Rechtsruck

Politologe Filzmaier: „Deutschland befindet sich gerade da, wo Österreich vor zehn bis 15 Jahren stand“

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Tausende protestieren am vergangenen Donnerstag in Wien gegen eine Koalition der ÖVP mit der extrem rechten FPÖ. Foto: Gabriel Böhler/imago.
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In Österreich greift die extrem rechte FPÖ nach dem Kanzleramt – Politologe Peter Filzmaier über das zerstrittene Land, radikale Pläne von Herbert Kickl und Lehren für Deutschland. Ein Interview von Florian Weber.

Herr Filzmaier, in Wien haben sich am Donnerstagabend bis zu 25 000 Menschen versammelt und gegen die Beteiligung Herbert Kickls an der Regierung demonstriert. In anderen Städten kam es ebenfalls zu Demonstrationen. Sätze wie „Nie wieder ist jetzt“ standen auf den Schildern. Wie ist die zivilgesellschaftliche Stimmung in Österreich?

Die Stimmungslage ist polarisierter denn je, doch Demonstrationen hätte es auch gegeben, wenn die FPÖ den Regierungsbildungsauftrag nicht bekommen hätte. Dann wären eben FPÖ-Anhänger auf die Straße gegangen. Und das ist auch gar kein Problem. Demonstrationen sind ja glasklar ein demokratisches Grundrecht. Das Problem ist, dass kaum noch ein Dialog besteht. Und der wird tendenziell immer geringer zwischen dem rechten nationalen Lager und dem Mitte-Links-Lager.

Die konservative ÖVP hat im Wahlkampf eine Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ ausgeschlossen. Sie haben die Rechtspopulisten als „Sicherheitsrisiko“ bezeichnet. Wie konnte es dazu kommen, dass die beiden Parteien nun trotzdem über eine Koalition verhandeln?

Die ÖVP ist um fast jeden Preis bereit, in der Regierung zu bleiben. Einfach aus dem Grund, weil die ÖVP weiß, dass sie bei Neuwahlen mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit noch mehr verlieren würde. Deswegen hat die ÖVP eine 180-Grad-Wendung vollzogen, bei der sie selbst zugibt, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Trägt dies zum Glaubwürdigkeitsverlust in Politik bei?

Sicherlich werden Vorurteile gegenüber der Politik bestätigt, die ich als Politikwissenschaftler immer wieder als Pauschalurteile zu widerlegen versuche. Das erste Vorurteil, um ein angebliches Zitat von Konrad Adenauer zu bringen: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“. Das zweite Vorurteil: Politische Parteien sind in erster Linie nur an der Macht interessiert. Beides trifft genau darauf zu, was die ÖVP getan hat.

Koalitionsverhandlungen in Österreich: Koalition zwischen ÖVP und FPÖ ist wahrscheinlich

Wird es jetzt ein Bündnis zwischen ÖVP und FPÖ geben?

Die Koalitionsverhandlungen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Koalition führen. Einerseits, weil sich ÖVP und FPÖ inhaltlich schon im Wahlkampf nahegestanden sind. Es gibt in Österreich wie in Deutschland Online-Wahlhilfen …

… der Wahl-O-Mat …

… genau, vergleichbare Instrumente gibt es in Österreich. Da werden Positionen von Parteien anhand der Wahlprogramme verglichen. Da liegt die Übereinstimmung zwischen FPÖ und ÖVP bei bis zu 80 Prozent. Bei allen anderen Parteienkombinationen lag die Übereinstimmung bei unter 50 Prozent.

Zudem wären Neuwahlen mit Blick auf die Umfragewerte für die ÖVP ein Fiasko.

Genau, nach ersten öffentlich zugänglichen Umfragen würde sie deutlich unter 20 Prozent fallen. Bei den Wahlen hat die ÖVP noch 26 Prozent bekommen.

Tage der Richtungsentscheidungen in Österreich: Interimskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) und Bundespräsident Alexander Van der Bellen vollziehen Formalia auf dem Weg zur neuen Regierung. am Freitag. Foto: Isabelle Ouvrard/SEPA Media/Imago.

