VonStefan Schollschließen
Die höchste russische Ermittlungsbehörde ist nach dem Terroranschlag in Moskau angeblich dem Westen auf der Spur, bleibt aber Beweise schuldig.
Russlands höchste Ermittlungsbehörde ist laut einer Mitteilung dem Westen auf der Spur. Laut der Verlautbarung haben ihre Fahnder herausgefunden, dass in den vergangenen Jahren Geldmittel aus kommerziellen Organisationen, namentlich aus der ukrainischen Öl- und Gasfirma Burisma, für Terrorakte in und außerhalb Russlands ausgegeben wurden. Mit dem Ziel, politische und gesellschaftliche Persönlichkeiten zu beseitigen und wirtschaftlichen Schaden anzurichten.
Eine sehr vage Mitteilung, abgesehen von dem Firmennamen Burisma. Schon erinnern die Moskauer Zeitungen, bei Burisma habe von 2014 bis 2019 Hunter Biden, der Sohn des amerikanischen Präsidenten, im Aufsichtsrat gesessen. Russland verlängert seine Terrorverdachtsspur gegen Kiew in Richtung Washington. Oder wie die staatliche Massenzeitung Komsomolskaja Prawda verkündet: „Ein Verfahren gegen die höchsten Führer der USA und der NATO wurde eröffnet.“
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Tatsächlich stand offenbar ein Großteil der angeblichen Ermittlungsergebnisse schon in der Anfrage, die mehrerer Parlamentarier und der Kremlideologe Alexander Dugin zuvor an das Ermittlungskomitee gerichtet hatten. Dugins Tochter Darja war 2022 bei Moskau einem Sprengstoffanschlag zum Opfer gefallen.
Laut Komsomolskaja Prawda geht es in dieser Anfrage auch um Andrij Kitscha, einen Anwalt der Firma Burisma, der 2020 bei einem Bestechungsversuch festgenommen wurde.
Breite logische Lücken
2022 kam Kitscha vor dem Obersten Antikorruptionsgericht mit einer Bewährungsstrafe von fünf Jahren davon, nachdem er seine Schuld bekannt hatte. Dafür ging die beschlagnahmte Bestechungssumme von sechs Millionen Dollar an Spezialeinheiten der ukrainischen Streitkräfte, später zahlte der Geständige noch einmal 100 Millionen Hrywnja (umgerechnet gut 2,5 Millionen Euro) für den Bau von Kampfdrohnen. Ein nicht nur in der Ukraine üblicher Vergleich. Die Russen aber machten aus dieser alten Zeitungsmeldung eine Sechs-Millionen-Dollar-Überweisung an den ukrainischen Militärgeheimdienst GUR. Dessen Chef Kyrylo Budanow gilt in Moskau als Drahtzieher der tödlichen Anschläge gegen Darja Dudina und den Z-Blogger Wladlen Tatarskij.
Aber Beweise liefert niemand. Auch keinerlei Belege, dass das beschlagnahmte Geld des früheren Burisma-Anwalts nicht für die kämpfende ukrainische Truppe ausgegeben wurde.
Zwischen den russischen Verdachtsmomenten klaffen breite logische Lücken. Es fehlen Indizien, Biden Junior oder Senior könnten etwas mit der Übergabe der beschlagnahmten Schmiergelder an die ukrainische Armee zu tun haben – drei Jahre nach Hunters Ausstieg bei Barisma.
Russlands Sicherheitsorgane, Staatsmedien und Politiker werfen mit den bekanntesten Adressen des Westens um sich, aber es klingt aufgesagt. So wie die Videoausschnitte des FSB, die das Staatsfernsehen am Sonntag ausstrahlte. Darauf versichern die vier nach dem Blutbad in der Crocus City Hall am 22. März bei Brjansk gefassten Terroristen, sie seien auf der Flucht nach Kiew gewesen, wo jeden eine Million Rubel (knapp zehntausend Euro) Honorar erwartet hätte. Die vier wurden grausam gefoltert, verloren Ohren oder Augen, sie dürften alles bestätigen, was die Ermittler von ihnen verlangen.
„Im Gegensatz zu den Repressalien sinkt das Niveau der Propaganda immer mehr“, erklärt ein Moskauer Politologe anonym. „Ernst wird sie nur noch von Rentnern genommen, die ausschließlich Staatsfernsehen schauen.“ Und es sei gut möglich, dass die neuen Behauptungen gegen Biden mehr auf das US-Publikum zielen. „Vielleicht soll das ja Donald Trump im Wahlkampf helfen.“
