Unruhen nach Assad-Sturz

Sorge vor Verfolgung: Alawiten in Syrien aufgrund von Heiligtum in Aufruhr

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In Syrien nimmt der Druck für die Alawiten zu. In den sozialen Medien tauchen Videos von Tötungen und Entführungen auf. Beobachter warnen vor Massakern.

Damaskus – Syrien steht erneut vor dem Abgrund. Gut zwei Wochen nach dem Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad haben nach Angaben der Übergangsregierung Assad-Anhänger mehr als ein Dutzend Sicherheitskräfte erschossen. 14 Angehörige der Übergangsregierung seien getötet worden, berichtete die syrische Nachrichtenagentur Sana unter Berufung auf das Innenministerium. Zehn weitere Personen seien verletzt worden.

Sie seien im Gouvernement Tartus in einen Hinterhalt geraten und von „Überresten des kriminellen Regimes“ attackiert worden. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, dass die Sicherheitskräfte einen Ex-Offizier wegen seiner mutmaßlichen Rolle im berüchtigten Militärgefängnis Saidnaja festnehmen wollten. Demnach wurden auch drei der jungen Täter getötet. Die Übergangsregierung in Syrien wird von der islamistischen „Hai’at Tahrir al-Sham“ HTS (Komitee zur Befreiung der Levante) gestellt. In Vielen Ländern galt die HTS bislang als islamistisch und terroristisch.

Nach Assads Sturz: Iran fordert junge Syrier auf, gegen neues Regime vorzugehen

Erst kürzlich hatte der geistliche Führer im Iran, Ajatollah Ali Chamenei, mit seiner Rede für Verärgerung bei der syrischen Übergangsregierung gesorgt. Chamenei sagte, er rechne nach dem Machtwechsel in Syrien mit einem erneuten Widerstandskampf von Syrern gegen die neuen Strukturen im Land. „Wir gehen davon aus, dass sich in Syrien wieder eine starke (Widerstands-) Gruppe bilden wird“, sagte der schiitische Geistliche bei einer religiösen Zeremonie in Teheran. Vor allem die syrische Jugend werde erneut Widerstand gegen diejenigen leisten, die ihr Land und ihre Zukunft wiederholt unsicher gemacht hätten, so der Kleriker laut Nachrichtenagentur Isna.

Mohammed al-Baschir, Mitte rechts, Chef der Übergangsregierung in Syrien, ist nach dem Freitagsgebet in der Umayyaden-Moschee in Damasku von Gläubigen umgeben.

Lage nach Assad-Sturz: Alawitischer Schrein in Syrien geschändet

Zudem sorgt ein Video für Unruhen im Land, das die Schändung eines alawitischen Heiligtums in der Stadt Aleppo zeigen soll. In mehreren Städten des Landes kam es deswegen zu Protesten. Auch die Familie des gestürzten Machthabers Assad gehört der religiösen Minderheit der Alawiten an. Dem Innenministerium der Übergangsregierung zufolge war der Schrein eines muslimischen Scheichs im November, als die Rebellenoffensive auf die Stadt Aleppo begann, „von unbekannten Gruppen“ verwüstet worden. 

In vielen Städten gibt es Proteste gegen die syrische Übergangsregierung, die von der islamistischen Rebellengruppe gestellt wird. Der irakisch-kurdische Sender Rudaw veröffentliche Videos von einer Demonstration von Alawiten in der Stadt Homs. Darin zu sehen: bewaffnete Männer, die auf die Demonstranten schießen.

Nach Assads-Sturz: Erste Anzeichen von Pogromen in Syrien

Gleichzeitig gibt es erste Anzeichen von Pogromen gegen die Alawiten in dem Land. „Während die der Syrischen Nationalarmee (SNA) angeschlossenen Streitkräfte in Azaz erklärten, sie seien bereit, die begonnenen alawitischen Proteste zu unterdrücken, gab der Sprecher den Befehl, jeden Alawiten zu töten, der seinen Kopf erhebt“, schreibt der Journalist Ali Ammar auf X. „In Latakia steht den Alawiten ein großes Massaker bevor“, sagt der ehemalige Abgeordnete der pro-kurdischen HDP, Ferhat Encu, auf X.

„Die Nachricht, dass HTS in alawitische Dörfer geht und Hinrichtungen durchführt, kommt von verschiedenen Kanälen“, schreibt, Prof. Ayfer Karakaya-Stump, von der College of William and Mary in Virginia, ebenfalls auf X. Die Wissenschaftlerin postete ein Video dazu.

