„Chaotische Minenfelder“ und Sprengfallen auf 144.000km2: Russland fährt „perfide“ Strategien im Ukraine-Krieg
VonFlorian Naumann
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Wiederaufbau? Die Ukraine hat vorerst mit existenziellen Problemen zu kämpfen – mit Landminen etwa. Ein Experte aus Kiew schildert die Lage.
Kiew/München – In Berlin laufen seit Dienstag (11. Juni) Beratungen über den Wiederaufbau der Ukraine. Doch der Weg dahin ist noch sehr weit – und wird täglich länger: Denn Russland übersät das Nachbarland auf teils „fortgeschrittene und sehr perfide“ Weise mit Minenfeldern und Sprengfallen, wie Tymur Pistriuha IPPEN.MEDIA berichtet.
Pistriuha ist Chef der NGO „Vereinigung der ukrainischen Minenräumer“. Schon die nüchternen Zahlen aus seinem Arbeitsalltag im Ukraine-Krieg machen betroffen: Mindestens 1.000 Zivilisten seien in der Ukraine bereits Opfer von Minen und explosiven Hinterlassenschaften von Putins Angriffskrieg geworden. Und nach aktuellen ukrainischen Behördenangaben sind auf 144.000 Quadratkilometern Minenräumaktionen erforderlich – das entspricht einer Fläche 56 Mal so groß wie das Saarland.
Zur Wahrheit gehört auch: Neben der menschenverachtenden Strategie der russischen Armee macht den Minenräumern Personalnot zu schaffen. Und internationale Organisationen sehen auch das militärische Vorgehen der Ukraine kritisch.
Wiederaufbau in der Ukraine? Russland legt „chaotische“ Minenmuster – Opfer-Dunkelziffer hoch
„Die Ukraine ist das am stärksten von Minen kontaminierte Land der Welt“, sagt Pistriuha. Besonders ernst ist die Lage naturgemäß rund um die Frontlinien im Osten und Süden des Landes. Die meisten Minenopfer gebe es in den Oblasten Charkiw, Donezk, Mykolajiw und Cherson zu beklagen. Tatsächlich dürfte die Zahl der verletzten und getöteten Zivilisten weit höher liegen als die offizielle Ziffer von 1.000, meint der Minenräumer: Zum einen werde nicht jeder Fall gemeldet, zum anderen gebe es keinen Zugang zu umkämpften Gebieten.
Ein weiterer erschwerender Faktor: Russlands Armee und Sabotagegruppen gehen Pistriuha zufolge „sehr perfide“ vor. Minenfelder würden in „gemischten“ und „chaotischen“ Mustern angelegt, was die Räumung erschwere. Und: „Sie nutzen sehr oft Sprengfallen und improvisierte Explosionsvorrichtungen.“ Nach Rückzug gebe Russland keine Informationen über die Lage von Minen, rügt er zudem. Tatsächlich gibt es Berichte auch über Tote unter russischen Soldaten bei Rückzügen durch eigene Minenfelder.
Minenräumer in der Ukraine: Roboter, Drohnen, Improvisiertes – aber zu wenig Menschen?
Die Minenräumer in der Ukraine haben also eine Herkulesaufgabe vor sich. Dabei helfen auch Hightech-Lösungen: Kampfmittelbeseitigungs-Roboter in ukrainischen Diensten (im Militärjargon „EOD“ für „Explosive Ordnance Disposal“ genannt) haben auch im Westen mediale Aufmerksamkeit erregt. Auch Drohnen und Künstliche Intelligenz sind laut Pistriuha in Nutzung – „jede verfügbare Technologie“ sei in Test, Einsatz oder Überprüfung. Einige Lösungen können auch skurril anmuten; in jedem Falle erfinderisch. Doch es mangelt an Menschen, wie er einräumt.
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Das „Ausmaß der Tragödie“ sei so „ungeheuerlich“, dass es an Hilfe in Person von Minenräumern fehle. „Die Rekrutierung von humanitären Minenräumern ist aktuell ein Problem in der Ukraine“, sagt Pistriuha. Die Regierung versuche, mit Gesetzesänderungen gegenzusteuern, erklärt er – ohne näher ins Detail zu gehen. Bekannt ist aber, dass es auch dem ukrainischen Militär an Personal fehlt. Erst im Mai ist nach langem Ringen ein neues Mobilisierungsgesetz in Kraft getreten.
Setzt auch die Ukraine Landminen ein? – NGO-Chef wünscht sich Unterstützung aus dem Westen
Wie meist in Kriegen gibt es aber wohl auch bei den Minen in der Ukraine zwei Seiten. Ob auch das ukrainische Militär Minen einsetze? „Keine Antwort. Das ist nicht unser Kompetenzfeld“, erklärt Pistriuha knapp. Die NGO Human Rights Watch hat zwar Russlands Vorgehen hart verurteilt – aber in mindestens einem Fall auch ukrainischen Landminen-Einsatz: 2022 in der Region Isjum, also auf eigenem Territorium. Die Ukraine versprach im Sommer 2023, den Fall zu prüfen.
Ein weiteres Problem ist laut der Forschendengruppe „Mine Action Review“ die Verwendung von Streumunition. Häufig explodieren Teile der Munition nicht unmittelbar – und können noch Jahre später arglose Menschen verletzen. Auch hier ist wohl nicht allein Russland das Problem: Im Sommer 2023 lieferten die USA die weithin geächtete Munition auch an die Ukraine. Die Experten von „Mine Action Review“ scheinen gleichwohl die russische Armee als Hauptverursacher des Leids zu sehen. Schon seit Beginn der Invasion habe Russland in „erheblichem Maße“ Minen genutzt – darunter auch eine neue Variante, die extrem schwer zu entschärfen sei.
Pistriuha, der mit den Auswirkungen des Mineneinsatzes umgehen muss, richtet einen indirekten Appell auch an die Wiederaufbaukonferenz in Berlin: Die humanitäre Minenräumung sei „ziemlich teuer“ – und jedes Wiederaufbauprogramm auf sie angewiesen. „Deshalb haben wir dringenden Bedarf an Finanzmitteln für unsere Aktivitäten. Um sie auszuweiten oder neue Technologien einzusetzen. Und um unser Land wieder in Stand zu setzen.“ (fn)