Und die FPÖ – sind die an Neuwahlen interessiert?

Sie liegen in Umfragen zwar bis zu zehn Prozentpunkten über dem Ergebnis der letzten Wahl. Eine Neuwahl, die fristenmäßig frühestens Ende April stattfinden könnte, würde aber mit anderen Spitzenkandidaten stattfinden. Karl Nehammer (ÖVP) hat die Politik verlassen. Sein Nachfolger als geschäftsführender Parteiobmann Christian Stocker ist auch nicht der logische Spitzenkandidat. Ob Andreas Babler (SPÖ) aus Sicht seiner Partei noch mal antreten darf, ist unklar. Ob bei den Grünen Werner Kogler antreten würde, ist ebenfalls offen. Es könnte also nach einer Neuwahl durchaus die Konstellation entstehen, dass eine Koalition ohne die FPÖ zustande kommen könnte, obwohl die Verhandlungen zwischen ÖVP, SPÖ und Neos vor wenigen Tagen gescheitert sind. Wir haben zwar nun gesehen, dass Verhandlungen eine Eigendynamik entfalten können, aber die inhaltliche Nähe und das Machtinteresse der beiden jetzigen Verhandlungsparteien, also der FPÖ und ÖVP, sprechen dafür, dass es zu einer Koalition kommen wird.

Herbert Kickl hat nach rechts keinerlei Berührungsängste – „rechtsextrem“ sei ein Kompliment

Wie ist Herbert Kickl innerhalb der FPÖ einzuschätzen?

Herbert Kickl will sich im Unterschied zu seinem Vorgänger als FPÖ-Vorsitzender Norbert Hofer nicht von den Identitären abgrenzen. Die sieht er als eine NGO an, obwohl sie in Verfassungsschutzberichten schon als rechtsextrem bezeichnet wurden. Insofern hat er nach rechts keinerlei Berührungsängste. Er hat mal gesagt, dass er die Bezeichnung „rechtsextrem“ als Kompliment annehmen würde. Außerdem ist Kickl ein gewiefter Taktiker der Macht.

Was wäre anhand des Wahlprogramms und seiner Äußerungen von Herbert Kickl als Bundeskanzler zu erwarten?

Strikte Zuwanderungsregeln und symbolische Maßnahmen werden mit großer Gewissheit kommen. Symbolische Maßnahmen kosten nichts und sie können schnell umgesetzt werden. Mit denen will Kickl sicherlich zeigen, dass nicht aus Österreich stammende Leute nicht willkommen sind. Ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst und für minderjährige Mädchen in der Schule sind denkbar. Oder eine Vorschrift, das Gendern im öffentlichen Dienst zu verbieten.

Was wäre wirtschaftlich zu erwarten?

Unternehmensfreundliche Maßnahmen sind zu erwarten. Beispielsweise weitere Senkungen von Unternehmenssteuern. Und da Deutschland das wichtigste Exportland für Österreich ist, wird er diese Beziehungen wirtschaftlich zumindest nicht schwächen wollen.

Grenzkontrollen und Grenzschließungen – Kickl kann den Rahmen des geltenden EU-Rechts ausreizen

Wie steht es um Grenzkontrollen oder Grenzschließungen? Wäre das etwa an der Grenze zu Bayern denkbar oder überhaupt möglich?

Die Grenze zu Deutschland wird er wegen des wirtschaftlichen Interesses sicherlich nicht schließen. Das wäre EU-rechtlich so auch gar nicht möglich. Allgemein wird er aber sicherlich den Rahmen des geltenden EU-Rechts ausreizen. Herbert Kickl ist viel mehr Viktor Orbán als Giorgia Meloni, also wird er in der EU nur kompromissbereit sein, wenn er konkret etwas für Österreich herausschlagen kann. Außerdem pflegt er einen provokativen Stil. Wenn Österreich Geld aus EU-Mitteln bekommt, nimmt er es sicherlich an und ist kompromissbereit. Wenn er aber woandersher mehr Mittel erwartet, ist er ganz sicher auch dafür offen. Er ist da ein Opportunist und sieht die EU eher als Teil des Problems an als Teil der Lösung.

