Bayern-Wahl 2023

„Dass es so besch***** läuft!“: Tränen, Trotz und Totenstille bei der Bayern-SPD

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Bayerns SPD erreicht das schlechteste Landtagswahl-Ergebnis jemals – schon wieder. Eindrücke und Stimmen von der Wahlparty in München.

München – Das verhaltene Klatschen macht alles noch schlimmer. Im Fernsehen laufen die ersten Prognosen zur Bayern-Wahl. Es könnte „hauchdünn“ für eine Koalition mit der CSU reichen, heißt es. Ein paar SPDler ringen sich im ersten Stock des Maximilianeums einen traurigen Applaus ab. Er endet schnell. Sonst: Totenstille. So katastrophal wie an diesem Abend war es noch nie. Schon bei der Landtagswahl 2018 war das Ergebnis mit 9,7 Prozent ein Desaster. Nun haben die Sozialdemokraten ihr historisches Tief nochmals unterboten.

Wo der Florian denn nun bleibt, fragen einige. Der Spitzenkandidat lässt sich die erste halbe Stunde nach Bekanntgabe der Zahlen nicht blicken. Es ist wie bei einer Trauerfeier, bei der es keinen Redner gibt. Die Genossen stehen ein wenig verloren da, so wie auch die Journalisten. Ein Fernsehteam fragt ein paar Jusos, ob sie sprechen wollen. „Lieber nicht“, sagen sie und schütteln den Kopf.

Dann die Erleichterung. Als Fraktionschef von Brunn die Wahlparty betritt, bejubeln ihn die Sozialdemokraten. Es klingt ehrlich, tröstend. Der Mann, dessen schwarz-weißes Porträt in den vergangenen Wochen auf knallroten Plakaten in ganz Bayern zu sehen war, hat Tränen in den Augen. Die Worte fallen ihm nicht leicht: „Das Ergebnis ist für uns alle eine Enttäuschung.“ Er schluckt. „Aber wir haben hart gekämpft.“

Die SPD-roten Blumen sind ein schwacher Trost. Von Brunn ist den Tränen nah.

SPD nach Bayern-Wahl 2023 fast trotzig: „Sind mit Themen nicht durchgedrungen“

Alle sagen das. Dass die SPD alles getan habe, was ging. Dass der Florian alles richtig gemacht habe. „In diesem Wahlkampf wurde kaum über bayerische Themen gesprochen“, klagt Ronja Endres, die sich mit von Brunn den Landesvorsitz teilt. Die SPD habe in ihrer Kampagne die richtigen Themen angepackt, sei laut gewesen – „aber andere waren lauter“. So lautet der gemeinsame Tenor. Er ist fast trotzig. „Ich habe schon am Infostand gemerkt: Wir sind mit Bayern-Themen nicht durchgedrungen“, sagt auch die Parlamentarische Geschäftsführerin Simone Strohmayr. Die wenigsten Genossen scheinen die Schuld bei sich zu suchen. Auch von Brunn nicht. „Wir müssen das Ergebnis jetzt akzeptieren“, sagt er nur.

