: Die Zahl ist unklar
Auch Israels Armee will noch keine Angaben über die Zahl der Geiseln machen. Es handele sich aber um „eine sehr große Anzahl an Israelis – Zivilisten und Soldaten“, gibt Armeesprecher Jonathan Conricus zu. Konkrete Zahlen zu den Opfern des Kriegs in Israel werde man erst in wenigen Tagen nennen können.
Der Offizier will zu diesem Zeitpunkt nur so viel sagen: „Wir sprechen hier von sehr, sehr vielen Israelis. Israelis die verschleppt wurden, Frauen, Kinder, Babys, Alte, sogar Menschen mit Behinderungen.“ Unter ihnen sei auch eine Frau, die den Holocaust überlebt hat. Palästinensische Stellen nannten 130 Geiseln, überprüfbar ist das nicht.
Galit glaubt, dass es viel mehr Geiseln sind: „Mein halber Kibbutz ist in Gaza“, scheint es ihr. 200 von original 400 Menschen, genauer wird man es jetzt kaum wissen können, da das gesamte Grenzgebiet um Gaza zur Sperrzone erklärt wurde. Galit hat sich mit ihrer jüngeren Tochter ans Tote Meer geflüchtet. Die Neunjährige sei ihr einziger Trost. „Sie ist so mutig, sie tröstet mich und sagt: Mami, hab keine Angst.“
Krieg in Israel: Kommt es zum Austausch der Geiseln?
Für die Angehörigen der Vermissten wird die Ungewissheit zur Folter. Bei manchen wird die Angst noch verstärkt durch bedrohliche Kontaktaufnahmen von Unbekannten. Ahuva Maizel, deren Tochter Adi vom Rave-Festival in der Wüste nicht zurückkam, erhielt Whatsapp-Anrufe von einer palästinensischen Nummer. „Im Hintergrund hörte ich Frauen schreien. Ein Mann sagte: ,Wir sind die Hamas, ihr Israelis habt schöne Töchter.‘“ Ahuva, die vor Angst und Schmerz „kaum mehr denken“ kann, wie sie sagt, kann nicht beurteilen, ob die Anrufer tatsächlich Hamas-Leute waren. „Ich kann schon nicht mehr zwischen Fake und Wirklichkeit unterscheiden.“
Währenddessen melden chinesische Agenturen mögliche Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch, die über die Vermittlung Katars und mit Unterstützung der USA stattfinden sollen. Die Agentur Xinhua beruft sich auf Hamas-Quellen. Israel kommentiert die Berichte nicht. Der Austausch soll nur weibliche Gefangene betreffen. Ob er stattfinden wird, ist ungewiss. (Maria Sterkl)