Herbert Kickl hat mit Viktor Orbán und dem früheren tschechischen Premierminister Andrej Babiš ein „patriotisches Manifest“ in Wien unterzeichnet, in dem die Währungsunion sowie die EU-Außen- und Migrationspolitik grundsätzlich infrage gestellt wurden. Plant er eine komplette Abkehr von der EU?

Als unmittelbarer Austritt, also ein „Öxit“, nicht, weil die FPÖ dann selbst als wortbrüchig dastehen würde. Denn der EU-Wahlkampf, in dem sie gesagt haben, sie wollen die EU von innen heraus verändern und nicht verlassen, ist noch nicht lange her. Ein Ziel wird aber natürlich sein, die EU zu schwächen. Um es in politikwissenschaftlich-analytischen Kriterien zu sagen: Herbert Kickl ist nach der Theorie der internationalen Beziehungen kein Funktionalist, der meint, gemeinsame kompromissorientierte Entscheidungen mehrerer Staaten in internationalen Organisationen seien die vorzuziehende Form. Er ist stattdessen national orientiert und sieht den Nationalstaat als zentralen Akteur, dessen Vorteil das Wichtigste ist.

Ukraine-Krieg: Kickl will Ukraine-Hilfen stoppen und ist gegen Russland-Sanktionen

Also auch keine weiteren Ukraine-Hilfen?

Herbert Kickl will die Ukraine-Hilfen stoppen und ist gegen Sanktionen gegen Russland. Er bestreitet nicht, dass es völkerrechtswidriger russischer Angriffskrieg war, aber er zieht sich auf den Standpunkt zurück, dass Österreich nicht die Probleme der Welt lösen kann und damit auch nicht die der Ukraine. Das widerspricht allerdings zu 100 Prozent der Position der ÖVP. Dieses und andere außenpolitische Themen werden in den Koalitionsverhandlungen der größte Knackpunkt sein.

Will die FPÖ, ähnlich wie Orbán in Ungarn, Institutionen wie Gerichte zugunsten der eigenen Macht schwächen?

Herbert Kickl kann nicht unmittelbar den Staat umbauen, auch nicht mit der ÖVP gemeinsam. Dafür bräuchte er Verfassungsmehrheiten, also eine Zweidrittelmehrheit im Parlament, oder – wenn es Grundgesetze der österreichischen Verfassung betrifft – Volksabstimmungen. Er kann aber indirekt öffentliche Institutionen schwächen. Die Regierung hat viele Ernennungs- und Vorschlagsrechte. Er kann also Posten zu seinen Gunsten besetzen – im öffentlichen Dienst, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und sogar Verfassungsrichter. Der Unterschied zu Viktor Orbáns Fidesz ist allerdings, dass die FPÖ weder eine absolute noch eine Zweidrittelmehrheit hat.

