Barrikaden gegen Repression

Erneute Proteste in Serbien: „Bunte Revolution“ setzt Präsident Vucic unter Druck

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In Serbien gehen die Proteste gegen die Regierung weiter, auch wenn Präsident Vucic das leugnet. Land und Präsident droht ein heißer Sommer.

Belgrad – Auch trainierte Gesetzeshüter kommen in Schildkrötenpanzern ins Schwitzen. Den ganzen Tag über mussten die vermummten Staatsdiener in Kampfmontur in den brütend heißen Straßenschluchten der serbischen Hauptstadt Belgrad zu Wochenbeginn als Sperrmüllmänner tätig werden. Denn in allen Stadtteilen gab es immer neue Straßenblockaden.

Proteste in Serbien dauern an: Zahlreiche Demonstrierende verhaftet

Sobald die Polizeikolonnen aufmarschierten und die Räumung der Barrikaden innerhalb weniger Minuten forderten, zogen sich deren Errichtende zurück – und überließen der Staatsmacht das Feld. Schweißüberströmt schleppten, zogen und zerrten die Einsatzbeamten Autoreifen, Metallgatter, Müllcontainer und Stühle vom aufgeheizten Asphalt, während die abgezogenen Protestierenden die nächste Straßenkreuzung besetzten.

40 Straßenblockaden in Belgrad und 56 weitere im ganzen Land wurden allein am Sonntag von der Bürgerrechtsorganisation CRTA gezählt. Nicht immer ging deren Räumung trotz des gewaltlosen Widerstands der Demonstrant:innen friedlich über die Bühne. Knapp drei Dutzend Verhaftungen wurden von Studierendenorganisationen allein am Montagvormittag vermeldet. 

„Bunte Revolution“ gegen Serbiens Präsident – Vucic zieht die Repressionsschraube an

Serbiens autoritär gestrickter Präsident Aleksandar Vucic zieht die Repressionsschraube an. „Serbien hat gesiegt“, hatte er nach der von der Polizei blutig auseinandergeknüppelten Großdemonstration gegen die Korruption und für Neuwahlen verkündet – und weitere Verhaftungen von „Terroristen“ angedroht. Er werde „keinerlei Begnadigungen unterzeichnen“: „Haben diese Leute wirklich geglaubt, dass sie stärker sind als der Staat?“

Doch es scheint, als habe sich der zunehmend unter Druck geratene Präsident wieder zu früh über einen Pyrrhustriumph gefreut. Denn acht Monate nachdem unter den Trümmern des eingestürzten Vordachs des neu renovierten Bahnhofs von Novi Sad 16 Menschen ihr Leben verloren, vermag der lange unangefochtene Strippenzieher sein aufgebrachtes Land nicht zu befrieden. Stattdessen verliert er in dem erklärten Feldzug gegen eine angeblich vom Ausland gesteuerte „Bunte Revolution“ zunehmend die Geduld – und den Kompass.

Protestierende blockieren am Sonntagabend eine Straße in Belgrad. Am Montag folgten neue Aktionen.

Neuwahlen in Serbien nicht in Sicht – Vucics Beliebtheitswerte sind im Keller

Es sind seine abgestürzten Popularitätswerte, die Dauerwahlkämpfer Vucic von der geforderten Ausschreibung von Neuwahlen dieses Mal lieber absehen lassen. „Er traut sich nicht einmal mehr zu seinen verschobenen Wahlen“, ätzt am Belgrader König-Aleksandar-Boulevard ein Graffito. Der Staat habe „genügend Kräfte“, um die Aufrechterhaltung „von Recht und Ordnung“ zu sichern, versicherte derweil der angesäuerte Präsident zu Wochenbeginn aus dem fernen Sevilla.

Keinerlei Anstalten machen seine emsigen Polizeikräfte allerdings, in der Hauptstadt das größte und dauerhafteste Verkehrshindernis aus dem Weg zu räumen: Seit Wochen blockiert zwischen Präsidentenpalast und Parlament ein illegales, aber von den Machthabern unterhaltenes Zeltlager regimetreuer Berufscamper den Verkehr. 

Auf dem Weg nach Europa: Die Aufnahmekandidaten der EU

EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp

Proteste in Serbien: Belgrad droht ein heißer Sommer – Demonstrierende sprechen von Marathon

So steht Serbien ein heißer Sommer und stürmischer Herbst bevor. Auch von Willkürverhaftungen und Polizeiknüppeln wollen die von der Regierung wechselweise als „Verräter“, „Ustascha“, „Faschisten“ oder „Terroristen“ verunglimpften Studierenden und Protestierenden ihren Kampfgeist nicht brechen lassen – und rufen zu einem „Sommer des bürgerlichen Ungehorsams“ auf. Sie hätten „Serbien bereits geändert“, sagt die Regisseurin Mila Turajlic. Doch das sei „kein Sprint, sondern ein Marathon“.

Rubriklistenbild: © Andrej Cukic/EPA

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