Doppelte Blamage

Richterwahl-Desaster vor der Sommerpause: Merz-Koalition im Krisenmodus

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Nach heftigem Streit bläst der Bundestag die Richterwahl ab. Die Regierung geht beschädigt in die Sommerpause – der Zorn entlädt sich vor allem an einer Person.

Berlin – Es ist noch nicht mal Mittag, da versammelt sich die schiere Ratlosigkeit vorne an der Regierungsbank. Der Kanzler verschränkt konsterniert die Arme, der SPD-Chef schaut stumm nach unten, sein Generalsekretär und der Verteidigungsminister tuscheln kurz. Und der Rest der Abgeordneten wirkt, um es schamlos zu beschönigen, auch nicht gerade fröhlich.

Richterwahl-Desaster: Merz und Spahn wollten Blamage verhindern – erfolglos

Der Grund für die Berliner Trübsal, die sich später am Rednerpult in hitzige Wut verwandelt, ist schnell erzählt: Nach einem Morgen voller Wendungen, Wirrungen und erbitterter Vorwürfe hat sich die Koalition widerwillig dazu entschlossen, die Wahl dreier neuer Verfassungsrichter abzublasen. Die SPD-Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf, über deren kontroverse Standpunkte etwa zum Thema Abtreibung zuletzt viel geschrieben wurde, war Teilen der Unions-Fraktion einfach nicht vermittelbar.

Dass es schwierig werden würde, hatte sich seit Tagen abgezeichnet. Verfassungsrichter müssen mit Zwei-Drittel-Mehrheit gewählt werden. Aber nicht nur die Linkspartei bockte bei einem der Kandidaten – auch aus der Union gab es Widerstand. Von bis zu 40 Abweichlern war die Rede. Noch am Donnerstagabend versuchten Kanzler Friedrich Merz und Fraktionschef Jens Spahn, sie weichzuklopfen und eine doppelte Blamage zu verhindern: die der Regierung, die sich in einer so wichtigen Frage nicht einigen kann. Und die des Unions-Fraktionschefs, der SPD und Grünen Zusagen machte, aber die Stimmung in der eigenen Truppe nicht spürte.

Das Ratlos-Quartett (v.li): Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD, unten) eilt den Kollegen Jens Spahn (CDU), Alexander Hoffmann (CSU) und Matthias Miersch (SPD) zur Hilfe.

Es misslingt. An Spahn entlädt sich denn auch ein guter Teil des Oppositions-Zorns. „Es ist eine unverantwortliche Situation, in die Sie, Jens Spahn, uns gebracht haben“, ruft Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann wütend vom Rednerpult und wirft dem Kollegen „Unfähigkeit als Fraktionschef“ vor. Das Bundesverfassungsgericht und das Parlament seien schwer beschädigt. Linksfraktionschefin Heidi Reichinnek sieht einen „absoluten Skandal“, AfD-Fraktionsgeschäftsführer Bernd Baumann zürnt, in der Regierung herrsche völlige Instabilität.

Richterwahl im Bundestag abgeblasen: Kritik kommt nicht nur von Grünen, Linken und AfD

Oppositionsprosa? Nicht allein. Auch SPD-Fraktionsgeschäftsführer Dirk Wiese kann seinen Ärger kaum zügeln. Er vergleicht den Streit um Brosius-Gersdorf mit den Gift-Debatten in den USA, spricht von einer „Hetzkampagne“ gegen eine „hoch angesehene Staatsrechtslehrerin, die fachlich über jeden Zweifel erhaben“ sei. Schließlich knöpft er sich den Koalitionspartner direkt vor. Die SPD habe zuletzt bei schwierigen Entscheidungen gestanden. Künftig erwarte er, „dass auch andere stehen“. Parteichef Klingbeil spricht später ebenfalls von einer „sehr klaren Erwartung“, was künftige Kompromisse angeht.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Es klingt schon fast wie ein Ultimatum. Umso mehr, als es nicht der erste Streit der noch jungen Bundesregierung ist, die es doch besser machen wollte als die implodierte Ampel. Der Anspruch wackelte schon beim Zwist um die Stromsteuersenkung für alle. Die Richter-Debatte aber geht tiefer – es stehen nicht Milliarden auf dem Spiel, sondern Grundüberzeugungen.

Emotionale Debatte um Richter-Kandidatin – Union nutzt Plagiatsvorwurf für Druck auf SPD

Wie viele Emotionen mitspielen, zeigt drastisch die Verwirrung um angebliche akademische Verfehlungen der Richter-Kandidatin: Der selbst nicht unumstrittene „Plagiatsjäger“ Stefan Weber erklärte am Donnerstagabend, er habe „23 Textparallelen“ zwischen Brosius-Gersdorfs Dissertation und der Habilitationsschrift ihres Mannes gefunden. Die Union nutzte das am Morgen danach, um den Druck auf die SPD zu erhöhen, die Kandidatin fallen zu lassen. Zwar relativiert Weber seine unbewiesenen Vorwürfe kurz darauf. Aber da ist der Entschluss, den Bundestag über die Wahl-Verschiebung abstimmen zu lassen, schon gefasst.

Ausgestanden ist damit nichts, im Gegenteil. Als die Unions-Fraktion sich am Freitagnachmittag zur Krisensitzung zusammensetzt, fordern die Grünen, die Richterwahl nächste Woche nachzuholen. Merz und Spahn müssten jetzt zeigen, dass die Koalition noch eine Mehrheit im Parlament zustande bringe, erklären Haßelmann und Co-Fraktionschefin Katharina Dröge. „Wir können keine Hängepartie über den Sommer akzeptieren, in der das Land im Unklaren darüber ist, ob wir noch eine stabile Regierung haben.“

Rubriklistenbild: © Niklas Treppner

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