Die AfD-Spitze im Wandel der Zeit: von Bernd Lucke bis Alice Weidel

Die AfD liegt in den Umfragen zur Bundestagswahl 2025 an zweiter Stelle.
Die AfD liegt in den Umfragen zur Bundestagswahl 2025 an zweiter Stelle. Anders als jahrelang üblich, gab es bei ihrem Bundesparteitag im Januar 2025 in Riesa kaum große Streitthemen. Auch die Mitglieder des AfD-Bundesvorstands verbreiteten Harmonie (von links nach rechts): Carsten Hütter, Alice Weidel, Tino Chrupalla, Peter Boehringer und Heiko Scholz. In Riesa beschloss die AfD ihr Wahlprogramm.  © Sebastian Kahnert/dpa
Auf dem Parteitag wurde Parteichefin Alice Weidel zur Kanzlerkandidatin gekürt.
Im Mittelpunkt des Parteitags stand Alice Weidel, die die AfD mit einer schrillen Rede auf den Wahlkampf einschwor. Vor allem mit ihrer rigorosen Wortwahl schien sie den Nerv der Partei zu treffen. So forderte sie Rückführungen im großen Stil: „Wenn es dann Remigration heißen soll, dann heißt es eben Remigration.“ Zuvor hatte sie diesen Begriff vermieden.  © Jens Schlüter/AFP
AfD-Bundesparteitag in Riesa
Tatsächlich ist nach Riesa rhetorisch kein Unterschied mehr zwischen Weidel und den Rechtsextremen auszumachen. Immer wieder gelang es ihr, die düstere AfD-Seele mit ihrer scharfen Wortwahl zu massieren. So prägte sie auch den irren Begriff ,,Windmühlen der Schande“.  © Sebastian Kahnert/dpa
AfD Parteitag 2013 in Berlin
Wie aber kam es zum Aufstieg der AfD? Los ging alles am 6. Februar 2013, als 18 Menschen im hessischen Oberursel (Taunus) die Partei „Alternative für Deutschland“ gründeten. Der erste AfD-Parteitag fand bereits am 14. April 2013 statt (im Bild). Bei der Bundestagswahl im selben Jahr erzielte die neue Partei aus dem rechten Spektrum auf Anhieb 4,7 Prozent – das beste Ergebnis, das eine neu gegründete Partei jemals bei ihrer ersten Bundestagswahl erzielen konnte.  © imago
Landesparteitag der AfD am 11. Januar 2014 in Gießen
Nahezu von Anfang begleiten Gegendemonstrationen die AfD-Veranstaltungen - wie hier der Landesparteitag am 11. Januar 2014 in Gießen. Der rechtspopulistischen Partei werden immer wieder Demokratie- und Europafeindlichkeit vorgeworfen. © imago stock&people
Dr. Konrad Adam, Journalist und Mitgebründer der Alternative für Deutschland (AfD)
Als einer der Gründungsväter der AfD gilt Konrad Adam. Der 1942 in Wuppertal geborene Journalist arbeitete für die Tageszeitungen FAZ und Welt. Zunächst war er Gründungsmitglied der eurokritischen Wahlalternative 2013 und wurde noch im selben Jahr einer von drei Bundessprechern der neu gegründeten AfD. Wie viele andere war Adam ursprünglich CDU-Mitglied, ehe er – vermutlich aus Enttäuschung über die als linksliberal wahrgenommene Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – eine neue Heimat in der AfD fand. Zwei Jahre blieb Adam Bundessprecher, doch bereits im Dezember 2015 begann er, sich von der Partei zu distanzieren. 2020 kündigte er seinen Austritt aus der AfD an, der am 1. Januar 2021 in Kraft trat. © imago
Konrad Adam, Bernd Lucke und Alexander Gauland auf dem ersten Parteitag der AfD in Berlin.
Das bekannteste Gesicht der AfD-Gründungsphase gehört dem Mann mit erhobenen Armen: Bernd Lucke. Geboren 1962 in West-Berlin und aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, studierte Lucke Volkswirtschaftslehre und wurde später in Hamburg Professor. Mit 14 Jahren trat Lucke in die CDU ein und verließ die Union 33 Jahre später, weil er mit der Eurorettungspolitik nicht einverstanden war. Der Euro und die EU wurden zu den zentralen Kritikpunkten, die Lucke in den folgenden Jahren bezogen auf die Bundespolitik äußerte. Ergebnis dieser Kritik war zunächst die eurokritische Wahlalternative 2013, aus der am 14. April 2013 die AfD hervorging. © imago
rof. Dr. Bernd Lucke im Wahlkampf für die AfD
Bereits im September 2013 engagierte sich Prof. Dr. Bernd Lucke im Wahlkampf für die AfD, wie hier auf einer Veranstaltung in Magdeburg. © IMAGO/Zoonar.com/Axel Kammerer
Bernd Lucke als Vorsitzender der AfD auf einem Parteitag
Auch Bernd Luckes Zeit in der AfD war nur eine kurze. 2014 ging er noch als Spitzenkandidat der „Alternative für Deutschland“ in den Wahlkampf für die anstehende Europawahl. Bis 2019 war Lucke im Anschluss Mitglied im Europäischen Parlament. Doch bereits 2015 deutete sich an, dass Lucke im internen Machtkampf in der AfD den Kürzeren ziehen könnte. Führende Köpfe der AfD wie Björn Höcke gerieten in Konflikt mit dem Vorsitzenden. Lucke ging und trat 2015 aus der AfD aus. Er gründete die nächste Partei: die Allianz für Fortschritt und Aufbruch (ALFA). © imago