Bayerns Ministerpräsidenten seit 1945

Bundeskanzler Konrad Adenauer (mit Zylinder, CDU), Bundesratspräsident Karl Arnold (l, CDU) und Fritz Schäffer (r, CSU) bei der feierlichen Eröffnungssitzung des Deutschen Bundestages am 07.09.1949 in Bonn.
28. Mai 1945 – 28. September 1945: Fritz Schäffer (r, CSU) mit Konrad Adenauer (mit Zylinder, CDU), Bundesratspräsident Karl Arnold (l, CDU) bei der feierlichen Eröffnungssitzung des Deutschen Bundestages am 07.09.1949 in Bonn. © dpa
28. September 1945 – 21. Dezember 1946: Wilhelm Hoegner (SPD), ernannt durch die USA.
28. September 1945 – 21. Dezember 1946 (erste Amtszeit): Wilhelm Hoegner (SPD), ernannt durch die USA. © IMAGO/Rolf Poss
21. Dezember 1946 –
 14. Dezember 1954: Hans Ehard (CSU) mit Ehefrau Sieglinde.
21. Dezember 1946 – 14. Dezember 1954: Hans Ehard (CSU) mit Ehefrau Sieglinde. © IMAGO
14. Dezember 1954 – 16. Oktober 1957 (zweite Amtszeit): Wilhelm Hoenger (SPD) trat nach Verlust der Mehrheit im Landtag zurück.
14. Dezember 1954 – 16. Oktober 1957 (zweite Amtszeit): Wilhelm Hoenger (SPD) trat nach Verlust der Mehrheit im Landtag zurück. © IMAGO
16. Oktober 1957 – 26. Januar 1960: Hanns Seidel (CSU) überreicht General Lauris Norstad den Bayerischen Lowen.
16. Oktober 1957 – 26. Januar 1960: Hanns Seidel (CSU) überreicht General Lauris Norstad den Bayerischen Lowen. © IMAGO
26. Januar 1960 – 11. Dezember 1962 (zweite Amtszeit): Hans Erhard (CSU).
26. Januar 1960 – 11. Dezember 1962 (zweite Amtszeit): Hans Erhard (CSU). © IMAGO
11. Dezember 1962 – 7. November 1978: Ministerpräsident Alfons Goppel und Parteivorsitzender Franz Josef Strauß (beide CSU).
11. Dezember 1962 – 7. November 1978: Ministerpräsident Alfons Goppel, der aus Altersgründen zurücktrat, und Parteivorsitzender Franz Josef Strauß (beide CSU). © IMAGO
7. November 1978 – 3. Oktober 1988: Franz Josef Strauß (CSU) mit Münchens ehemaligem Oberbürgermeister Erich Kiesl.
7. November 1978 – 3. Oktober 1988: Franz Josef Strauß (CSU) mit Münchens ehemaligem Oberbürgermeister Erich Kiesl. © Heinz Gebhardt/IMAGO
3. Oktober 1988 – 19. Oktober 1988: Max Streibl (CSU) führte das Amt erst kommissarisch und trat dann in seiner offiziellen Amtszeit (19. Oktober 1988 – 28. Mai 1993) wegen der „Amigo-Affäre“ zurück.
3. Oktober 1988 – 19. Oktober 1988: Max Streibl (CSU) führte das Amt erst kommissarisch und trat dann in seiner offiziellen Amtszeit (19. Oktober 1988 – 28. Mai 1993) wegen der „Amigo-Affäre“ zurück. © IMAGO
28. Mai 1993 – 9. Oktober 2007: Edmund Stoiber (CSU) trat nach einem innerparteilichen Machtkampf zurück.
28. Mai 1993 – 9. Oktober 2007: Edmund Stoiber (CSU) trat nach einem innerparteilichen Machtkampf zurück. © IMAGO/Astrid Schmidhuber
9. Oktober 2007 – 27. Oktober 2008: Günther Beckstein (CSU) schied aus dem Amt, als die CSU bei der Landtagswahl 2008 einen deutlichen Stimmenverlust hinnehmen musste.
9. Oktober 2007 – 27. Oktober 2008: Günther Beckstein (CSU) schied aus dem Amt, als die CSU bei der Landtagswahl 2008 einen deutlichen Stimmenverlust hinnehmen musste. © IMAGO
27. Oktober 2008 – 13. März 2018: Horst Seehofer (CSU) gab das Amt ab, als die Ernennung zum Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat anstand.
27. Oktober 2008 – 13. März 2018: Horst Seehofer (CSU) gab das Amt ab, als die Ernennung zum Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat anstand. © Sammy Minkoff/IMAGO
13. März 2018 – 16. März 2018: Ilse Aigner (CSU) übernahm das Amt der Ministerpräsidentin kommissarisch.
13. März 2018 – 16. März 2018: Ilse Aigner (CSU) übernahm das Amt der Ministerpräsidentin kommissarisch. © Charles Yunck/IMAGO
Seit 16. März 2018: Markus Söder (CSU) ist Ministerpräsident von Bayern und CSU Vorsitzender.
Seit 16. März 2018: Markus Söder (CSU) ist Ministerpräsident von Bayern und CSU Vorsitzender. © IMAGO

Bei manchen hält sich die Akzeptanz aber in Grenzen. „Dass es so beschissen läuft, hätte ich nicht gedacht“, sagt Landtagsabgeordnete Ruth Waldmann. „Ich bin besorgt über den Zustand unserer Gesellschaft“, wütet sie. „Wir erleben einen massiven Rechtsruck. Das liegt an der AfD, aber auch an den Freien Wählern.“ Hubert Aiwangers Partei, die gleich im Raum nebenan Rekordwerte feiert, habe eine antidemokratische Stimmung erzeugt. Man könne die Schuld aber nicht nur bei anderen suchen, sagt sie. „Wir müssen das jetzt analysieren. Sobald wir wissen, wer von unserem Häuflein überhaupt übriggeblieben ist.“

Die Landtags-SPD erwartet ein Umbruch. Fast die Hälfte der 21 Abgeordneten hört auf. Unter anderem Natascha Kohnen, die 2018 Spitzenkandidatin war – und mit der sich die SPD halbierte. Damals war es von Brunn, der einen radikalen Schnitt forderte. Kohnen sei zu still gewesen – der ganze Landesvorstand sollte zurücktreten, sagte er. Nun setzte er aber selbst im Wahlkampf auf einen ruhigen Ton, wollte Themen „sachlich“ rüberbringen. Sein Ziel war 15 plus x. Er ist krachend gescheitert. Und diesmal? Will er seinen Parteivorsitz aber nicht abgeben. „Ich bin nicht jemand, der in einer schwierigen Situation den Bettel hinwirft“, sagt er. (Kathrin Braun)

Rubriklistenbild: © Daniel Karmann

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