Lage in Syrien: Nur Alawiten werden für Assad-Verbrechen verantwortlich gemacht

Bei den Alawiten sind die Ängste groß, erzählt Mesut Kilic, eine alawvitischer Aktivist aus Luzern, der mit den Menschen in Syrien in Kontakt steht. „Die Menschen haben Angst, ihre Videos mit ihrem richtigen Namen in den sozialen Medien zu posten, deswegen schicken sie ihre Videos ins Ausland, damit wir die Videos über die Tötungen und Entführungen von Alawiten veröffentlichen“. Die Alawiten seien verzweifelt und fürchten schlimmeres, sagt Kilic im Gespräch mit Fr.de von IPPEN.MEDIA. „Die islamistischen Milizen machen die Alawiten für die Verbrechen des Regimes alleine verantwortlich. Dabei waren doch die meisten Minister sunnitische Muslime. Auch im Militär waren die sunnitischen Muslime zu großen Teilen vertreten“, sagt Kilic.

Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels

Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt. In ganz Syrien versammeln sich Menschen, um den Sturz der syrischen Regierung zu feiern.
Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt und hat das Land verlassen. Der Bürgerkrieg in Syrien ist beendet. Im ganzen Land versammeln sich Menschen wie hier in der Hauptstadt Damaskus auf den Straßen. Sie feiern den Sturz der syrischen Regierung und das Ende der über 50 Jahre andauernden Herrschaft der Assad-Dynastie.  © dpa/DIA Photo/AP | Ugur Yildirim
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Menschen durchwühlten die Privatwohnung des geflohenen Machthabers Baschar al-Assad.
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Der im Jahr 2000 verstorbene Hafez Assad war der Vater Baschar al-Assads und herrschte von 1970 bis zu seinem Tod über das Land. Bürgerinnen und Bürger strömten auch in den Präsidentenpalast und in eine Privatwohnung des geflohenen Machthabers. © dpa/AP | Hussein Malla
Menschen gehen durch die Hallen des Präsidentenpalastes des syrischen Präsidenten, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Der Präsidentenpalast wird nach dem Sturz Baschar al-Assads in Syrien zu einem Publikumsmagenten. Hunderte Menschen strömten in den Protzbau des Ex-Präsidenten und wandelten durch die Hallen. © Hussein Malla / dpa
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama.
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads.
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads. © dpa/AP | Emrah Gurel
Ein Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt eine riesige Menschenansammlung in Aleppo.
Ein von Maxar zur Verfügung gestelltes Satellitenbild zeigt feiernde Menschen auf den Straßen Aleppos. © dpa/Maxar Technologies/AP | Uncredited
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern.
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee.
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee. © dpa/AP | Emrah Gurel
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien.
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien. © dpa/AP | Omar Albam
Ein Bild von Baschar al-Assad in der Stadt Hama ist durchlöchert von Kugeln.
496721846.jpg © Omar Albam / dpa
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren.
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren. © dpa/AP | Omar Albam
Nachdem syrische Rebellen Hama erob ert haben, fliehen Menschen aus der Stadt.
Nachdem syrische Rebellen Hama erobert haben, fliehen Menschen aus der Stadt. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © Hussein Malla / dpa
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo.
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo. © Anas Alkharboutli / dpa
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist.
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt.
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt. © dpa/IMAGESLIVE via ZUMA Press Wire | Juma Mohammad
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee.
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee. © IMAGO/Rami Alsayed
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt.
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt. © dpa/AP | Omar Albam
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad, Vater des jetzigen Präsidenten Baschar al-Assad, liegt auf einem von Oppositionskämpfern zerstörten Fliesenboden in Aleppo. © dpa/AP | Omar Albam
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama.
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug.
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft.
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz.
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz. © dpa | Andreas Arnold

Alawiten schutzlos den islamistischen Milizen ausgeliefert

Auch die Journalistin Hamide Rencüs sieht es im Gespräch mit IPPEN.MEDIA ähnlich. „Die Alawiten in dem Land haben große Angst. Nach dem Sturz des Assad-Regimes wird an ihnen immer mehr Rache verübt. Viele Alawiten waren staatstreu– und nach dem Zusammenbruch Syrien sind sie jetzt schutzlos den islamistischen Milizen ausgeliefert“, sagt die Journalistin. Sie ist ebenfalls mit den Menschen in Syrien in Kontakt und bestätigt die Überfälle auf Alawiten – besonders in der Küstenregion. „Die Angst der Menschen vor einem Genozid ist berechtigt“, sagt Rencüs. Denn alle Vorbereitungen liefen darauf hinaus. „Die Islamisten versuchen die Übergriffe auf Alawiten zwar nur als Einzelfälle darzustellen, allerdings gehen die sehr systematisch vor“. (erpe/dpa)

Hinweis: In einer früheren Version des Artikels war von Aleviten statt von Alawiten die Rede. Die Alawiten leben heute vor allem in Syrien. Auch die Familie des gestürzten Machthabers Assad gehört den Alawiten an. Das Alevitentum ist eine liberale Glaubensrichtung. Seine Glaubensinhalte unterscheiden sich stark vom sunnitischen und schiitischen Islam. Die Aleviten sind vorwiegend in der Türkei beheimatet.

Rubriklistenbild: © dpa/Omar Sanadiki

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