Olaf Henkel GER Berlin 20150112 Alternative für Deutschland Prof Hans Olaf Henkel Veranstaltun
Anfang 2014 wurde die AfD-Mitgliedschaft von Professor Hans-Olaf Henkel bekannt. Einen Namen machte sich Henkel als erfolgreicher Manager bei IBM. Später wechselte er auf die Verbandsebene und wurde Präsident des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie). 2014 zog er für die AfD ins Europaparlament ein. Für ein Jahr war Henkel sogar stellvertretender Bundessprecher der „Alternative für Deutschland“. 2015 trat Hans-Olaf Henkel wieder aus der AfD aus. © imago
Hans-Olaf Henkel, hier mit Ehefrau Bettina und ihrer Zwillingsschwester Almut
Seinen Bruch mit der AfD begründete Hans-Olaf Henkel, hier mit Ehefrau Bettina und ihrer Zwillingsschwester Almut beim Bundespresseball 2019, mit dem Rechtsruck der Partei. Gegenüber dem WDR bezeichnete Henkel die AfD im Jahr 2015 als „eine Art NPD-light, vielleicht sogar identisch mit der NPD“. Sein Engagement bei der AfD sieht Henkel mittlerweile offenbar kritisch: „Wir haben ein Monster erschaffen.“ © VISTAPRESS / G. Chlebarov via www.imago-images.de
Deutschland Essen Grugahalle 4 Ausserordentlicher AfD Parteitag Bernd Lucke nach der Wahl von F
Auf Bernd Lucke folgte an der Parteispitze der AfD Frauke Petry. Die studierte Chemikerin wurde 1975 in Dresden geboren. 2013 war sie bereits neben Lucke eine der drei Parteisprecherinnen der AfD. Außerdem wurde sie im selben Jahr zur Vorsitzenden der AfD Sachsen gewählt.  © imago
Frauke Petry AfD
Im Juli 2015 schließlich kam es zum internen Machtkampf in der AfD, den Petry für sich entscheiden konnte. Doch schon zwei Jahre später war auch für sie wieder Schluss. Ende September 2017 trat sie aus der AfD aus und gründete wie Lucke ihre eigene kleine Partei: Petry nannte sie „Die blaue Partei“. © Michael Kappeler/dpa
Prof. Dr. Jörg Meuthen (M.), Bundessprecher der AfD, Deutschland, Berlin, Bundespressekonferenz, Thema: AfD - Zu den Bu
Ein ähnliches Schicksal wie Petry und Lucke ereilte auch Jörg Meuthen (Mitte). Der 1961 in Essen geborene studierte Volkswirt wurde 2015 zu einem der zwei Bundessprecher der AfD gewählt. 2019 gelang ihm der Sieg bei der Wahl zum ersten Bundesvorsitzenden der AfD. Doch schon 2021 erklärte Meuthen, nicht erneut für den Vorsitz kandidieren zu wollen. 2022 folgte dann der endgültige Austritt aus der Partei. Der ließ sich auf seine Niederlage im Machtkampf mit Björn Höcke und den rechtsextremen Kräften innerhalb der AfD zurückführen. © M. Popow/Imago
Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA)
Auftrieb erhielt die AfD auch durch ihre Nähe zur Pegida-Bewegung. Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) demonstrierten ab 2014 in Dresden und später in weiteren Städten. Immer wieder schlossen sich AfD-Leute den Demonstrationen an, darunter 2018 in Chemnitz auch Björn Höcke. © Ralf Hirschberger/dpa
Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg
Auch Adel findet sich unter den Führungspersönlichkeiten der AfD: Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, war einst bei der FDP und gehörte 2013 zu den Gründungsmitgliedern der AfD. Sie war von Dezember 2019 bis Juni 2022 stellvertretende Bundessprecherin ihrer Partei. Seit Oktober 2017 ist sie eine der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion. © Moritz Frankenberg/dpa
Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein im Sitzungssaal des schleswig-holsteinischen Landesverfassungsgerichts.
Auch Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein wurde aus der AfD ausgeschlossen. Sayn-Wittgenstein soll für einen rechtsextremistischen Verein geworben haben, der auf der sogenannten Unvereinbarkeitsliste der AfD stand. Doch die 1954 geborene Rechtsanwältin wehrte sich erfolgreich gegen den Parteiausschluss, den ein Bundesschiedsgericht 2019 beschlossen hat. Im April 2021 urteilte das Landgericht Berlin, dass der Ausschluss aufgrund formaler Fehler unwirksam sei. Damit war sie wieder Parteimitglied. Im Februar 2024 zog der AfD-Bundesvorstand seine Berufung beim Berliner Kammergericht zurück, wodurch das Urteil rechtskräftig geworden ist.  © Marcus Brandt/dpa
Alexander Gauland, heute AfD-Mitglied, früher Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung
Ein Urgestein der AfD, das all die personellen Wechsel überstanden hat und immer noch da ist: Alexander Gauland. Geboren 1941 in Chemnitz, war Gauland vor seiner aktiven politischen Karriere Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ). CDU-Mitglied wurde der gelernte Jurist bereits 1973, ab 1987 übernahm er verschiedene politische Ämter, vor allem für die Union in Hessen. CDU-Mitglied blieb Gauland bis 2013, ehe er die AfD mitgründete. Im Jahr 2017 wurde Gauland Bundessprecher der AfD (bis 2019). Von 2017 bis 2021 war er neben Alice Weidel einer von zwei Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion. 2021 gab er dieses Amt wieder ab, blieb der Partei aber als Ehrenvorsitzender erhalten. © imago
AfD-Chefin Alice Weidel
Alice Weidels Aufstieg in der AfD begann mit ihrem Parteieintritt im Jahr 2013. Zwei Jahre später wurde sie bereits in den Bundesvorstand gewählt. 2017 ernannte sie die Partei zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl. Im selben Jahr wurde Weidel neben Alexander Gauland Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, die sie vier Jahre lang führte. © Sebastian Kahnert/dpa
Alice Weidel wohnt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard
Alice Weidel wohnt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard in einer eingetragenen Partnerschaft zusammen. Das Paar hat zwei Söhne. (Archivbild) © Michael Buholzer/dpa
Tino Chrupalla bei der AfD
Neben Alice Weidel machte in den vergangenen Jahren vor allem Tino Chrupalla bei der AfD von sich reden. Einst Mitglied der Jungen Union und nach eigenen Angaben langjähriger CDU-Wähler, trat Chrupalla 2015 in die AfD ein. 2017 zog er für die Rechtspopulisten in den Bundestag ein. Im selben Jahr wurde er zu einem von fünf stellvertretenden Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion gewählt. © imago
Tino Chrupalla neben Jörg Meuthen
Im Jahr 2019 wurde Tino Chrupalla neben Jörg Meuthen zum Bundesvorsitzenden der AfD.  © Julian Stratenschulte
Alice Weidel und Tino Chrupalla
In den Wahlkampf für die Bundestagswahl 2021 zog die AfD mit einer Doppelspitze, bestehend aus Alice Weidel und Tino Chrupalla. Beide stehen seitdem als Bundessprecherin und Bundessprecher an der Spitze der Partei.  © Kay Nietfeld/dpa
Björn Höcke war zwar nie Vorsitzender der AfD,
Björn Höcke war zwar nie Vorsitzender der AfD, gilt aber dennoch als einer der einflussreichsten Personen innerhalb der rechtspopulistischen Partei. Wie Chrupalla gibt auch er an, einst überzeugter Anhänger der CDU und Mitglied der Jungen Union gewesen zu sein. 2013 trat er der AfD bei. © Christoph Soeder/dpa
Björn Höcke den AfD-Landesverband
Ebenfalls 2013 gründete Björn Höcke den AfD-Landesverband in Thüringen. Kurze Zeit später kam es zum Streit mit dem damaligen Bundesvorstand der AfD, der 2017 sogar den Parteiausschluss Höckes beantragte. Den Machtkampf mit der alten Garde der AfD gewann aber Höcke. Er ist weiterhin Parteimitglied, während Widersacher wie Bernd Lucke, Frauke Petry oder Jörg Meuthen die Partei verlassen haben. © Sebastian Kahnert/dpa
André Poggenburg in Leipzig
Anders erging es da einem einstigen Verbündeten von Björn Höcke: André Poggenburg. Gemeinsam mit Höcke hatte der ehemalige Vorsitzende der AfD Sachsen-Anhalt 2015 ein Positionspapier des „AfD-Flügels“ verfasst und damit wie Höcke den Ärger der Parteiführung auf sich gezogen. 2019 plante der AfD-Bundesvorstand, Poggenburg für zwei Jahre von allen Parteiämtern auszuschließen. Dazu kam es nicht, denn Poggenburg trat kurz darauf aus der AfD aus und gründete in alter Tradition ehemaliger AfD-Politiker eine eigene Partei unter dem Namen „Aufbruch deutscher Patrioten – Mitteldeutschland“. Inzwischen ist er parteilos. © Sebastian Willnow/dpa
AfD-Parteitag Riesa - Proteste
Mit dem Aufstieg der AfD zur bundesweiten Größe und dem Einzug in zahlreiche Landesparlamente sowie den Deutschen Bundestag mehrte sich auch der Protest gegen die Rechtspopulisten. Der AfD-Bundesparteitag in Riesa im Januar 2025 wurde von zahlreichen Demonstrationen begleitet. © Daniel Wagner/dpa
AfD-Bundesparteitag in Riesa mit Alice Weidel
Die Proteste hielten die Delegierten auf dem AfD-Bundesparteitag aber nicht davon ab, Alice Weidel zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2025 zu ernennen. Die AfD stellt damit erstmals in ihrer Geschichte eine eigene Kanzlerkandidatin. © Sebastian Kahnert/dpa

„Genügend Mehrheiten ohne die AfD“ – Koalition zwischen CDU und AfD „noch nicht denkbar“

Inwieweit ist die FPÖ ideologisch mit der AfD vergleichbar?

Es hat unter Herbert Kickl eine massive Annäherung stattgefunden. Sein Vorgänger als Parteichef der FPÖ, Norbert Hofer, hatte noch versucht, Distanz zur AfD zu wahren. Das ist aber vorüber. Das Verhältnis ist sogar sehr eng, was man auch an der geradezu euphorischen Reaktion von Alice Weidel gesehen hat auf den Regierungsbildungsauftrag von Herbert Kickl.

Ist das, was in Österreich gerade passiert, eine Art Blaupause für eine Koalition zwischen CDU und AfD?

Kurzfristig nein, langfristig ja. Die Unterschiede liegen auf der Hand. Die Umfragen zeigen, dass die Union bei der Bundestagswahl am 23. Februar noch klar vor der AfD sein wird. Es gibt in Deutschland auf Bundesebene auch noch genügend Mehrheiten ohne die AfD. Langfristig steht allerdings die Gretchenfrage einer Koalition im Raum. Deutschland befindet sich gerade da, wo Österreich vor zehn bis 15 Jahren stand. Ob es in einigen Jahren in Deutschland überhaupt noch Zweier-Mehrheiten ohne die AfD geben wird, ist unklar. Ich halte eine Koalition zwischen CDU und AfD bei dieser Bundestagswahl natürlich noch nicht für denkbar. Nach der nächsten oder übernächsten Bundestagswahl aber durchaus.

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